Der amerikanische Stardirigent Kent Nagano erklärt die Kraft der Oper, verrät, dass ihm Wagner und Mozart manchmal Angst machen und beschreibt, was am laufenden US-Wahlkampf fasziniert.
Kent Nagano: Sie kommen von der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung? Ältere Leute wie ich lesen morgens die Zeitung, trinken Kaffee und sortieren den Kopf. Wenn ich online gehe, ist das für mich so hyperaktiv, dass ich es manchmal anstrengend finde. Das Internet ist laut, Zeitung - echtes Papier - ist etwas ruhiger.
Seit Sommer 2006 Chef der Münchner Staatsoper: Kent Nagano (© Foto: dpa)
Anzeige
sueddeutsche.de: Nutzen Sie das Internet, um sich zu informieren?
Nagano: Nein, ich nutze nur E-Mail-Programme. Ich habe da eine ganz schlechte Erfahrung gemacht. Ich wurde ein Opfer von "Identity theft", als ich Bücher im Internet bestellt habe. Man stahl mir alle meine persönlichen Daten - Kontonummer, alle Kreditkartennummern, meine Sozialversicherungsnummer, alles war weg. Es war wirklich wie im Film: Als ich bei American Express angerufen habe, hat man mir gesagt: "Nein, Sie sind nicht Kent Nagano, wir haben gerade mit Kent Nagano gesprochen." Egal, welche Daten ich ihnen gegeben habe, sie haben freundlich, aber bestimmt darauf bestanden, den "richtigen" Herrn Nagano schon gesprochen zu haben. Da war offenbar ein Profi am Werk, der bereits größere Summen von meinen Konten abgehoben hatte.
sueddeutsche.de: Haben Sie Ihr Geld wieder?
Nagano: Ja, aber das hat eineinhalb Jahre gedauert und war sehr mühsam. Es war ein Albtraum, wenn keiner einem glaubt, dass man ist, wer man ist (lacht).
sueddeutsche.de: Im Büro von Sir Peter Jonas, dem früheren Staatsintendanten, war es nicht so aufgeräumt wie in Ihrem. Liegt das an Ihren japanischen Wurzeln oder Ihrem persönlichen Bedürfnis nach Ordnung?
Nagano: Das hat wenig mit meiner Familie oder japanischer Tradition zu tun. Es ist nötig, da ich momentan noch neben der künstlerischen Gesamtleitung auch meine Aufgabe als Generalmusikdirektor wahrnehme. Dies wird sich ändern, wenn Klaus Bachler von der kommenden Saison an seine Tätigkeit als Intendant der Bayerischen Staatsoper beginnt. Die einzige Art, wie ich das persönlich schaffen kann, ist eine perfekte Ordnung in meinem Büro. Alle Papiere sind, wo sie sein sollten. Es hilft mir, nicht im Chaos zu arbeiten.
sueddeutsche.de: Wenn Sie dirigieren, wirken Sie sehr konzentriert, Sie sprechen selbst von der großen physischen Anstrengung dabei. Gibt es bei Ihnen auch Momente, wo Sie das Gefühl wegträgt, wo die Emotion spielt?
Nagano: Das ist ein sehr gefährliches Phänomen, über das Sie sprechen. Jeder Künstler muss einen Weg finden, damit das nicht passiert. Manchmal sehen wir, dass es lange dauern kann, nicht nur eine Minute oder eine Stunde, sondern jahrelang. In meinem Fall habe ich viel Glück, weil ich verschiedene Interessen habe. Recherchieren, unterrichten, zu spielen - all diese verschiedenen Aspekte tragen dazu bei, keine Routine aufkommen zu lassen.
sueddeutsche.de: Also ist Musizieren für Sie eher Handwerk als Kunst?
Nagano: Es ist mehr als Handwerk. Handwerk ist die Grundlage, die sichere Technik. Diese muss man mehr und mehr schärfen. Aber Technik allein ist noch nicht Inhalt, noch nicht Struktur, noch keine Sprache. Selbst mit perfekter Technik muss man das sein Leben lang üben. Das macht Kunst so besonders.
sueddeutsche.de: Sie sagten einmal, Sie sähen einen engen Zusammenhang zwischen Religion und Musik. Inwieweit hilft Ihnen Spiritualität bei der Arbeit?
Nagano: Ich erinnere mich an eine Konversation mit dem großen, inzwischen verstorbenen Dirigenten Günter Wand. Er sagte, manchmal sei er konsterniert, weil er weiß, dass er nicht immer gut dirigieren kann. Aber manchmal, so Wand, erreichte er es, sehr gut zu dirigieren. Und dann, für einen schnellen Moment, für ein Tausendstel einer Sekunde, habe er das Gefühl, sehen zu können, was hinter den Sternen liegt. Ich glaube, dieser Aspekt ist das, was die Kunst ewig macht.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Kent Nagano Angst vor Münchner Operngötter wie Richard Wagner und Wolfgang Amadeus Mozart hat.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 4 nächste Seite
Bundespräsident Gauck in Israel
Die neueste Antwort
Ja, schöne Worte.
@CA-KE-KOE. Also damit wagen sie sich aber ziemlich weit raus, Wagner war kein Freund der westlichen Zivilisation französischer Prägung. Daraus abzuleiten, daß er die Zukunft vorhergesehen hat, trifft es vielleicht nicht ganz. Wenn man sich hier auch nur ein bißchen besinnt, so muß man doch wohl sagen, daß es eher darum geht, dem eigenen Kulturwollen Ausdruck zu verleihen, welches man vielleicht nicht unbedingt als national auslegen sollte, aber ganz gewiß nicht als universal menschlich, als global, denn das übertrifft ersteres an Verblendung noch mal wieder bei weitem.
Danke.
Parzifal oder Parsifal: diese Kultur - gefährdet durch die Welt der schnellen, oft auch inhaltlich haltlosen Bilder. Das Interview zeigt eine andere Welt. Manche sagen - eine würdevolle alte Welt. Während die schnelle Musik die Sinne erdrückt, lebt die alte Musik weiter fort. Ungefährdet ist sie nicht. Das Ganze - zunehmend geschunden - kann explodieren, sich zerstäuben in Billionstel Teile. Das Ganze kann auch neu entstehen.
Der Inhalt der Oper Parsifal hat unsere Zeit vorausgenommen - auf Methapherebene. Die wesentlichen Erkenntnisse der heutigen Zeit sind alt. Die Kunst des Echten mag gefährdet erscheinen. Aber so wie das Ringen um oder das Herbeisehnen von Atemluft der allerbesten Güte einem Überlebenstrieb entspringt, ist es auch mit dieser Musik: sie stillt einen Hunger.
Je tiefer eine Gesellschaft gesunken, umso stärker Auftriebskräfte zu Hilfe kommen. richard kendel 8 1 5 4 5 Mü.