Jahresbilanz Verrücktes Wetter, verwirrte Natur

Eine Frau trocknet sich nach dem Schwimmen im Tegernsee ab - am 20. Dezember.

In München war es in diesem Jahr deutlich wärmer als üblich. Die Folge? Schwitzende Menschen, liebestolle Vögel und blühende Pflanzen - auch im Dezember.

Von Thomas Anlauf

Die Amsel ist nun doch verstummt. Noch am Sonntag saß das Schwarzdrosselmännchen in einem Baum am Viktualienmarkt und besang hartnäckig den vermeintlichen Frühling. Seit zwei Tagen ist es stiller um den liebestollen Vogel geworden, der Winter kündigt sich nun endlich langsam an. Doch die extrem milden Temperaturen im November und Dezember haben in München schon seltsame Blüten getrieben.

Eine Zauneidechse auf Nahrungssuche, Bienen, die kurz nach Weihnachten ihrer Arbeit als Pollensammlerinnen nachgehen, Huflattich, der statt im März mitten im Dezember blüht: "So etwas hatten wir noch nie", sagt Heinz Sedlmeier vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) in München. Erst vor wenigen Tagen entdeckte der Geschäftsführer des Kreisverbands einen Weißdornstrauch in der Stadt, der am selben Ast blühte und Früchte trug.

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Ein wochenlanges Hochdruckgebiet über dem Mittelmeerraum bescherte dem Raum München im Dezember extrem milde Temperaturen, am vierten Advent sonnten sich Ausflügler bei 18 Grad Celsius auf dem Hohenpeißenberg in knapp 1000 Metern Höhe. "Das ewige Hoch hat erheblichen Einfluss auf die Vegetation", sagt Sedlmeier. Bundesweit war es der mit Abstand wärmste Dezember seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, in München war es um 5,7 Grad wärmer als im langjährigen Schnitt. Am 25. Dezember kletterte das Thermometer an der Station des Deutschen Wetterdienstes (DWD) auf knapp 15 Grad.

Der Dezember spiegelt ein Jahr wider, in dem das Wetter oft verrückt spielte. Nach kräftigen Schneefällen rund um Neujahr herrschte bei den S-Bahnen, auf den Münchner Straßen und am Flughafen zum Teil Chaos. Nur wenige Tage später schnellte das Thermometer auf frühlingshafte 13 Grad - ein extremer Ausschlag nach oben im Vergleich zum langjährigen Temperaturmittel um den Gefrierpunkt im Januar (Grafik). Dennoch zog das Münchner Baureferat eine frostige Bilanz: Im vergangenen Winter fiel an 22 Tagen Schnee, im Jahr davor waren es nur sieben Tage gewesen. Knapp 16 000 Tonnen Rollsplitt verstreuten die Mitarbeiter des Baureferats auf Münchner Straßen und Wegen, mehr als dreimal so viel wie im Winter davor.

Auch der Frühling kam mit Wucht: Orkan Niklas fegte am 31. März über Oberbayern hinweg. Die Münchner Forstbetriebe mussten anschließend 50 000 Bäume aus den städtischen Wäldern und Grünanlagen holen, die teilweise wochenlang für Besucher gesperrt blieben. Auch der Hauptbahnhof musste über Nacht abgeriegelt werden, weil der Sturm die Dachkonstruktion beschädigte, Tausende Bahnreisende hingen in München fest.

Das Jahr 2015 war ein Jahr der Extreme, was das Wetter betrifft.

(Foto: SZ-Grafik)

Der Sommer ließ ein wenig auf sich warten, wollte dann aber nicht mehr weichen. Als "deutlich zu warm, sehr sonnenscheinreich und zu trocken" bezeichnete DWD-Leiter Volker Wünsche den Sommer 2015 in München. Juli und August waren knapp fünf Grad wärmer als im langjährigen Mittel.

Vielen Münchnern machten vor allem die zahlreichen Hitzetage zu schaffen: Statt wie durchschnittlich an vier Tagen stiegen die Temperaturen an 38 Tagen über 30 Grad im Schatten. Der DWD gab regelmäßig Hitzewarnungen heraus und warnte vor übermäßiger Bewegung in den Mittagsstunden. Durch die anhaltende Hitze rollten vor allem Buchen ihre Blätter ein. Der Königsplatz glich einer braunen Steppe, was die CSU im Stadtrat veranlasste, eine bessere Bewässerung der städtischen Grünanlagen zu fordern. Sie befürchtete, dass Münchens Ruf als "schönste Stadt der Welt" durch den Anblick der braunen Plätze leiden könnte.

Nun, es begann schließlich auch wieder zu regnen, was insbesondere den Pflanzen gut tat. Nach dem Oktoberfest wurde es zeitweise sogar richtig ungemütlich und kühl. Doch der dann deutlich zu milde Spätherbst ließ die Igel zunächst nicht zur Ruhe kommen. "Sie waren bis tief in den November unterwegs", hat LBV-Geschäftsführer Sedlmeier beobachtet. Mittlerweile haben sich die Igel allerdings Winterplätze gesucht.

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Dagegen sind andere Tiere von den Vogelschützern im Dezember noch so gut wie gar nicht gesichtet worden. Bergfinken und Seidenschwanz sollten eigentlich schon in großen Mengen aus ihren Revieren in Russland und Polen eingetroffen sein, um auch in München zu überwintern. In Osteuropa sei es bislang auch noch so mild, dass die Vögel gar nicht aufgebrochen sind. Dafür sind viele Störche in diesem Jahr dank des milden Winters überhaupt nicht nach Süden gezogen, sondern bleiben nun ganzjährig hier.

Kein Wunder: In München war es im Jahresdurchschnitt mit 11,1 Grad deutlich wärmer als üblich (8,4 Grad). Und die Sonne schien mehr als 300 Stunden länger als im langjährigen Mittel (1681 Stunden).

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