Von Anna Martinsohn

Der Münchner Hoteldirektor Erich Haas, 90 Jahre alt, über sein langes Leben mit einem Mann.

Reisefotos hängen an den Wänden im Flur, im Wohnzimmer Ikonenmalereien. In antiken Schränken sind Unmengen von kleinteiligen Sammelstücken angerichtet, deren Wert allein die Summe aller Erinnerungen sein muss. Erinnerungen, die so kostbar sind, dass kein Staubkorn sie bedecken darf, denn alles ist blitzsauber. Am Wohnzimmertisch der Westschwabinger Wohnung sitzt Erich Haas.

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Erich Haas in seiner Schwabinger Wohnung. (© Foto: Robert Haas)

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Auf dem Tisch steht ein Blumenstrauß. "Den haben mir die Manager vom Völklinger Kreis zum Geburtstag geschickt - extra aus Berlin. Verrückt, nicht wahr?" sagt er und schüttelt dabei ungläubig den Kopf. Im Völklinger Kreis, dem Bundesverband schwuler Führungskräfte, war Erich Haas als Hoteldirektor jahrelang Mitglied, jetzt ist er 90 Jahre alt geworden. Zu seiner Homosexualität hat er sich seit jeher bekannt.

In Bayern gestrandet

Seinen Geburtstag feierte er kürzlich "im großen Kreis" - in diesem Alter schon eine Seltenheit. Jetzt reicht es aber langsam, findet er und lächelt verschmitzt, als könne er selbst entscheiden, wer wann von dannen geht. Durch die goldumrandete Brille mustert er sein Gegenüber schärfer als andere in seinem Alter, formuliert seine Sätze präziser. "Umtriebig" sei er immer gewesen, aber Sport habe er nie gemacht - vielleicht sei er deshalb noch so fit. Fit genug um seine Biographie zu schreiben: "...eines Freundes Freund zu sein..." heißt das Buch, das die Geschichte eines offen lebenden Homosexuellen erzählt, auch in für diese Neigung problematischen Zeiten. Angelehnt ist der Titel an Schillers Ode an die Freude. Die darauffolgende Zeile hieße: "Wer ein holdes Weib errungen" - aber das passt ja nun gar nicht.

Als Erich Haas mit seiner Familie nach den Wirrungen des zweiten Weltkrieges aus dem rumänischen Siebenbürgen in Bayern strandet, beginnt er eine Ausbildung an der Hotelfachschule in Heidelberg. Mit dem Abschluss als Klassenbester in der Tasche wird er Empfangschef am Bayerischen Hof. Zehn Zimmer hat das fast völlig zerstörte Hotel.

"Wollen wir zusammen ins Kino gehen?"

Für Haas gibt es viel zu tun: "Ich arbeitete, speiste und schlief dort. Es kam vor, dass ich zwei Wochen das Hotel nicht verließ", erinnert er sich. Von Jahr zu Jahr werden es mehr Zimmer, mehr Gäste, mehr Verantwortung. Seine in München lebenden Eltern, besonders die Mutter, versuchen derweil für den fast 30-jährigen "eine gute Partie" zu finden. Doch das gelingt nicht so recht.

Haas ist klar, dass er einen Freund möchte, doch der damals in der Bundesrepublik geltende Paragraph 175, der gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen bei Männern unter Strafe stellt, lässt ihn zweifeln. "In Rumänien war das anders. Da hieß es: ,Jetzt kommt der warme Bruder', wenn ein homosexueller Bekannter kam."

Als ihm 1948 zufällig am Stachus "ein gut aussehender junger Mann entgegen schlendert", fasst er sich ein Herz. Er folgt ihm zu einem Schaufenster mit Kinoplakaten und fragt: "Wollen wir zusammen ins Kino gehen?"

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  1. Sie lesen jetzt Eines Freundes Freund
  2. "Was soll ich nachholen?"
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