Joggen in München Slalom durch die Grabsteine

Der Alte Nordfriedhof hat sich zur Stammstrecke der Jogger entwickelt - vielleicht weil einem die Grabsteine die eigene Vergänglichkeit vor Augen führen.

Von Anna Fischhaber

Nur schwer finden die Sonnenstrahlen den Weg durch die dichten Baumkronen, im fahlen Licht heben sich die großen Steine düster gegen den Himmel ab. Der Kies knirscht unter den Laufschuhen, noch eine letzte Runde. Es geht vorbei am verwitterten Grab von Karolina Franziska Roos und ihrer Tochter, die 1896 Opfer eines schlagzeilenträchtigen Raubmordes geworden sind. Bald lässt der Läufer auch das Efeu-umrankte Kreuz mit der goldenen Inschrift "Die Liebe höret nimmer auf" hinter sich und gelangt durch das schmiedeeiserne Tor ins Freie. Wieder einmal ist er dem Friedhof entronnen - oder besser gesagt entrannt.

Jogger dürfen auf ein längeres und gesünderes Leben hoffen, und so wird auch in München gerne und viel gelaufen - an der Isar, durch den Englischen Garten und auf dem Friedhof. Der Alte Nordfriedhof (auch Alter Nördlicher Friedhof) an der Arcisstraße hat sich dabei zur Stammstrecke der Maxvorstädter Läufer entwickelt. Zwar wollen die neonfarbenen Joggingklamotten nicht so recht zu den verwitterten Kreuzen und den moosbewachsenen Grabplatten passen, doch der Gottesacker ist ein Dasein gewohnt, das dem Alltag der Lebenden weit näher steht als der Ewigkeit.

Der Friedhof mit den hohen Backsteinmauern, die den Lärm der Stadt dämpfen, ist so etwas wie eine Ruheoase mitten im hektischen München. Für viele Anwohner ist die grüne Insel im Sommer ein Ersatzgarten - auf der Parkbank hält man einen Plausch mit den Nachbarn, manch Besucher bringt sogar seine Hängematte mit oder feiert im Schatten der Grabsteine Kindergeburtstag. Auch nach Einbruch der Dunkelheit geht es auf dem Friedhof nicht besonders gruselig zu. Dann drehen die Jogger hier ihre Runden.

Groß ist die quadratische Fläche mit dem Schachbrettmuster aus Wegen nicht. Auch muss man sich bisweilen mit empörten Zeitgenossen auseinandersetzen, die sich angesichts von so viel Leben auf einem Friedhof über Pietätlosigkeit empören. Dennoch erfreut sich der Alte Nordfriedhof bei den Joggern großer Beliebtheit - vielleicht weil gerade die Gräber einem die eigene Vergänglichkeit so deutlich vor Augen führen.

Ein Stück Stadtgeschichte

Dabei wird hier schon lange niemand mehr begraben. Der Alte Nordfriedhof ist seit mehr als einem halben Jahrhundert im Ruhestand. Überhaupt wurde der Gottesacker nur ein Menschenleben lang, nämlich genau 71 Jahre, als Ruhestätte für die Toten genutzt. Im Zuge des Gräbermangels in München Mitte des 19. Jahrhundert war der Alte Nordfriedhof nach den Plänen von Stadtbaurat Arnold Zenetti entstanden. Bei der Eröffnung 1868 umfasste er rund 9000 Familiengräber und 30 Grüfte in den Arkaden.

Unter den Nazis wurde der Beerdigungsbetrieb 1939 schließlich eingestellt. Im Zuge des Umbaus von München zur Hauptstadt der Bewegung sollten die Toten einer Prachtallee weichen, da half auch der Protest der Angehörigen nicht. Auch soll Hitler den Wunsch geäußert haben, auf einem Teil des Geländes einen Alterswohnsitz zu errichten. Der Sieg der Alliierten ersparte den Münchnern diese Pläne. Dennoch wurde der Alte Nordfriedhof in der Nachkriegszeit nicht wieder eröffnet - Bombenangriffe während des Krieges hatten ihn zu stark in Mitleidenschaft gezogen.

Ohnehin waren die meisten Grabfelder schon belegt. Mehr als 60.000 Menschen sind auf dem Alten Nordfriedhof bestattet worden. Heute sind nur noch rund 850 der Grabstätten erkennbar. Viel Prominenz findet man auf dem Alten Nordfriedhof nicht, aber einige der Grabstätten erzählen ein Stück Münchner Geschichte. So hat etwa Wilhelm Bauer, Erfinder des U-Bootes, hier seine letzte Ruhe gefunden. Und wer beim Dehnen genau hinschaut, der kann noch die Umrisse des von ihm entwickelten "Brandtauchers" auf der ovalen Grabplatte erkennen.

Alter Nördlicher Friedhof Arcisstraße 45 80799 München

Slalom durch die Grabsteine

mehr...