Judenverfolgung unter den Nazis Die Geschichte der mutigen Elisabeth Braun

Elisabeth Braun (stehend, mit weißer Bluse) im Kreis ihrer Familie, um 1905. Rechts neben ihr Stiefmutter Rosa Braun, vor ihr sitzt der Vater Julius Braun.

(Foto: privat)
  • Das Hildebrandhaus in München, eine der schönsten Künstlervillen der Stadt, wurde zur Nazizeit Schauplatz schwerwiegender Verbrechen.
  • Die Schriftstellerin Elisabeth Braun hatte das Haus 1934 gekauft und nahm kurz darauf 15 Menschen jüdischer Herkunft dort auf.
  • Braun wurde von den Nazis enteignet, verschleppt und ermordet. Auch die beherbergten Juden wurden alle getötet oder nahmen sich das Leben.
  • Zwei Historiker haben für ein Buch nun lange Zeit Quellen durchforstet.
Von Wolfgang Görl

Neben dem Portal des Hildebrandhauses, in dem die Monacensia, das Literaturarchiv der Stadt, residiert, ist eine Gedenktafel angebracht. Der Kopf einer jungen Frau ist zu sehen, verhaltenes Lächeln, und dazu eine Inschrift: "Die Schriftstellerin Elisabeth Braun erwarb 1934 das Hildebrandhaus. Sie zog im November 1938 hier ein, wo ihre Stiefmutter Rosa Braun bereits seit vier Jahren wohnte. Die Nationalsozialisten enteigneten Elisabeth Braun 1941, verschleppten sie nach Kaunas/Litauen und ermordeten sie am 25. November 1941 wegen ihrer jüdischen Herkunft. Seit 1937 nahm Elisabeth Braun 15 verfolgte Menschen jüdischer Herkunft in das Hildebrandhaus auf. Sie wurden ebenfalls ermordet oder nahmen sich das Leben."

Dies ist die Kurzversion einer Geschichte, die den Leidensweg einer mutigen Frau schildert und dabei exemplarisch dokumentiert, wie der NS-Staat Raub und Mord als amtlichen Vorgang betrieb. Der systematischen Ausplünderung folgte die systematische Vernichtung. Der Schauplatz des Verbrechens ist eine der schönsten Münchner Künstlervillen, das Hildebrandhaus am Bogenhausener Isarhochufer, das Elisabeth Braun am 25. September 1934 für 62 280 Mark gekauft hat.

Amerikaner und Deutsche erforschen zusammen Judenverfolgung

Das Holocaust Memorial Museum in Washington sammelt zentral alle Quellen zur Geschichte der Judenverfolgung. Material aus Bayern ermöglicht nun einzigartige Einblicke. Von Hans Kratzer mehr ...

Zu dieser Zeit waren bereits dunkle Wolken über München aufgezogen, Hitler war seit eineinhalb Jahren an der Macht, die Terrormaschinerie der Nazis war längst angelaufen. Gegner des Regimes wie Thomas Mann, dessen Villa, die "Poschi", ein paar hundert Meter isarabwärts vom Hildebrandhaus stand, waren ins Exil geflüchtet, andere hofften noch, dass die Nazi-Herrschaft zusammenbrechen würde. Vielleicht auch Elisabeth Braun - aber sicher weiß man das nicht.

Überhaupt ist das Bild, das sich vom Leben dieser Frau zeichnen lässt, reichlich verschwommen. Private Hinterlassenschaften gibt es so gut wie gar nicht, fast alles, was ihren Lebensweg dokumentiert, steht auf Formularen, welche die NS-Behörden angefertigt haben. Selbstredend sind dies schmutzige Quellen, deren Natur man im Auge behalten muss, wenn es gilt, das damalige Geschehen zu rekonstruieren. Dass es mehr zu erzählen gibt, als biografische Eckdaten, ist nicht zuletzt ein Verdienst von Christiane Kuller und Maximilian Schreiber. Die beiden Historiker haben in Akten und Archiven gewühlt und das Ergebnis ihrer Forschung in ihrem Buch "Das Hildebrandhaus" publiziert.

Elisabeth Braun wurde im Juli 1887 in München geboren. Franziska und Julius Braun, ihre Eltern, waren Juden, der Vater hatte ein florierendes Schneideratelier in der Theatinerstraße. Er entstammte einer alteingesessenen Münchner Kaufmannsfamilie, die es sich leisten konnte, ein Eckhaus in bester Innenstadtlage zu erwerben. Seine Tochter Elisabeth begann im Wintersemester 1913/14 ein Philosophie- und Staatswissenschaftenstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität, das sie einige Male unterbrach und 1925 beendete.

Der familiäre Wohlstand versetzte sie offenbar in die Lage, auf einen Brotberuf fürs Erste zu verzichten. Im Wintersemester 1931/32 immatrikulierte sie sich erneut, diesmal wählte sie Jura als Studienfach. Nebenher besuchte sie eine Privatschule und absolvierte ein Lehrerexamen für neuere Sprachen. Als Lehrerin, so vermuten Kuller und Schreiber, hat sie jedoch nie gearbeitet. Als ihren Beruf gab sie Schriftstellerin an, literarische Texte aus ihrer Feder sind bislang aber nicht aufgetaucht. Denkbar wäre, dass sie in der NS-Zeit unter Pseudonym publiziert hat.

In diesem Schreiben fordert die Regierung von Oberbayern Elisabeth Braun 1939 ultimativ auf, ihr Haus zu verkaufen.

(Foto: Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern)

Ob sie sich mit religiösen Themen beschäftigt hat? Die Vermutung liegt nahe, der Glaube hat sie offenkundig beschäftigt. 1920 verließ Elisabeth Braun, zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre alt, die israelitische Kultusgemeinde und trat der evangelisch-lutherischen Kirche bei. Warum sie diesen Schritt unternahm, ist nicht überliefert. Kuller und Schreiber vermuten, "dass ihr der Übertritt eine Herzensangelegenheit war und sie sich aus echter Glaubensüberzeugung taufen ließ". Dafür spricht, dass sie ihr Vermögen testamentarisch der evangelischen Kirche vermacht hat.

Für die Nazis hatte die christliche Taufe einer Jüdin nichts zu bedeuten. Als Jude, so die perfide Logik ihrer rassistischen Ideologie, wird man geboren, und man bleibt es auch dann, wenn man sich zum Christentum bekennt - mit der Folge, im NS-Staat existenziell bedroht zu sein. Angesichts des unverhohlenen Antisemitismus der Nationalsozialisten erscheint es auf den ersten Blick befremdlich, dass Elisabeth Braun im Herbst 1934 ein Haus kaufte. Offenbar, so darf man schließen, fühlte sie sich in München und in Deutschland noch immer sicher.

Wer dies heute, mit dem Wissen um den Holocaust, für naiv hält, verkennt, dass sich meisten Zeitgenossen noch gar nicht vorstellen konnten, welche mörderischen Konsequenzen der Antisemitismus haben würde. Darauf weisen auch Christiane Kuller und Maximilian Schreiber in ihrem Buch hin: "Gerade diejenigen, die von der Verfolgung betroffen waren, hofften auf schnelle Änderung der politischen Situation. Viele meinten, die Nationalsozialisten würden nicht lange an der Macht bleiben. Nur wenige hatten das Gefühl der Panik oder auch nur der Dringlichkeit."

Einer, der ahnte, welche Folgen die NS-Diktatur haben würde, war Dietrich von Hildebrand. Er war der Sohn des Bildhauers Adolf von Hildebrand (1847-1921), der 1890 den Auftrag erhalten hatte, den Wittelsbacher Brunnen am heutigen Lenbachplatz zu gestalten. Weil daran die Bedingung geknüpft war, nach München zu ziehen, verlegte er seinen Wohnsitz von Florenz an die Isar, wo er sich ein repräsentatives Wohn- und Atelierhaus in der Maria-Theresia-Straße errichten ließ. Um die Jahrhundertwende unterhielten die Hildebrands hier einen Salon, in dem sie Philosophen, Schriftsteller, Musiker und Künstler empfingen.