Interview zu Liebesroman "Am Alltag scheitern ist keine Kunst"

Der Autor Daniel Glattauer über die Nähe, die durch E-Mails entstehen kann und Grenzen bei realen Begegnungen.

Von Nina Berendonk

Ein Liebesroman, erzählt mittels eines Email-Austauschs - wie soll da Gefühl aufkommen? Und: Ist das nicht furchtbar öde? Das mag sich mancher beim Erscheinen von Daniel Glattauers erstem Roman "Gut gegen Nordwind" (Deuticke) gedacht haben. Aber die Geschichte von Emmi und Leo, die sich durch einen Tippfehler kennen- und beim Schreiben lieben lernen, funktioniert. Und zwar so realitätsnah und berührend, dass Glattauer, der in Wien als Journalist arbeitet, von seinen Lesern geradezu gezwungen wurde, sie weiterzuschreiben. Morgen Abend um 20 Uhr liest er im Marstall mit Ulrike Arnold aus der Fortsetzung "Alle sieben Wellen". Zuvor hat Glattauer der Süddeutschen Zeitung noch ein Interview gegeben - natürlich standesgemäß per E-Mail.

"Aus E-Mails kann man eine Wissenschaft machen. Da geht viel Zeit verloren."

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Süddeutsche Zeitung: Herr Glattauer, was viele Leser an Emmi und Leos Dialogen schätzen, ist ein Gefühl des Wiedererkennens, das einen oftmals beim Lesen überkommt. Wie haben Sie es geschafft, sich so gut in die Psyche einer leicht komplizierten bis kapriziösen Frau einzufühlen?

Daniel Glattauer: Man nehme 20 Frauen aus dem Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis, und die Mischung ergibt Emmi. Okay, ein paar Eigenschaften hat sie auch von mir. Zum Beispiel ihren Schreibstil. Jedenfalls hatte ich gar keine Mühe damit, Emmi entstehen zu lassen und mich in ihre Situation zu versetzen. Sie war mir von Anfang an vertraut. Hat mir sogar mehr Spaß gemacht als in den verhaltenen Leo zu schlüpfen.

SZ: Denken Sie, Emmi und Leos Liebe übersteht langfristig die Landung in einer Realität, in der auch darüber geredet werden muss, wer die Bettwäsche im Keller aufhängt?

Glattauer: Ehrlich, ich habe keine Ahnung. Wir kennen ja die aktuellen Scheidungsraten und die immer kürzeren Trennungs-Intervalle. Am gemeinsamen Alltag zu scheitern ist leider keine Kunst mehr, selbst bei besten Voraussetzungen für ein Leben zu zweit. Aber Leo ist schon so ein Typ, der würde auch nach fünf Jahren noch ohne Aufforderung Toilette putzen.

SZ: Wie sind Sie darauf gekommen, eine Liebesgeschichte anhand von Mails zu erzählen? Hatten Sie nie Angst vor dem Vorwurf, den guten alten Briefroman modisch modern aufzurüsten?

Glattauer: Nein, ich hatte keine Angst. Denn ich war "unbedarft", ich hatte keine Sekunde an Briefromane gedacht, weder an alte noch an moderne. Erst im Nachhinein wurde ich dann andauernd an die Schullektüre "Werther" erinnert. Und was es sonst bereits an zeitgemäßen E-Mail-Romanen gab, hat mich nicht gekümmert. Ich hatte probiert, ob meine geplante Liebesgeschichte virtuell beginnen könnte und bin von der Form dann einfach nie mehr losgekommen, nicht einmal nach dem Ende des ersten Buches "Gut gegen Nordwind". Also musste "Alle sieben Wellen" folgen.

SZ: Was ist Ihre Erklärung für das Phänomen, dass man sich beim Austausch von Geschriebenem so unglaublich nahe kommen kann?

Glattauer: Erstens ist man mutiger und direkter in der Wortwahl. Man sieht ja das entsetzte Gesicht des Empfängers nicht. Zudem treibt einen die Phantasie über Grenzen hinweg, die man bei der realen Begegnung lange nicht oder gar nie überschreiten würde. Die beiden haben sich ja auch in ihre eigenen Wunschvorstellungen verliebt, das gibt Mut für Offenheit. Und so wächst Nähe.

SZ: Sind Sie tendenziell ein Mensch, der manchmal lieber einen Brief (und sei er digital) schreibt, anstatt zu sprechen?

Glattauer: Vor fünf Monaten hätte ich gesagt: Ja, absolut! Mittlerweile mache ich kaum noch etwas anderes als meine Lesungen - und E-Mails zu beantworten. Da geht einem dann schon mal die Kraft aus. Es ist doch oft angenehmer zu reden. Dabei muss man nicht so viel denken. Zumindest fällt es einem nicht auf. Aus E-Mails kann man eine Wissenschaft machen. Da geht viel Zeit verloren.

SZ: Es wird oft beklagt, SMS und Mails veränderten die Art und vor allem die Qualität unserer Kommunikation. Stimmt das?

Glattauer: Das glaube ich nicht. Die Junk-Sprache aus den immer schwachsinnigeren TV-Programmen halte ich da für viel gefährlicher. Natürlich: Hochliterarisch wird man eine SMS nur in seltenen Fällen anlegen. Aber etwas mit eigenen Worten zu sagen (schreiben), kann kein Fehler sein. Und man kann bekanntlich auch bei E-Mails ganze Sätze bilden und sogar große Anfangsbuchstaben verwenden.

SZ: Sind Sie, tief in Ihrem Herzen, ein Romantiker?

Glattauer: Natürlich, und nicht einmal gar so tief im Herzen. Ich kann ganz schön ins Schwärmen geraten, vor allem bei guter Musik. Bei Filmen bin ich ziemlich kitschanfällig und neige zur Rührseligkeit. Wenn sich zwei kriegen, dann können sie immer auf ein paar Tränen von mir zählen.