Opfer der Nazis "Ich muss es erzählen, ich werd sonst meschugge"

Immer dienstags wird dieses Zimmer zum Café Zelig.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Café Zelig ist der einzige Treffpunkt, den es in München für Überlebende des Holocausts gibt. Das Besondere ist: Man kann über alles Erlebte reden. Muss aber nicht.

Von Alex Rühle

Gibt bestimmt nicht viele Menschen, die einem beim ersten Treffen sagen, Auschwitz sei ihr "großes Glück gewesen". Natan Grossmann weiß natürlich, was für eine skandalöse Formulierung das ist. Der 90-Jährige scheint die perplexe Reaktion seines Gegenübers zu genießen. Er nickt in die Stille hinein, und erklärt dann, in Auschwitz sei er ausgewählt worden für das KZ Vechelde bei Braunschweig. "Außenstelle, das einzige KZ mit Ripette."

Wieder so eine verunsicherte Stille auf der einen Seite und gegenüber ein funkelnder Blick. Ripette? Ist das eine Foltermethode? Grossmann lacht tonlos mit zuckenden Schultern. "Nachschlag. Und zwar vom Bodensatz der Suppe, da wo wirklich Zutaten drin rumschwammen." Er spannt die Arme an, als wolle er unter seiner beigen Rentnerjacke die Muskeln zeigen. "Ich war da in der Schmiede. Mein Meister hat mir heimlich was zugesteckt. Nur so hab ich überlebt." Willkommen im Café Zelig. Willkommen bei den Überlebenden.

"Die Natur, sie hat mich befreit"

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Bei vielen guten Dingen fragt man sich, wenn sie erst einmal da sind, warum es sie nicht schon viel früher gab. Sitzt man an einem Dienstagnachmittag im Zelig, drängt sich schon nach wenigen Minuten die Frage auf, wo sich all diese Menschen bisher getroffen haben. "Ja, gar nicht", sagt Hilde Grünberg, eine feine Dame, die ein herrlich gediegenes Münchnerisch spricht, "jedenfalls ned so". Sie zeigt in die Runde: Acht Tische, daran sitzen jeweils drei bis fünf Leute, gerade haben sie noch gesungen, aus vollem Hals, eine Pianistin mit spektakulär onduliertem Haargebirge hatte jiddische Lieder gespielt: Bei mir bistu shein. Mir sejnen do. Jetzt hört man das Geklapper von Gabeln und Tassen.

"Café Zelig", das klingt nach hübschem Tresen, Kaffeehaustischchen, Wiener Eleganz. Das hier ist einfach nur ein großes Zimmer in einer Schwabinger Wohnung. Ein paar Tische, ein paar Stühle, vorne links das Klavier. Das Besondere ist also bestimmt nicht das Interieur. Das Besondere sind die Gäste. Das Café Zelig ist der einzige Treffpunkt, den es in München für Überlebende des Holocausts gibt.

"Einen Designpreis werden wir mit dem Zelig nicht gewinnen", sagt Joram Ronel, der Initiator des Cafés. "Es ist nur ein Ort zum Sprechen. Zum Schweigen. Zum Einfachdasein. Ein Raum, an dem es keine Erklärung braucht." Natan Grossmann meint dasselbe, wenn er sagt, hier wüssten alle, "wie das ist, wenn man nachts wach liegt und aus dem Dunkel die Bilder kommen".

Alles fing vor vier Jahren an. Damals richtete die Stadt München für die Kultusgemeinde eine sozialpädagogische Stelle ein. Man dachte an Hilfe bei Behördengängen. "Aber", so Ronel, "schon nach wenigen Wochen war klar: Das Wichtigste für diese alten Menschen ist Ansprache. Austausch. Der oftmals unbedingte Drang, am Ende des Lebens die eigene Biografie zu erzählen." Zusammen mit Olga Albrandt, der Leiterin der Sozialabteilung der Kultusgemeinde, entwickelte er die Idee für dieses Café, das es nun seit einem Jahr gibt.

Natan Grossmann kommt gerne zu den Treffen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ronel ist ein feiner Mensch, ironisch, diskret, zugewandt. Und doch merkt man dem 45-jährigen Psychoanalytiker und Oberarzt der Psychosomatischen Klinik am Rechts der Isar an, dass die Sponsorensuche eine eher unangenehme Erfahrung war. "Für ein Memorial findet man sofort Geld", sagt er. "Tote sind ja auch praktisch. Sie stören niemanden mehr, machen keine Kosten, man kann einfach ein wenig gedenken und gut ist." Kurzum: Es sei viel leichter, für Gedenkkultur Geld aufzutreiben als für diejenigen, die noch am Leben sind.

Ronel ließ nicht locker. Und fand am Ende sowohl einen Raum als auch Geldgeber: Die B'nai-Brith-Loge München e.V. stellt seit einem Jahr jeden Dienstag diese Wohnung zur Verfügung. Die Stiftung "Erinnerung Verantwortung Zukunft" finanziert das Café - was in erster Linie bedeutet, dass ein kleines Team von Sozialarbeitern und Helfern bezahlt und Taxifahrten ermöglicht werden, die Gäste sind ja alle hochbetagt. Dazu kommen Einzelspenden und Geld von der Kultusgemeinde. Deren Präsidentin Charlotte Knobloch schob hinter den Kulissen kräftig mit an.

Jeder hat seine eigene Rettungsgeschichte

800 bis 1000 Menschen leben noch im Großraum München, die dem Vernichtungsprogramm der Nazis entkommen sind. An diesem Dienstag sind etwa 25 von ihnen hier versammelt. Was sie eint, ist der Zufall des Entkommens. Überlebt zu haben.

An einem der hinteren Tische sitzt Theresia Johewet Rosendahl neben ihrem Mann Gideon. Die beiden merkwürdig ökumenischen Vornamen geben einen diskreten Hinweis auf die Rettungsgeschichte der Frau Rosendahl: Johewet hieß ihre Großmutter. Auf den Namen Theresia haben die Nonnen sie getauft. Sie wurde im Ghetto Sosnowiec geboren. Ihr Vater gab sie an eine katholische Familie, die sie wiederum einem Kloster anvertraute. "Die Nonnen haben mich in der Sakristei großgezogen. Ich hab laufen gelernt in der Kirche. Nach dem Krieg bin ich in der ersten Zeit jeder Nonne nachgerannt."