Isarsprudel-Festival "Künstler müssen sich wie Prostituierte präsentieren"

Farbenfrohe Tierkostüme, zwielichtige Rotlicht-Figuren und Fundstücke aus der Isar: Das Festival "Isarsprudel" macht am Wochenende das Flussufer zur Bühne. Initiator Martin Jonas erklärt, was die Besucher erwartet.

Interview: Thomas Moßburger

Wer sich am Wochenende (24. - 26. August) zwischen Corneliusbrücke und der Wittelsbacherbrücke an der Münchner Isar aufhält, kann bei der Premiere des Tanz- und Performancefestivals "Isarsprudel" einige bunte und einfallsreiche Kunst-Aktionen rund um das Thema Isar erleben. Erdacht und organisiert hat das Ganze Martin Jonas zusammen mit Anna Stoffregen in Anlehnung an das Züricher "Stromereien"-Festival. Jonas ist 34 Jahre alt, arbeitet am Theater im Fraunhofer und promoviert parallel in europäischer Ethnologie.

Auf originelle Aktionen in bunten Tierkostümen können sich die Isar-Besucher am Wochenende bei dem Tanz- und Perfomancefestival "Isarsprudel" einstellen.

(Foto: Patrik Muchenberger)

Süddeutsche.de: Herr Jonas, auf einem Pressefoto zu Ihrer Veranstaltung "Isarsprudel" sieht man jemanden in einem bunten Hühnerkostüm in der Tür einer U-Bahn stehen. Können wir am Wochenende an der Isar auch solche bunten Tierwelten erwarten?

Martin Jonas: Eine Künstlerin wird eine Tierperformance in einem eigens für das Isarsprudel gefertigten Kostüm machen. Welches Tier sie darstellt, ist eine Überraschung. Am Wochenende wird sie immer wieder verschiedene Orte an der Isar zu ihrer Bühne machen.

Süddeutsche.de: Was erwartet die Besucher noch?

Jonas: Es gibt es auch eine Performance, die den Münchner Sperrbezirk zum Thema hat. Dort werden Künstler in die Rollen von typischen Rotlicht-Figuren schlüpfen und ihre ganz eigene Art von Dienstleistungen aufmerksam machen. Auch Künstler müssen sich ja wie Prostituierte immer präsentieren.

Süddeutsche.de: Was bedeutet der Namen Isarsprudel?

Jonas: Die Isar ist ein reißender Wildfluss, der durch München zwar gebändigt fließt, aber doch ein sprudelnder Fluss ist. Außerdem soll der Name aussagen, dass es um Kreativität und Ideenreichtum geht. Darum, was man an diesem Ort machen kann und was die Leute, die an der Isar ihre Freizeit verbringen, dort tun: Musik machen, tanzen, Bier trinken oder feiern. Das hat etwas Quirliges.

Süddeutsche.de: Was macht das Isarsprudel-Festival aus?

Jonas: Es ist kein Event, zu dem man hingeht und um halb acht oder neun Uhr wieder zuhause ist, sondern etwas, dass man entdecken kann, wenn man sowieso schon an der Isar ist. Dort gibt es sowieso schon Tanz, Musik oder jonglierende Menschen, aber wir wollen noch einen zusätzlichen künstlerischen Fokus auf diese Dinge setzen.

Süddeutsche.de: Eine andere Aktion im Zuge des Festivals heißt "Vom Isarsprudel angeschwemmt". Was passiert da genau?

Jonas: Zusammen mit den Isarbesuchern soll ein temporäres Museum entstehen. Die Leute sollen an und aus der Isar Erinnerungstücke sammeln und damit zeigen, was für sie an der Isar wichtig ist. Das Museum wird dann am Ende wieder weggeschwemmt.

Süddeutsche.de: Was verbinden Sie persönlich mit der Isar?

Jonas: Für mich macht die Isar in München aus, dass sie ein Ort ist, den eigentlich keine andere Stadt in dieser Form hat. Ein relativ naturbelassener, öffentlicher Raum, den jeder nutzen kann ohne Eintritt zu bezahlen oder etwas konsumieren zu müssen. Dort kann jeder sein und sich zeigen. Es ist einfach ein lebenswerter Ort.

Süddeutsche.de: Ist das auch der Grund, warum die Isar das Thema des Festivals geworden ist?

Jonas: In gewisser Weise schon. Es geht dabei aber auch um die laufenden Diskussionen darüber, was man mit der Isar machen kann - mit Events, Bars und Partyschiffen. Wir wollen zeigen, dass man den Ort kulturell und künstlerisch nutzen kann und ihn nicht zwingend eventisieren oder gastronomisieren muss.

Süddeutsche.de: Welche anderen Themen in München bewegen Sie, die es wert wären, bei einem Festival behandelt zu werden?

Jonas: Ein Thema, das mir spontan einfällt, ist der Wohnraum in München und die Mietpreise. Die Frage, wohin der normale Münchner verschwindet. Wird es irgendwann so sein wie in London oder Paris, wo der normale, arbeitende Mensch in der Vorstadt wohnt oder weit pendelt?