"Lass uns einen Film machen, ich steige dann irgendwann aus": Jan Gassmann hat seinen 21-jährigen krebskranken Freund beim Sterben gefilmt. Das Dokfest zeigt den Film und startet am Mittwoch Abend in München.
Die Welt ist groß. Christian und Jan sind jung. Der Regen ist schön. Sie rennen und lachen. Der Schnitt ist hart: Jetzt tropft klare Flüssigkeit aus einem Beutel durch einen Schlauch in Christian hinein. "Das ist der schlimmste Sack von allen", sagt er, "ich spüre sofort, wie er mir die Energie abzieht."
Christian "Chrigu" Ziörjen. (© Foto: oh)
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Christian Ziörjen hat Krebs. Er ist 21 Jahre alt, als zwischen seinen Halswirbeln ein seltener Tumor festgestellt wird. Mit seiner Videokamera filmt Christian sich selbst. Die Welt wird klein. Ein graues Spitalzimmer mit Maschinen und Schläuchen. Manchmal stecken sie einen davon in seine Brust. Wenn sie ihn nach Wochen wieder herausholen, sagt Christian: "Das ist der schönste Tag in meinem Leben."
Er filmt, und als er nicht mehr kann, setzt sein bester Freund Jan die Aufnahmen fort. Drei Jahre lang, die Chronik eines angekündigten Todes. Christian sagt: "Lass uns zusammen einen Film machen. Ich steige dann irgendwann aus."
Wohin mit den Emotionen?
"Chrigu" heißt dieser Film, nach der schweizerdeutschen Koseform von Christian. Jan Gassmann, der an der Münchner Filmhochschule studiert, hat ihn zu Ende gebracht und reist nun alleine damit um die Welt. Der 23-Jährige gewann einen Preis bei der Berlinale, war in Kiew, Athen, wird in Südkorea sein. Überall kommen die Zuschauer nach der Vorführung zu ihm und wollen mit ihm reden. "Aber sie wissen gar nicht, was sie sagen sollen", sagt Jan Gassmann, "sie müssen nur irgendwo hin mit ihren Emotionen."
Und jetzt ist "Chrigu" in München. Der Film läuft auf Schweizerdeutsch mit Untertiteln im Wettbewerb des heute beginnenden Internationalen Dokumentarfilmfestivals. Er ist nur eine von rund 80 intensiven Langzeitbeobachtungen auf dem Programm, aber er ist ein wunderbares Beispiel dafür, was das Genre Dokumentarfilm ist, was es soll und was es kann. Es geht darum, die Realität abzubilden und auszuloten, mit einem subjektiven Blickwinkel zwar, mit einer bestimmten Bildauswahl und Komposition der Szenenfolgen, aber eben nicht ausgedacht und möglichst nicht inszeniert.
Momente und Geschichten, die er auf diese Weise einfängt, nennt Jan Gassmann "Geschenke der Wirklichkeit". Geschenke, die ein Drehbuchautor an seinem Schreibtisch niemals empfangen könne, meint er. Dokumentarfilm heißt: dem Leben, wie es ist, ein Stück weit näherzukommen. In diesem Fall von seinem Ende her.
Immer wiederkehrende Motive des Weges, der Reise, der Ortsveränderung rhythmisieren "Chrigu": Straßen, Flüsse, Schienen. Christian und Jan filmen in Bewegung aus dem Zug, dem Auto und dem Boot. Als Christian noch gesund ist, sind sie aus Jux unterwegs, trampen durch Indien. Nachher sind es wortkarge Fahrten vom Spital nach Hause. Sonnenuntergänge, Kreuzungen und Eisenbahntunnel bekommen die symbolische Bedeutung von Schnittpunkten, die auf etwas verweisen, das jenseits davon liegt. Jan Gassmann sagt: "Es hat mich beeindruckt, wie Chrigu sein Schicksal als seinen Weg akzeptiert hat."
Geschämt
Auch den Freund hat dieser Weg verändert. Gassmann sagt: "Am Anfang habe ich mich für die Idee geschämt, seine Geschichte zu Ende zu dokumentieren, aber mir war wichtig, etwas von ihm zu retten." So schläft Jan neben Chrigu im Krankenzimmer. Die lange gemeinsame Zeit, die Freundschaft erzeugt eine intime, auch für den Zuschauer ungewöhnliche Nähe. "Die Kamera war nicht wichtig", sagt Gassmann, "wir haben sie vergessen." Jetzt, sagt er, müsse er wohl erst einmal einen Spielfilm drehen. Er fürchtet, an der nächsten Doku und der wohl zwangsläufig größeren Distanz zu seinen Protagonisten zu scheitern.
Er und Christian haben früh angefangen zu filmen. Schon als 16-Jährige arbeiten sie zusammen in einem Künstlerkollektiv, der "Video-Gang". Sie gehören zum Freundeskreis einer Hip-Hop-Crew. Die Kamera ist immer dabei. Rückblenden auf wilde Feiern und Rap-Konzerte, auf überschwängliche Begeisterung und jugendliche Lebenslust balancieren die stillen, todesnahen Momente des Films aus. Energie und Wahrnehmung verschieben sich. Sterben gehört zum Leben. Aber Chrigu hat noch so viel vor. Aufgewachsen ist er als Kind von Aussteigern im abgelegenen Schweizer Jura. Kurz lockt ihn die Aussicht auf Geld an die Eliteschule von St. Gallen. Aber dort hält er es nur ein halbes Jahr aus. Es ist nicht seine Welt.
Die "Chemover-Party"
Er will Film studieren, dann kommt die Diagnose. Chemotherapie, Haarausfall, Warten. Hinterher sagt er: "Für mich ist es klar: Es gibt zu viele Dinge, die ich noch machen will in diesem Leben. Ich kann keinen Rückfall haben." Er feiert eine "Chemover"-Party. Der Einladungsflyer zeigt einen Krebs, der im Bierglas ertrinkt. Es gibt noch mehr solcher witziger Einfälle. Chrigu postuliert in die Kamera: "Der Film soll nicht traurig werden. Der Film soll nicht moralisieren. Der Film soll lustig werden." Auch Jan Gassmann sagt: "Ich bin enttäuscht, dass die meisten Dokumentarfilme immer nur Probleme behandeln. Man müsste mehr Dokukomödien machen."
Aber an einem Donnerstag im Juli wird Chrigu aus dem Schlaf gerissen. Er bekommt keine Luft. Das ist der Rückfall. Er hat Metastasen. Es geht wieder los: die Operationen, das Zimmer, die Schläuche. Chrigus Aussehen verändert sich. Seine Gedanken kreisen: "Es gibt mehr im Leben als alles, was man anfassen, sehen und mit Vernunft erklären kann." Er überlegt, welchen Sinn diese Krankheit haben könnte. Darf man fragen: Warum hat es mich erwischt? Selbstmord ist keine Lösung: "Ich habe gesehen, wie schön das Leben ist. Ich will einfach weiterleben."
Bis der Tag kommt, an dem er von der Ärztin wissen will, wie lange das noch so geht. Jan Gassmann sagt: "Am Anfang hat er der Medizin vertraut. Später hat er bereut, dass er sich nicht schon früher auch spirituell mit dem Krebs auseinandergesetzt hat." Die Schmerzen werden stärker. Die Morphiumdosen auch. Chrigu driftet weg.
Seine Eltern und seine Freunde streuen seine Asche in den Inn. Das hat er gewollt: in einem Gewässer nach Osten, der Sonne entgegen. Was bleibt, ist sein und Jan Gassmanns Film übers Leben. (6. Mai, 22 Uhr, Filmmuseum; 9. Mai, 19.30 Uhr, Atelier.)
(SZ vom 2.5.2007)
Frauen in Saudi-Arabien
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Man mag denken was man möchte über so eine Art der Dokumentation. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es für den "Betroffenen" ein unglaubliches Geschenk ist so NAH begleitet zu werden - in allen Höhen und Tiefen. -- und für den Begleitenden, in diesem Fall den "überlebenden" Freund auch eine ganz spezielle Erfahrung. -- und es ist keineswegs einfach, einen guten Freund, einen nahestehenden Weggefährten auf so einem schweren Weg über Jahre (!) , Tag täglich zu begleiten.
Eine Erfahrung die man wahrscheinlich nur mit sehr, sehr wenigen Menschen wirklich teilen kann.
Ich persönlich wünsche diesem Film, dem/den Regisseuren, den Hinterbliebenen viel, viel Erfolg - und alles erdenklich Gute!!!!
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