Interview mit Helmut Dietl "Die Welt hat sich verändert"

Regisseur Helmut Dietl über sein Projekt "Berlin Mitte", warum Michael "Bulli" Herbig die Hauptfigur gibt und warum Franz Xaver Kroetz darin keine Rolle mehr spielt.

Interview: Christopher Keil

SZ: Herr Dietl, Kir Royal ist ohne Franz Xaver Kroetz als rasenden Reporter Baby Schimmerlos kaum vorstellbar. Kroetz sollte in Ihrer neuen Gesellschaftssatire mit dem Arbeitstitel "Berlin Mitte" den gealterten Schimmerlos spielen - was Sie jetzt überraschend ablehnten. Warum?

Helmut Dietl: Er hatte eine andere Auffassung von der Figur als ich. Sie erschien ihm zu negativ. Möglicherweise hat er auch nicht begriffen, dass es sich um eine Komödie handelt. Er mochte das ganze Drehbuch nicht, das ich mit Benjamin von Stuckrad-Barre als Co-Autor geschrieben habe.

SZ: Schimmerlos war schon 1986 nicht sehr positiv besetzt. Forderte Kroetz Altersmilde ein?

Dietl: Ich zitiere aus einem Brief an ihn vom 4. Mai: "Du möchtest den Sieger, ich den Melancholiker mit seinen schlechten Erfahrungen, den du einen Loser nennst. Du möchtest eine Figur, die über alle triumphiert, ich möchte das Opfer der Gesellschaft." So habe ich das Drehbuch geschrieben, darum wollte ich den Film machen.

SZ:Kroetz fand den 25 Jahre älteren Schimmerlos außerdem zynisch.

Dietl: Zynisch ist ein Schlagwort. Die meisten Menschen bringen ja Zynismus, Ironie und Sarkasmus durcheinander. Diese Welt heute wird von einigen Zynikern bestimmt. Ich bin davon ausgegangen, dass Schimmerlos schlechte Erfahrungen in seinem Leben gemacht hat und eine gebrochene Figur ist.

Er war zu seiner Zeit sicher ein unmoralischer Mensch, aber er wusste, was Moral war. Seine Unmoral hätte aber keine Chance gegen die Unmoral, die er nun in Berlin vorfindet. Dabei ist der Bully Herbig, der den jungen Straßenreporter Max Zettel spielt, ein unschuldiger Imoralist: Der kennt doch nichts Anderes mehr. Er hat kein Unrechtsbewusstsein, er ist von Skrupeln befreit - das sind keine Kategorien mehr für ihn. Insofern entspricht er der Generation, die heute viel bestimmt. Gegen die gestellt war Schimmerlos noch moralisch.

SZ: Wieso denkt Kroetz, die Figur vor ihrem Erzeuger schützen zu müssen?

Dietl: Wir haben ein langes, persönliches Gespräch in München geführt, auch darüber, was für Änderungen er wünscht. Dabei hat sich herausgestellt, dass er das sogenannte Alleinstellungsmerkmal wollte. Doch es gab immer zwei Hauptrollen, den Bully und ihn.

Kroetz hat seinen Teil nicht als Hauptrolle gesehen, obwohl es zwischen beiden nur einen Unterschied gibt: Bully als Max Zettel ist der aktivere, Kroetz wäre als Schimmerlos der passivere gewesen, der mit großen Augen beobachtet, wie sich die Welt verändert hat. Das ist ja unser Ziel mit diesem Film: Die alte und die neue Welt sollen miteinander konfrontiert werden. Stuckrad-Barre und ich wollen etwas über Veränderung machen, "Berlin Mitte" ist keine Fortsetzung von Kir Royal.

SZ: Wollen Sie einen anderen Schimmerlos spielen lassen?

Dietl: Nein, das geht nicht. Das würde niemand wollen.

SZ: Ohne Kroetz und Schimmerlos ist der Film vermutlich weniger vergangenheitsbelastet.

Dietl: Das ist die Chance.

Kir Royal

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