Hostaria Fratelli Große Vorstellung

Kein Chichi und keine geschwätzigen Kellner: Die Hostaria Fratelli kommt wie ein Ferrari unter Münchens Italienern daher. Doch dann geht den Köchen die Puste aus.

Von Kurt Kuma

So muss ein gutes Restaurant aussehen. Schlichte weiße Tischdecken mit weißen Stoffservietten, je ein Messer und eine Gabel daneben. Einfache Stühle, vereinzelt Kerzen, indirekte Beleuchtung und ein beeindruckender Lampenschirm über der Mitte des Raumes. Kein Chichi mit einem Dutzend Besteckteilen und Gläserbatterien auf dem Tisch, keine geschwätzigen Kellner, die den Gast schleimerisch umgarnen. In diesem Ambiente, und im Sommer gerne auch vor der Tür auf der Steinstraße am Wiener Platz, agiert Rocco Gruosso, der padrone höchstselbst.

Er spricht mit dieser wohltuenden süditalienischen Färbung, die bei italienaffinen Deutschen sofort Fernweh erzeugt (womasi abba auch fragt, obber hat diese Akzente, wenn iste niggt gerade inde Hostaria, sondern zum Beispiel beim Kreisverwaltungsreferat). Nein, im Ernst: Rocco umsorgt zusammen mit seinem Kompagnon jeden Gast auf vorzügliche Weise, handfest und zuverlässig, ansprechend mit weinroter Schürze gekleidet.

Ein Schuss vom edlen Olivenöl im Schälchen, frisches Weißbrot und ein kleiner Gruß aus der Küche bilden den Auftakt. Eigentlich kann jetzt nichts mehr schiefgehen. Doch vielleicht liegt es gerade an dem allzu gelungenen Start, vielleicht an dem Zustand gespannter Erwartung und vielleicht auch daran, dass sich, wo die 20-Euro-Marke für Hauptgerichte nach oben durchstoßen wird und Vorspeisen zwischen 13 und 18 Euro notieren, ein besonderes Versprechen an den Gast richtet, dass wir letztlich auch die eine oder andere Enttäuschung erlebten. Einmal war es zum Beispiel ein mit dem vorhandenen Tischwerkzeug kaum zu zerwirkendes, zähes Stück Seeteufel, das dem erhofften Rundum-Wohlfühl-Erlebnis eine Macke verpasste. Ein andermal war arg viel Salz im Spiel. Doch der Reihe nach.

Unter den Vorspeisen finden sich Gerichte, die man zum Teil selten bekommt. Hauchdünn geschnittene Scheiben von der Kalbszunge auf Salat zum Beispiel oder mit Balsamico und Artischocke kross angebratene Stücke vom Oktopus (um die 13 Euro). Meeresgetier und Kalb zeichneten eine perfekte zarte Konsistenz aus, gepaart mit klaren italienischen Geschmacksnoten. Auch über die Pasta lässt sich Gutes berichten: Die teils handgemachten Teigwaren haben wir einmal in Kombination mit einer würzigen Salsiccia und einmal mit Venusmuscheln alias Vongole probiert und können getrost ein "authentisch" attestieren. Der Versuch, in die Oberklasse der Teigwaren vorzudringen, wir kosteten die Tagliatelle mit Trüffel für 18 Euro, schlug jedoch fehl, da dominierte eindeutig Salz über den Edelpilz.

Als Hauptgerichte bietet die Hostaria je zwei bis drei Fisch- und Fleischgerichte an. Nachdem wir einen Seeteufel (24 Euro), wie angedeutet, einmal zu trocken und verhärtet vorfanden, probierten wir ihn sicherheitshalber mit zeitlichem Abstand erneut, und das Problem stellte sich zum Glück nicht noch mal ein. Dennoch konnten wir einem Stück Weißfisch (Ombrina) mit einem kross gegrillten Aufstrich aus getrockneten Tomaten und einem Bett aus pürierter roter Bete deutlich mehr abgewinnen (21 Euro).

Leider unversucht, aber zweifellos ein Projekt für kommende Besuche, blieb der in Salzkruste gebackene Wolfsbarsch (54 Euro für zwei Personen). Fleischgerichte betreffend bremsten wir unseren Erkundungsdrang nach einer Portion Kalbsbäckchen auf Püree (19 Euro). Das geschmorte Fleisch war fraglos zart und mit der charakteristischen, geschmackstragendenen Marmorierung durchzogen. Aber das Gericht wirkte uninspiriert, schlicht zusammengerührt, und das Püree litt unter zu viel Flüssigkeit.

Für solche kleinen, dem generellen Erscheinungsbild nicht angemessenen Enttäuschungen kann man sich mit den Nachspeisen, allem voran die selbst gemachten semifreddi (8,50 Euro) entlohnen, zum Beispiel mit Maracuja-Geschmack. Dazu ein bernsteinfarbener Grappa Monprà, und schon fühlt man sich wieder bestens aufgehoben in Roccos Reich.

So muss ein gutes Restaurant aussehen: Schlichte weiße Tischdecken mit weißen Stoffservietten, einfache Stühle, vereinzelt Kerzen, indirekte Beleuchtung und ein beeindruckender Lampenschirm über der Mitte des Raumes.

(Foto: Stephan Rumpf)

Auch die Weinkarte kann anspruchsvolle Verkoster bei Laune halten. Wir jedenfalls empfanden schon die offenen Gewächse, ein mineralischer, transparenter Weißer aus Sizilien (4 Euro für 0,1 l) und einen kräftigen Roten aus der Basilikata (5 Euro) als angemessene Begleiter.

Rückblickend kam uns die Metapher eines Ferrari in den Sinn, bei dem man plötzlich merkt, dass ein paar PS zu wenig unter der Haube wummern und der eine oder andere Schalter klemmt. Ein fesselndes Fahrzeug, zweifellos, aber eben nicht ganz das, was Marke, Design und Ausstattung versprechen. Wohlgemerkt: Beim Standard-Italiener um die Ecke träumt man von Speisen auf dem Niveau der Hostaria. Für ein echtes Oha-Aha-Oho-Erlebnis fehlt den Fratelli aber noch eine Portion Erfindergeist und Kombinationslust.