Immobilienmarkt in München Wenn Kinder in Notunterkünften wohnen

München fällt es zunehmend schwer, Wohnraum für benachteiligte Bürger zu schaffen. Die Folgen vor allem für Kinder sind fatal. Schuld daran sind der überteuerte Immobilienmarkt - und manchmal auch die Anwohner.

Von Bernd Kastner

Immer mehr Kinder leben in München in Notunterkünften, und das auch noch über einen immer längeren Zeitraum. Zum Jahreswechsel waren mehr als 330 Familienhaushalte mit rund 700 Kindern in Pensionen oder Clearinghäusern untergebracht; davon gut 100 Familien länger als ein Jahr. Die Zahlen gehen aus einer Antwort des Sozialreferats auf eine Grünen-Anfrage hervor.

Ursache der Misere ist der überteuerte Immobilienmarkt, in dem es der Stadt zunehmend schwer fällt, Wohnungen für benachteiligte Bürger zu schaffen. Als "sehr belastend und erschreckend" empfindet der Chef des Wohnungsamtes, Rudolf Stummvoll, die Situation.

Insgesamt fehlte Ende Dezember Wohnraum für mehr als 1400 Haushalte, knapp 2500 Personen waren notdürftig einquartiert. Nach dem Willen der Stadt sollen sie möglichst schnell in dauerhafte Wohnungen vermittelt werden, doch das Konzept "Wohnen statt Unterbringen" funktioniert oft nicht. Mit dem Ergebnis, dass derzeit mehr als 260 Haushalte länger als drei Jahre in Notunterkünften leben, darunter zehn Familien.

Die Zahl jener Eltern und Kinder, die innerhalb eines Jahres in eine normale Bleibe vermittelt werden, "sinkt kontinuierlich", heißt es aus dem Sozialreferat. Insgesamt sei die Verweildauer in Notquartieren in den vergangenen drei Jahren um 20 Prozent gestiegen, berichtet der Chef des Wohnungsamtes.

Durch den enormen Zuzug nach München entsteht am unteren Rand des Marktes ein Stau: Immer weniger Bedürftige finden eine frei finanzierte Wohnung; überdies fehlen zunehmend Sozialwohnungen, weil Tausende aus der Bindung gefallen sind und zu wenige neu entstehen. Außerdem fehle es im Wohnungsamt an Personal, um schnell und ausreichend Wohnraum zu organisieren.

Die Auswirkungen der Misere können gerade für Kinder fatal sein: Rückentwicklung, Unselbständigkeit, Antriebsarmut bis zum völligen Rückzug sowie die Angst, das selbständige Wohnen gar nicht mehr zu bewältigen - all dies sei bei längerem Aufenthalt in Gemeinschaftsunterkünften zu befürchten. Es sind vor allem Migranten und Flüchtlinge, die unter der Wohnungsnot leiden. Sie machen mittlerweile fast zwei Drittel der in Notquartieren lebenden Münchner aus.

Siegfried Benker, Fraktionschef der Grünen im Rathaus, appelliert an alle Beteiligten auf dem Immobilienmarkt, nicht nachzulassen mit dem Bau von Wohnungen: "Das Konzept 'Wohnen statt Unterbringen' darf nicht scheitern."

Der Appell richtet sich indirekt auch an jene gut situierten Bürger, die sich gegen Wohnungen im sogenannten Kompro-B-Modell wehren: Städtische Häuser mit maximal 30 Einheiten für jene Münchner, die auf dem normalen Markt kaum Chancen hätten. Fast überall, wo die Stadt solche Mietshäuser plant, protestieren Nachbarn und teils auch Lokalpolitiker, was den Bau verzögern kann.

Eines dieser Streitobjekte liegt in Laim, wo neben Kindergarten, Krippe und Hort auch etwa 30 Wohnungen für sozial Benachteiligte entstehen sollen. Die Anwohner laufen Sturm, weil sie Lärm und Kriminalität befürchten.

Wie unbegründet die Ängste sind, zeigen Beispiele in Obermenzing und Untergiesing: Auch dort hatten Anwohner protestiert, doch Stummvoll konstatiert bei all diesen Projekten "null Probleme": "Das Programm funktioniert gut, es ist noch nie etwas passiert."