Jobs auf dem Oktoberfest Mama, Psychologin, Klofrau

Toiletten schrubben auf dem Oktoberfest. Eine Horrorvorstellung? Silke Amelung macht das seit 13 Jahren. Die Klofrau ist viel mehr als eine Putze. Manchmal gibt sie sogar ihr letztes Hemd.

Interview: Deniz Aykanat

Wieder ein Tag geschafft: Silke Amelung hakt die Tage auf ihrem Wiesn-Kalender ab.

Lärmende Betrunkene in Schach halten, aufwischen, was andere nicht mehr bei sich behalten konnten: Metzgerin Silke Amelung, 41, aus Niedersachsen ist Klofrau im Bräurosl-Zelt. Gemeinsam mit ihrer Freundin Bärbel, die eigentlich Krankenschwester ist, reist sie Jahr für Jahr aus Peine nach München.

Süddeutsche.de: Frau Amelung, Sie sind seit 13 Jahren Klofrau in der Bräurosl. Ekeln Sie sich nicht vor dem ganzen Dreck?

Silke Amelung: Wenn ich mich ekeln würde, wäre ich hier fehl am Platz. Eigentlich bin ich Metzgerin. Das ist ganz praktisch, da ist man abgehärtet. Manche Besucherinnen schaffen es eben nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette. Aber das ist gar nicht so schlimm. Wir Klofrauen sind schließlich dafür da, das wegzumachen.

So viele Betrunkene, ist das nicht auch ein gefährlicher Job?

Klar, es kann immer etwas passieren, es laufen ja genug Verrückte auf der Wiesn herum. Nach Hause gehe ich deshalb immer zusammen mit meiner Kollegin Bärbel. Aber Angst darf man vor den Gästen nicht haben, nur Respekt. Ich habe durch den Job eine sehr gute Menschenkenntnis entwickelt. Ich merke sofort, wie die Leute drauf sind. Wenn ich einen betrunkenen, aggressiven Gast freundlich begrüße, wird er auch wieder freundlich. Wenn die am Klo um die Ecke biegen und Bärbel steht schon mit der Trillerpfeife da, dann ist für die doch alles super. Alles lacht und tanzt mit. Die Bärbel ist absolute Spitze darin, die Leute zu motivieren, die tanzt und singt mit denen. Wir machen eigentlich alles mit.

Wie bereiten Sie sich auf die Wiesn vor?

Ich nehme jedes Jahr vier Wochen Urlaub für das Oktoberfest. Um mich vorzubereiten, stehe ich eine Woche vorher jeden Tag morgens um sechs Uhr auf und gehe abends gegen elf ins Bett. Ich muss schließlich in den Wiesn-Rhythmus kommen.

Wie kommt eine Frau aus Peine in Niedersachsen überhaupt zu einem Job als Klofrau auf dem Münchner Oktoberfest?

Meine Tante kommt von hier und hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, zum Arbeiten auf die Wiesn zu kommen. Eigentlich wollte ich nicht, habe mich dann aber doch breitschlagen lassen, wenigstens einmal als Aushilfe mitzukommen. Seitdem habe ich den Wiesn-Virus, dieses Jahr ist mein 13. Oktoberfest. Das Feeling und die Atmosphäre sind einfach Klasse, es ist wie eine Sucht.

Gibt es Gäste, die man nie vergisst?

Oh ja und das war sogar gleich auf meiner ersten Wiesn. Zu später Stunde ging eine Dame, sie war so Mitte 40, noch auf die Toilette. Als ich Feierabend machen wollte, war sie immer noch drin. Ich öffnete also die Tür von außen und da stand sie betrunken und nur noch mit ihrem BH bekleidet vor mir. Ihre Anziehsachen waren überhaupt nicht mehr brauchbar. Die Dame musste aber noch nach Ingolstadt zurück. Ich habe ihr dann mein T-Shirt gegeben - das hat sie als Minikleid angezogen. Und ich habe selbst nur in BH und einer Jacke darüber fertig geputzt. Ich konnte die ja nicht, so wie sie aussah, gehen lassen. Die hat sich so gefreut, dass sie mir 50 Mark geschenkt hat. Der Frau war das Ganze natürlich unglaublich peinlich. Aber so etwas kann einem auf dem Oktoberfest eben passieren. Und wenn ich helfen kann, dann helfe ich auch.

Sie sind immer auf der Damen-Toilette eingeteilt. Frauen können ja auch ganz schön zickig sein - vor allem, wenn Alkohol im Spiel ist.

Als Klofrau ist man Mama, Psychologin und Mediatorin in einem. Auf der Toilette wird geheult und gestritten, manchmal kriegen sich zwei Damen auch in die Haare. Die Wiesn-Zeit stellt so manche Liebe eben auf die Probe. Ich bemutter die Mädels einfach ein bisschen und drück sie und alles ist wieder gut. Wenn nicht, schicke ich die eine zum Eingang hinaus und die andere beim Ausgang, damit die sich nicht wieder begegnen.

So eine Toilette ist ja auch der einzige Rückzugsort im Bierzelt.

Manche Mädels kommen gar nicht mehr aus den Toiletten heraus. Meistens liegt das aber einfach daran, dass sie eingeschlafen sind. Ich mache dann die Tür auf und wecke die Damen. Dann dürfen sie sich noch ein bisschen ausruhen und dann geht es wieder zurück ins Getümmel.

Was gefällt Ihnen am wenigsten an Ihrem Job?

Ich hasse das frühe Aufstehen. Ich bekomme hier wirklich wenig Schlaf und die obligatorische Wiesn-Erkältung hole ich mir auch jedes Jahr. Und dann sind da noch die 91 Treppenstufen hoch zu der Wohnung, in der wir während der Oktoberfestzeit unterkommen. Wir wohnen bei zwei Mädels in einer Studenten-WG. Die finden das super, dass sie zwei echte Wiesn-Klofrauen bei sich beherbergen dürfen.

Was machen Sie, wenn Sie doch mal die Sehnsucht nach zu Hause packt?

Während der Wiesn rufe ich jeden Tag bei meinem Partner und meinen Eltern an. Sie sagen mir immer, ich soll aufpassen. Außerdem haben meine Kollegin Bärbel und ich unseren Wiesnkalender. Der hängt hinten bei den Toiletten und jeder Tag wird abgehakt. Für uns ist der Kalender auch wichtig, damit wir überhaupt wissen, welches Datum gerade ist. Manchmal haben wir keine Ahnung, wie lange wir noch arbeiten müssen. Man verliert in dieser Bierzeltwelt das Zeitgefühl.