Isarvorstadt Angst um das Ensemble

Weil im Viertel rund um den Viehhof der Widerstand gegen den Umzug des Volkstheaters wächst, wirbt Intendant Christian Stückl im Bezirksausschuss für das Projekt auf dem traditionsreichen Areal

Von Birgit Lotze, Isarvorstadt/Ludwigsvorstadt

Noch sind viele Fragen offen bei der Vorbereitung des Viehhofs für den geplanten Neubau des Volkstheaters. Intendant Christian Stückl, Verwaltungschef Sebastian Feldhofer, Vertreter des Kultur- und des Kommunalreferats und der Architekt traten am Mittwochabend im Unterausschuss Planen und Bauen des Bezirksausschusses (BA) Isarvorstadt-Ludwigsvorstadt an. Denn die Unruhe im Bezirk ist groß, seit in der vergangenen Woche Pläne bekannt wurden, die Stadt wolle am Eingang zum Viehhof-Gelände an der Zenettistraße eventuell ein oder zwei Häuschen opfern. Das Kommunalreferat hatte eine entsprechende Voranfrage gestellt.

In der Sitzung des Planungsausschusses äußerten sich Gewerbetreibende, die befürchten, dass ihr Gebäude an der Zenettistraße 13 abgerissen wird. "Wir sind seit 20 Jahren dort", berichtete Anita Mayer, Teamleiterin von Frigo-Rent. "Das ist unsere allererste Filiale gewesen." Alexander Trapp von der gleichnamigen Messerschleiferei sagte, man sei als Mieter davon ausgegangen, dass das Ensemble unter Denkmalschutz stehe. Bei der Renovierung des Geschäftes vor zwölf Jahren seien sogar eigens fehlende Ziegel nachgebrannt worden - damit sie auch die zum Ensemble passende Farbe hatten.

Zwischennutzung: In diesem Sommer wurde noch gefeiert auf dem Viehhof.

(Foto: Stephan Rumpf)

Annegret Rempel, Projektleiterin im Kommunalreferat, bedauerte, dass die Pläne bereits öffentlich diskutiert wurden. "Wir wollten keine Ängste schüren", sagte sie. Fielen die Gebäude unter den Denkmalschutz, würde das durch die Anfrage an die Lokalbaukommission geklärt werden. Ein Vorbescheid sei eben dazu da, Möglichkeiten aufzuzeigen. "Man muss das Baurecht aggressiv abfragen, um die eigenen Grenzen abzufragen." Erst dadurch werde dem Bauherrn, in diesem Fall der Stadt, klar, welche Möglichkeiten zur Veränderung bestünden. Dass es einen großen, von vielen formulierten Wunschkatalog gebe, sei der Stadt bewusst. Der werde "selbstverständlich berücksichtigt" - doch zunächst gehe es nicht darum.

Doch auch den Mitgliedern des Bezirksausschusses Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt geht der Rahmen, den die Stadt bei der Lokalbaukommission abstecken will, viel zu weit. Verglichen mit bestehenden Plänen enthalte das Konzept drei statt zwei Theaterräume mit Bühne, darauf wies Beate Bidjanbeg (SPD) hin, die den BA-Ausschuss Viehhof leitet. Das Theater sei wesentlich größer angegeben, verbrauche mehr Fläche und rücke den denkmalgeschützten Gebäuden sehr nahe. Ein Konzept zur Vermeidung von Verkehr liege nicht vor. Die Anfahrt zum Theater werde in dem Konzept über die Zenettistraße geregelt - ausgerechnet über das Ensemble beim Wirtshaus am Schlachthof, welches als besonders identitätsstiftend für das Viertel gelte. Bestehende Benutzerkonzepte und Gastronomien im Viertel seien nicht berücksichtigt. Und das Wichtigste, eine Gesamtplanung, fehle völlig. "Wenn wir nur über die eierlegende Wollmilchsau diskutieren sollen, dann stirbt das Ding", kommentierte außergewöhnlich scharf BA-Chef Alexander Miklosy (Rosa Liste).

Genau dort soll das Volkstheater gebaut werden.

(Foto: Catherina Hess)

Auch Anwohner übten Kritik. Das Theater verdränge bestehende Kultur wie das Viehhof-Kino und nehme keine Rücksicht auf die Ergebnisse des Workshops vor zwei Jahren. Dort war bezahlbares Wohnen auf dem Viehhof-Areal gefordert worden, kein Theater. Andere vermuteten sogar Gemauschel bei der Stadtratssitzung im Dezember, die zum Entscheid für den Umzug des Volkstheaters auf den Viehhof geführt hatte. Die Großmarkthalle, die ebenfalls auf der Liste für den Umzug des Volkstheaters stand, sei als möglicher Standort kaum untersucht worden.

Theaterchef Stückl wies angesichts der Kritik darauf hin, dass er das Theater nicht für sich, sondern für die Stadt baue. Sein Vertrag laufe bis zur Fertigstellung aus. Viel Verkehr sei bei einem Schauspielhaus nicht zu erwarten, schließlich kämen nur selten Busse an, auch Lieferverkehr gebe es kaum. "Wenn die Schreinerei einmal wöchentlich was angeliefert bekommt, ist das viel." Die dritte Bühne sei wichtig, damit eröffneten sich Möglichkeiten für Stücke neuer Autoren, ein Experimentierraum auch für Auszubildende. Und die Halle 1 im Großmarkt halte er für ungeeignet.

Ähnlich äußerte sich Stadtdirektor Anton Biebl, stellvertretender Leiter des Kulturreferates. Die Großmarkthalle sei "in höchstem Maße sanierungsbedürftig". Biebl zeigte sich vor allem daran interessiert, dass das Volkstheater termingerecht im Jahr 2020 umziehen kann. "Sonst müssen wir Millionen an Strafe bezahlen." Eine Gesamtplanung, so wie der Bezirksausschuss sie fordere, sei vor einem Vorbescheid nicht sinnvoll. Zu einem Beschluss konnte sich der Planungs- und Bauausschuss zu fortgeschrittener Stunde nicht mehr durchringen. Vor einer Stellungnahme wollen die BA-Mitglieder erst in den Fraktionen beraten.