von Helmut Maurã

Der Pantomime Marcel Marceau zu seinem Gastspiel im Prinzregententheater.

Er gilt als der größte Pantomime überhaupt, sein Name steht geradezu für das Genre. Marcel Marceau, 1923 als Sohn eines jüdischen Metzgers in Straßburg geboren, fiel in seiner Jugend vor allem dadurch auf, dass er wenig sprach und sich lieber mimisch und gestisch artikulierte. 1942 schloss er sich dem französischen Widerstand an, änderte seinen Namen - er hieß ursprünglich Mangel - und spielte zwei Jahre später, wie er sagt, seine "Urszene", als er in Paris von der Gestapo aufgegriffen wurde. Er unterdrückte seine Panik und gab die Rolle des harmlosen Zivilisten. Berühmt wurde er als "Baptiste" in dem Film "Kinder des Olymp", 1947 gestaltete er erstmals seine Rolle als "Monsieur Bip". Damit tourte er in immer neuen Programmen mehr als 40 Jahre lang um die Welt. Seit 1987 leitet er eine eigene Schule, unterrichtet noch selbst und tritt nun bis zum Sonntag (täglich, jeweils 20 Uhr, Prinzregententheater) noch einmal in seiner legendären Rolle auf.

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SZ: Woher nehmen Sie die Kraft, noch heute einen Soloabend durchzustehen? Marceau: Ich habe immer gespielt. Wenn man aufhört zu spielen, verliert man diese Kraft. Aber das Unterrichten trägt auch dazu bei, das hält jung. Wenn man Schüler aus 15 verschiedenen Ländern hat, muss man auch spielerisch zeigen, worum es bei der Pantomime geht. Man muss die Grammatik dieser Kunst auch nonverbal vermitteln können.

SZ: Was unterrichten Sie da genau? Marceau: Neben allen möglichen Fächern wie Tanzen und Fechten geht es grundsätzlich um zwei Richtungen der Pantomime. Die eine stammt von meinem Lehrer Etienne Decroux und wird heute von einem Italiener unterrichtet. Decroux steht ja in der Tradition des 19. Jahrhunderts, also eigentlich der Commedia dell´arte. Aber er war auch sehr visuell geprägt. Ich würde sagen, seine Eckpunkte waren Michelangelo und Rodin. Daraus hat er dann eine neue Technik der "beweglichen Statue" gegründet. Die zweite Stilrichtung stammt von Marcel Marceau. Denn natürlich wollte ich meinen eigenen Weg gehen und aus dem Erlernten alles Mögliche weiterentwickeln. Inzwischen haben wir eine Truppe von sehr talentierten Schülern, mit der wir auch regelmäßig auf Tournee gehen.

SZ: Was werden Sie in München zeigen? Marceau: Im ersten Teil sind Stilübungen zu sehen, sodass dann auch jeder verstehen kann, was Pantomime ist und worauf es ankommt. Im zweiten Teil gibt es natürlich wieder Abenteuer von Monsieur Bip. Er ist ein Gaukler und auch so eine Art Don Quichotte, der ständig gegen irgendwelche Windmühlen kämpft.

SZ: Gibt es also konkrete Vorbilder für Ihren Bip? Marceau: Eigentlich nicht. Ich habe zwar schon von Kind an besonders Charlie Chaplin geliebt und ihn damals natürlich oft imitiert. Aber später habe ich dann verstanden, dass Imitation keine eigene Technik ist, dass man darüber hinauskommen muss. Erst mit einer eigenen Technik kann man auch selbstständig spielen und kreativ werden. Das habe ich dann bei Decroux gesehen. Es geht weder um Imitation noch um Improvisation, sondern um eine erlernbare, nachvollziehbare Technik des Ausdrucks.

SZ: Wie kann man die als Zuschauer verstehen? Marceau: Man muss natürlich wie bei einer Sprache das Vokabular und die Grammatik lernen. Und dazu zeige ich im ersten Programmteil eben diese Stilübungen, in denen man sehen kann, welche Bewegung welche Bedeutung hat und wie die Abfolge der Bewegungen zusammenhängt. Und dann kann Monsieur Bip zum Publikum sprechen.

SZ: Wer ist dieser Monsieur Bip? Marceau: Er ist eine Art Gegenstück zum Pierrot, der ein Held ist. Bip ist ein Antiheld, ein Verlierertyp. Als ich 19 oder 20 Jahre alt war, habe ich sehr viel gelesen. Ich liebte die Literatur, und ich liebte auch ganz besonders den englischen Dichter Charles Dickens. In dessen Roman "Great Expectations" gibt es ja den Waisenjungen Pip, der allerlei tragische Abenteuer zu bestehen hat. Und der ist eigentlich der Ursprung meines Monsieur Bip. Und auch der hat dieses tragische Moment, das aber gleichzeitig auch der Grund für die Komik ist. Ob sich Bip nun als Löwenbändiger versucht oder als Hochleistungssportler, er hat immer den Mut des Verzweifelten und etwas liebenswert Komisches.

SZ: Wie konkret kann Ihre pantomimische Sprache sein? Marceau: Sehr konkret. Viel konkreter als bei Decroux, weniger starr, mehr erzählend. Ich werde in München in den Stilübungen des ersten Teils die Erschaffung der Welt zeigen, dann den Vogelhändler, den Nachmittag im Volksgarten und natürlich das Schlechte und das Gute der Menschheit sowie das Leben des Menschen von der Geburt bis ins Grab.

SZ: Das ist ja zum Teil schon konkret. Marceau: Ja, das ist der erste Teil. Im zweiten Teil erlebt man Bip als Löwenbändiger, Bip auf hoher See, als Straßenmusikant, als Selbstmörder - auch dies gelingt ihm natürlich nicht - und als Maskenmacher.

SZ: Sie bezeichnen Ihre Darstellungsform als "L"Art du Silence", als Kunst der Stille, und sich selbst als "Schauspieler der Stille". Ist das nicht ein bisschen oberflächlich? Marceau: Stille heißt nicht nur, dass nicht gesprochen wird. Stille heißt auch Tiefe, ich will die Menschen in der Tiefe berühren, in ihrer Seele. Ob sie nun lachen oder weinen, sie werden sich immer wieder an Situationen aus ihrem eigenen Leben erinnern und mit mir auf einer Wellenlänge schwingen. Ich fühle mich einem Schriftsteller oder Musiker näher als einem Schauspieler.

SZ: Entstand Ihre Kunst der Stille auch aus einem Bedürfnis, in Zeiten immer mehr und lauter werdender Reize ein Gegengewicht zu schaffen? Marceau: Keine Ahnung. Ich lebe eigentlich sehr ruhig, weit weg von Paris auf dem Lande. Wenn es ein Anliegen in meiner Kunst gibt, dann geht das eher um das Aufdecken menschlicher Schwächen, um das Verstehen und Akzeptieren, um Toleranz und damit letztlich um ein völkerübergreifendes, friedliches Miteinander.

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(SZ vom 2.8.2005)