Jüdisches Leben in München Raus aus dem Hinterhof

Konzerte, Ausstellungen, Filmfest: Seitdem es das Zentrum am Sankt-Jakobs-Platz gibt, blüht das Leben der Israelitischen Kultusgemeinde in München wieder auf. Die liberalen Juden von "Beth Shalom" hoffen auf eine ähnliche Renaissance mit einer eigenen Synagoge im Lehel.

Von Jakob Wetzel

Sie soll strahlen, so wie früher. Gelber Marmor rahmte den Thora-Schrein in der Synagoge in der Reichenbachstraße 27, die Wände leuchteten türkis, die Decke und die Frauenempore in sanftem Beige. Kräftige Farben bestimmten den Vorraum, die Wochentagssynagoge. Bis 2015 soll die Synagoge restauriert werden, Bund, Stadt und Freistaat schießen Geld zu, ein eigens gegründeter Verein will den alten Glanz aufleben lassen - im Inneren. Nach außen war sie stets unauffällig, gelegen in einem Innenhof, und selbst von dort kaum als Sakralbau zu erkennen.

Die Synagoge in der Reichenbachstraße ist die älteste erhaltene Synagoge Münchens. Bis 2006 feierte die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) hier ihre Gottesdienste. Die Synagoge ist ein architektonisches Juwel - und sie ist Zeugnis für ein Judentum, das in München der Vergangenheit angehört: für ein zurückgezogenes, verstecktes Gemeindeleben, ein Leben im Hinterhof. Dieses Dasein endete in München 2006: mit der Einweihung des jüdischen Gemeindezentrums am Sankt-Jakobs-Platz.

Wer in Deutschland an Juden denke, der sehe vor sich würdige, fromme Greise mit Bart und verwitterte Grabsteine. Die jüdische Religionswissenschaftlerin Pnina Navè Levinson hat diesen Satz geprägt, er beschreibt ein Missverständnis, wie es entsteht, wenn es kein Miteinander zwischen Juden und Nicht-Juden gibt, keinen Dialog, wenig Kontakt. Und Ellen Presser zitiert diesen Satz, wenn sie beschreiben will, was sich in München geändert hat. Presser leitet das Kulturzentrum der IKG. Sie ist mit verantwortlich dafür, dass das jüdische Gemeindezentrum ein solcher Ort des Dialogs geworden ist.

Das jüdische Zentrum am Sankt-Jakobs-Platz solle ein Schaufenster des Judentums sein, sagt Ellen Presser. Sie will lebendig und authentisch informieren, auch unbefangen, das Judentum sei schließlich keine missionierende Religion. Doch es geht auch darum, Klischees zu begegnen und Berührungsängste abzubauen, mit Vorträgen, Literaturabenden, jiddischem Kabarett oder mit großen Ereignissen wie den Jüdischen Filmtagen, die vergangene Woche begonnen haben und heuer bereits zum vierten Mal stattfinden. Bis zu diesem Mittwoch werden Filme gezeigt. Am 17. Februar ist der Höhepunkt des Festivals: Das Orchester Jakobsplatz begleitet den Stummfilm-Klassiker "Der Student von Prag", er gilt als weltweit erster Kunstfilm.

Dass Veranstaltungen wie die Filmtage möglich sind, verdankt Ellen Presser der neuen Infrastruktur am Sankt-Jakobs-Platz. Das Kulturzentrum der IKG existiert bereits seit 30 Jahren, doch erst nach dem Umzug gab es die notwendigen Räume, um ein großes Publikum zu erreichen. Im jüdischen Gemeindezentrum befinden sich zwei Veranstaltungssäle, der größere von beiden, der Hubert-Burda-Saal, ist mit bis zu 504 Sitzplätzen der größte Saal in der Münchner Innenstadt zwischen Residenz und Gasteig. Die Räume sind zu mieten. So fand hier unter anderem 2010 der große Festempfang für die Ehrengäste zur Eröffnung des Ökumenischen Kirchentags in München statt.

Mit dem neuen Zentrum seien die Gemeinde und ihr Kulturprogramm schlagartig neu wahrgenommen worden, sagt Ellen Presser: "Es war, als hätten wir uns eine Tarnkappe vom Kopf gezogen." Die Synagogenführungen sind beliebt, an fünf Tagen pro Woche finden mindestens drei Führungen statt. 250 000 Besucher nahmen bislang teil, heißt es bei der Kultusgemeinde, das Interesse sei ungebrochen. Veranstaltungen im großen Saal des Gemeindezentrums sind zuweilen so gut besucht, dass die Gemeinde eine Live-Übertragung in einen Nebenraum einrichtet.

Das Kulturzentrum unterhält außerdem ein Archiv, eine Bibliothek und eine jüdische Volkshochschule. Und es gibt das koschere Gemeinderestaurant "Einstein", es steht jedem offen. Die Speisekarte ist international, sie reicht von Wiener Schnitzel über Humus bis zu mediterraner Küche. Es gibt Gerichte aus allen Teilen der Welt, aus denen Juden nach Israel eingewandert sind. Beliebt ist der Apfelstrudel ohne Milchprodukte.