Immer mehr Wohnungslose Luftschutzbunker für Obdachlose

Die Lage in München spitzt sich zu: Die Zahl der Menschen ohne Wohnung ist so hoch wie nie. Jetzt will die Stadt am Hauptbahnhof eine Notschlafstelle schaffen - in einem ehemaligen Bunker.

Von Bernd Kastner

Die Stadt plant, den alten Luftschutzbunker unter dem Hauptbahnhof als Notschlafstelle herzurichten. Damit will das Wohnungsamt verhindern, dass in kalten Winternächten Obdachlose auf der Straße erfrieren, weil sie kein Bett finden. Der Bunker soll Platz für bis zu 140 Personen bieten und bis Jahresende renoviert werden. In den sechziger Jahren hatte er als Durchgangsstation für Gastarbeiter gedient.

Die Wiedereröffnung des rund 1000 Quadratmeter großen Bunkers hat Symbolcharakter: "Für Einkommensschwache verschlimmert sich die Situation dramatisch", sagt Rudolf Stummvoll, Chef des Wohnungsamtes. Sein Haus geht davon aus, dass die Anzahl der Obdachlosen, die auf der Straße leben, in den vergangenen drei, vier Jahren von geschätzt 300 auf heute 550 angestiegen ist. Grund sei neben den permanent steigenden Mieten der wachsende Zuzug von Migranten, vor allem aus Osteuropa, erklärt Bernd Schreyer aus dem Wohnungsamt.

Auch auf der nächsten Ebene des Wohnungsmarktes wird die Situation immer kritischer: Mit rund 3000 ist die Anzahl der akut Wohnungslosen, die von der Stadt untergebracht sind, derzeit so hoch wie noch nie. Als wohnungslos gelten Menschen, die zwar ein Dach über dem Kopf haben, aber keine eigene Wohnung mit Mietvertrag; sie werden vorübergehend in Notquartieren, Pensionen oder Clearinghäusern untergebracht. Dazu kommt eine unbekannte Anzahl an Menschen, die privat eine Notschlafstelle finden, etwa bei Freunden.

Unter den 3000 registrierten Wohnungslosen sind 800 Kinder, und die Lage dürfte sich weiter zuspitzen. Während der Zuzug nach München stetig steigt, nimmt nicht nur die Anzahl der Sozialwohnungen ab. Zugleich schaffen immer weniger dieser Menschen den Umzug in eine freifinanzierte Wohnung.

Hat die Stadt bis etwa 2010 noch rund 90 Haushalte pro Monat aus einem Notquartier in "normale", ohne öffentliche Gelder errichtete Wohnungen vermittelt, ist diese Zahl in diesem Jahr auf durchschnittlich 36 pro Monat gesunken. Im April waren es sogar nur 14. Zwei Gründe macht Schreyer dafür aus: Die Anzahl der günstigen "normalen" Wohnungen sinkt rapide; zugleich würden Vermieter wählerischer. Wer unter Dutzenden Bewerbern auswählen kann, entscheidet sich selten für Wohnungslose.

"Stau" in den Notquartieren

Die Folge der Entwicklung ist ein größer werdender "Stau" in den Notquartieren, die Stadt tut sich immer schwerer, ihr Konzept "Wohnen statt Unterbringen" zu verwirklichen. Derzeit sind mehr als 230 Haushalte länger als drei Jahre notdürftig untergebracht. Die Verweildauer in Pensionen oder anderen Unterkünften ist in den vergangenen drei Jahren um 20 Prozent gestiegen - jeweils jährlich. Unter den prekären Wohnverhältnissen leiden vor allem Kinder.

Während die Stadt laut Schreyer die Wohnungslosigkeit von Einheimischen in den vergangenen Jahren gut in den Griff bekommen habe, macht ihr inzwischen der Zuzug aus dem Ausland zu schaffen. Vor allem Migranten aus osteuropäischen EU-Staaten oder Flüchtlinge aus Irak, Afghanistan oder Somalia haben zwar ein Bleiberecht, finden aber oft keine gesicherte Bleibe in München.

Je länger jemand in einem Notquartier lebe, desto schwieriger werde der Schritt in eine Wohnung. Bei Migranten kommen Sprachprobleme hinzu, weshalb städtische Mitarbeiter sie künftig stärker begleiten wollen, auch bei Gesprächen mit Vermietern. Dass das Ausmaß der Misere heute längst nicht so sichtbar ist wie vor rund zehn Jahren, als viele Container aufgestellt wurden, liegt am seither entwickelten Konzept des Wohnungsamtes. Das hat mit Pensionen und Wohnheimen Verträge geschlossen, um je nach Bedarf flexibel Betten anzumieten.