Von Von Sybille Steinkohl

Der Kabarettist Dieter Hildebrandt über das Leben im Pflegeheim - und was er von Alters-WGs hält.

"Man trocknet sie aus, raubt ihnen das Selbstbewusstsein und streicht sie aus der Liste der geistig Anwesenden". Mit der Situation pflegebedürftiger Menschen setzt sich der Kabarettist Dieter Hildebrandt seit langem kritisch auseinander. Am Mittwoch liest und diskutiert er auf dem Münchner Pflegestammtisch (19 Uhr, Löwenbräukeller, nur noch Restkarten). Der 77-Jährige sagt, was sich ändern muss und warum er sich eine Alten-WG vorstellen kann.

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SZ: Wie erleben Sie das eigene Alter?

Hildebrandt: Im Moment habe ich gar keine Zeit, es zu - erdulden. Ich bin unterwegs, der Fahrtwind hält mich frisch. Sagen wir, ich bin noch nicht heimreif.

SZ: Das Thema beschäftigt Sie schon lange.

Hildebrandt: Seit 30 Jahren.

SZ: Vor allem, dass in unserem reichen Land alte Menschen ihre letzte Lebenszeit nicht in Würde verbringen können.

Hildebrandt: Das habe ich gesagt. Und es hat sich leider nicht viel verändert. Nun bin ich nicht unbedingt der Fachmann, aber ich bin in freundschaftlicher und geistiger Nähe zu einem, der wirklich etwas davon versteht, zu Klaus Fussek. Er beliefert, nein, er bombardiert mich mit Material. Und das, was ich da lese, gleicht sich immer wieder.

SZ: Was lesen Sie da?

Hildebrandt: Dass der Normalzustand kein normaler Zustand ist. Es kann nicht normal sein, dass man Menschen nicht mehr füttert, sondern sie lieber künstlich ernährt. Dass man sie ruhigstellt, damit sie das Pflegepersonal nicht in Nöte bringen. Dass sie früh ins Bett müssen. Auch die Sache mit dem Stoffwechsel ist sehr unwürdig geregelt. Und dass Menschen sich wund liegen und man sie nicht einmal umdreht, um nachzuschauen. Was ich da lese, ist einfach grauenhaft.

SZ: Liegt es am Pflegekräftemangel?

Hildebrandt: Es sind zu wenig geschulte Kräfte da, und die sind überfordert. Eines Tages werfen sie diesen Job hin. Aus Briefen weiß ich, dass Menschen, die solche schwere Arbeit leisten, daran verzweifeln. Sie schaffen es nicht mehr und sie können auch nicht mehr zuschauen. Man tut immer so, als ginge das nicht anders, als könne man sich keine Fachkräfte leisten.

Der Herr Brüderle von der FDP hat einmal gesagt, angesichts der hohen Arbeitslosigkeit könne man doch Arbeitslose zu Pflegern machen. Einfach so, ohne sie zu schulen. Das zeigt, mit welcher Arroganz das Thema behandelt wird, und mit welcher Ignoranz.

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