IG Metall Streiks in der Metallindustrie könnten sich wochenlang hinziehen

"Wir sind bereit!" Für 24 Stunden legten die MAN-Beschäftigten die Arbeit nieder.

(Foto: Sachelle Babbar)
  • Die Münchner MAN-Beschäftigten beteiligen sich am 24-stündigen Warnstreik, zu dem die IG Metall in mehr als 250 Betrieben der deutschen Metall- und Elektroindustrie aufgerufen hat.
  • Unter anderem fordern die Metaller einen um sechs Prozent höheren Lohn sowie die Mögichkeit, die Wochenarbeitszeit zeitweise zu reduzieren.
Von Wolfgang Görl

Mittwochmorgen, kurz nach Sonnenaufgang: Seit Mitternacht stehen in den Werkshallen von MAN Truck & Bus an der Dachauer Straße alle Räder still, vor den Toren halten Streikposten Wache, und soeben hat Daniel Holzschuh, der Jugend- und Auszubildendenvertreter bei MAN, mit dem Countdown begonnen: Aus dem Lautsprecher hallt seine Stimme über die Menge der Streikenden vor dem Osttor: "Zehn, neun, acht . . ." Alle zählen mit, ein anschwellender Sprechgesang. "Drei, zwei, eins." Dann knallt es, und ein bunter Konfettiregen ergießt sich über die Köpfe. Jubel, Applaus, Pfeifengetriller.

Die Münchner MAN-Beschäftigten beteiligen sich am 24-stündigen Warnstreik, zu dem die IG Metall in mehr als 250 Betrieben der deutschen Metall- und Elektroindustrie aufgerufen hat, nachdem die Tarifverhandlungsrunde am Wochenende gescheitert war. Unter anderem fordern die Metaller einen um sechs Prozent höheren Lohn sowie den individuellen Anspruch, die Wochenarbeitszeit für die Dauer von maximal zwei Jahren auf bis zu 28 Stunden reduzieren zu können. Wer auf dieser Grundlage weniger arbeitet, weil er Eltern pflegen oder Kinder betreuen muss oder weil er im Schichtbetrieb tätig ist, soll vom Arbeitgeber einen Zuschuss erhalten. Vor allem an diesem Punkt sind die Verhandlungen in eine Sackgasse geraten.

Nun also macht die Gewerkschaft per Warnstreik Druck - bundesweit und auch in München. In der Nacht haben die MAN-Leute, mäßig erwärmt von Feuertonnen, Posten vor den Werktoren bezogen, das Rednerpodium aufgestellt sowie einen Kaffeeausschank, eine Döner- und eine Currywurstbude platziert.

Kurz vor der Kundgebung um acht Uhr stehen mehrere hundert Streikende, viele von ihnen in rote IG-Metall-Anoraks gehüllt vor dem Werksgelände, unter ihnen der Instandhalter Robert Sievers. "Die 28 Stunden", sagt er, "wären schon wichtig für Leute, die zum Beispiel Angehörige betreuen." Er selbst benötige die verkürzte Arbeitszeit gerade nicht - aber wer weiß: "Jeder hat mal einen familiären Engpass." Das Verhalten der Arbeitgeber nennt er eine Provokation. "Wir müssen ihnen zeigen: So geht's nicht weiter."

Auf einmal großes Hallo: Die BMW-Kollegen marschieren ein, allen voran der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Manfred Schoch. In vier Bussen sind sie angefahren, um ihre Solidarität zu bekunden. Alexander Farrenkopf, der Leiter der IG-Metall-Vertrauensleute bei BMW, wird später in die Menge rufen: "Respekt, liebe Kollegen von MAN." Respekt für das Kunststück, innerhalb von 48 Stunden einen ganztägigen Warnstreik zu organisieren. Und Farrenkopf fügt hinzu, bei BMW werde gerade über Arbeitsniederlegungen abgestimmt, "und es schaut nicht schlecht aus".

Überhaupt sind die Arbeitskämpfer des Münchner Lastwagenbauers nicht allein. Als Martin Rabe, der Vertrauenskörperleiter bei MAN, die Kollegen von BMW, vom benachbarten Triebwerkbauer MTU sowie die Delegationen anderer Gewerkschaften begrüßt, schwappt die Stimmung, die ohnehin mehr heiter als wütend ist, ins Volksfesthafte. Nach Gewerkschaftsangaben sind es 3000 Menschen, die an der Kundgebung teilnehmen.

Rabe aber schaltet wieder zurück in den Arbeitskampfmodus: "Der Arbeitgeber hat gedacht, wir sind Schönwetter-Gewerkschafter." Solche, die keinen 24-Stunden-Streik zusammenbrächten. Und dann wird Rabe richtig laut: "Nein, wir sind Vollblut-Gewerkschafter, und wenn der Schnee fällt und der Wind bläst, sind wir doppelt bereit."

Horst Lischka, der 1. Bevollmächtigte der IG Metall München, knöpft sich ebenfalls die Unternehmer vor: "Es wird jeden Tag teurer für die Arbeitgeber, wir legen jeden Tag eine Schippe drauf." Sie seien es gewesen, welche die Verhandlungen abgebrochen hätten, die Gewerkschaft habe sie nicht scheitern lassen. Die Unternehmen verkündeten ein Rekordergebnis nach dem anderen, sie machten Gewinne, die die Belegschaften erarbeitet hätten. "Dafür wollen wir unseren gerechten Anteil", ruft Lischka viel umjubelt. "Reizt die IG Metall nicht. Die IG Metall kann wochenlang streiken."

Just als der MAN-Betriebsratsvorsitzende Saki Stimoniaris - ja, das ist derjenige, der Hasan Ismaik neuerdings in 1860-Gremien vertritt - ans Mikrofon tritt, ergießt sich das Sonnenlicht über die Szenerie. "Sogar der liebe Herrgott steht auf unserer Seite", jubelt Stimoniaris. Der Betriebsratschef wirft den Arbeitgebern vor, in Jahrzehnten erkämpfte Errungenschaften wie Kündigungsschutz für Ältere oder Schichtzuschläge abschaffen zu wollen. "Es geht ihnen um den Angriff auf den Tarifvertrag. Das werden wir uns nicht gefallen lassen."

Hin und wieder ist ein Lieferfahrzeug zu sehen, das unverrichteter Dinge umkehrt. Die Produktion, daran zweifelt niemand, wird ins Stocken geraten. "Die Produktionsausfälle müssen zu anderen Zeiten nachgeholt werden", sagt ein MAN-Sprecher auf Anfrage. Das könnte sich hinziehen. In seiner Rede hatte Münchens IG-Metall-Chef Lischka die Frage gestellt, wer bereit sei, wochenlang zu streiken. Alle hoben die Hand.

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