Jugendlichen in Not zu helfen, ist für Betreuer ein mühsamer Prozess. In der Münchner "Flex"-WG versucht ein engagiertes Team es trotz vieler Widrigkeiten. Vier Schicksale.
Der Kaffee ist kalt geworden, der Nusszopf ist fast aufgegessen, und durch den Raum schwirren die Worte. Hilfeplan. Motivationsbausteine. Kostenträger. Qualitätsoffensive. Worte aus einer Welt, in der Erwachsene jungen Menschen helfen wollen. Suchtgefahr, Auslandsaufenthalt, Alkoholexzess. In einem alten, blauen Haus am Auer Mühlbach leben in einer WG acht Jugendliche. Ihre Biografien erinnern an die jener Täter, die als U- und S-Bahn-Schläger das Land geschockt haben.
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Das HPKJ-Haus "Flex" am Neudeck in der Au in München ist eine Anlaufstelle für schwierige Jugendliche. (© Foto: Rumpf)
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Angela Bauer sitzt auf einem roten Sofa, auf ihm sind schon viele junge Leute gehockt, haben geweint, getobt oder gebeichtet. Zuletzt haben sie hier viel geredet über die Tat von Solln, die Schläger und das Opfer. Wenn man an Angela Bauer vorbei zum Fenster rausschaut, sieht man ein Gebäude mit vergitterten Fenstern, bis vor kurzem Gefängnis, Jugendarrest. Dazwischen plätschert der Bach. "Nicht jeder Jugendliche kriegt die Hilfe, die er braucht", sagt Angela Bauer. Und irgendwann, mit einem Mal, verwandeln sich abstrakte Begriffe in konkrete Schicksale. Auf dem roten Sofa haben vier Jugendliche Platz genommen, sie berichten von Drogen, Tritten, Hoffnungen, und von vier Versuchen, das Leben einzufangen.
Tina hat in drei Familien gelebt und schlägt schon mal zu, wenn es Ärger gibt.
Daniel saß im Auto, in dem seine Mutter starb, und ist stolz, dass ihn die Polizei noch nie erwischt hat beim Klauen.
Frank hat es bis in die eigene Wohnung geschafft - aber dann der Alkohol.
David ist Punker und besucht das Gymnasium.
Das blaue Haus heißt "Flex" und gehört einem Verein mit einem Namen, der so kompliziert klingt, wie seine Arbeit ist: Heilpädagogisch-psychotherapeutische Kinder- und Jugendhilfe, kurz: HPKJ. Angela Bauer ist Chefin des Vereins, Michael Wantschura leitet die Flex-WG. Acht junge Leute zwischen 14 und 18 leben hier für ein, zwei, drei Jahre; doch die Betreuer gehen auch raus, besuchen ihre Klienten in deren Wohnungen oder suchen sie, bei Freunden, in Parks, am Stachus. Keiner soll verloren gehen.
Am Anfang geht es noch nicht um pädagogische Pläne, es geht ums Reden und Zuhören. Lange, sagt Wantschura, lange dauert es, bis ein junger Mensch "andockt". Vom Andocken sprechen sie gerne in der Jugendhilfe, das erinnert ein bisschen an ein kleines Boot in stürmischer See. Es muss einen Anker herablassen, und die Helfer müssen ihn greifen können, beides ist nicht so einfach. Bei Sebastian L., einem der mutmaßlichen Täter von Solln, ist den Helfern in drei Heimen genau dies nicht gelungen, er trieb weiter ab.
Tina ist mit fünf Jahren von ihrer Mutter weggekommen, weil diese drogensüchtig ist. "Meinen Vater kenn' ich nicht." Es hatte oft nichts zu essen gegeben daheim, das Kind futterte dann rohe Fischstäbchen; auf sie aufgepasst hat ihre Tante - die Tante war damals sieben Jahre alt. In der ersten Pflegefamilie lebte Tina zweieinhalb Jahre lang, sie fühlte sich geborgen, aber dann trennten sich Ersatzmama und -papa.
Jugendliche dürfen so sein, wie sie sind In der zweiten Pflegefamilie war sie fast fünf Jahre, aber dort, erzählt sie, habe es irgendwann Schläge gegeben. Sie kam in ein Heim nach Freising, für ein Jahr, dann ging dort die Betreuerin weg, sie war wie eine Mutter für Tina gewesen. "Da hatte ich auch keinen Bock mehr." Sie muss in die Psychiatrie, weil sie sich die Arme aufritzt. Im Sommer 2009 kommt Tina ins blaue Haus, da ist sie 13. Über ihre Mutter sagt sie: "Ich hasse sie."
Wenn sie in die Flex-WG kommen, dürfen die jungen Leute erst mal so sein, wie sie sind. Laut, stark, verletzend, sie dürfen trinken und kiffen, nur nicht im Haus. Würde man es ihnen von heute auf morgen verbieten, sie würden abhauen und nie mehr einen Anker auswerfen. "Interessiert sich dieser Mensch für mich, oder bin ich nur eine Akte?" Diese Frage, sagt Wantschura, stellen sich alle Jugendlichen im Heim. "Sie kriegen das schnell raus", ob ihr Betreuer ihr Anwalt ist. Dieses Vertrauen der Kinder erwerbe man nicht in ein paar Tagen, es dauere Monate, oft Jahre. Ohne Vertrauen kein Andocken, und ohne Andocken bleibt jeder Helfer hilflos.
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...hat viele Kinder doch erst dorthin gebracht wo sie sind.Es muss nicht so weit kommen,dass Kinder in Heime abgeschoben werden.Aber dazu muss unser Staat lernen,präventiv zu denken.Aber leider ist das nicht möglich,da die Prävention oft nicht in der selben Legislaturperiode Wirkung zeigt in der sie beschlossen wird.
Außerdem ist dem Proletariat leichter zu vermitteln,dass man die Kinder im Nachhinein wegsperrt,als das man ihnen vorher hilft.
Ich habe noch nie eine Bild-Schlagzeile gelesen,die sich über die Sparmaßnahmen bei der Jugendarbeit mukiert.Es wird immer nur das Proletariat angestachelt,wenn es bereits zu spät ist!