HIV-Infizierter verurteilt Mann steckt Freundin mit tödlichem Virus an

"Ich habe es nicht geschafft, das zu kommunizieren": Obwohl er wusste, dass er den HI-Virus in sich trug, schlief ein Mann weiter ungeschützt mit seiner Freundin. Nun muss er für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis.

Von Christian Rost

Die Ärzte hatten Michaela T. (Name geändert) schon fast aufgegeben. 2006 wurde die damals 35-jährige Lehrerin in eine Gautinger Fachklinik wegen einer kritischen Lungenentzündung eingeliefert. Die Ursache war unklar. Erst kurz vor einer Lungen-Transplantation ergab ein Labortest: Die Frau war an Aids erkrankt. Ihr Lebensgefährte hatte sie offenbar bereits im Jahr 2000 mit dem HI-Virus infiziert - und ihr seine Infektion über Jahre hinweg verschwiegen.

Am Freitag wurde der Mann am Münchner Amtsgericht wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung in 80 Fällen zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Vorsitzende des Schöffengerichts ließ den 54-Jährigen noch im Saal wegen Fluchtgefahr festnehmen.

Der Angeklagte hatte die Frau im Jahr 2000 kennengelernt, für beide sollte es nur ein Seitensprung sein. Weil sich Thomas G. und Michaela T. aber ineinander verliebten, trafen sie sich öfter, verließen ihre jeweiligen Partner und zogen zusammen. Schon nach dem ersten intimen Treffen vereinbarten sie einen HIV-Test. "Die Zeitungen waren damals voll von Berichten über Aids", erinnerte sich G. Er ging zum Gesundheitsamt, sie zum Arzt. Während ihr Test negativ ausfiel, schlug bei G. die Nachricht ein: er war positiv.

Seiner damaligen Ehefrau erzählte er davon, seiner Geliebten verschwieg er das Ergebnis. "Ich habe es nicht geschafft, das zu kommunizieren", sagte er entschuldigend. Er habe ihr zwar mitgeteilt, dass sein Testergebnis "positiv" sei, aber auf ihre erschrockene Reaktion noch schnell nachgeschoben: "Positiv, so wie man es sich wünscht." Für die Frau schien dann alles in Ordnung. G. sagte, er habe "Angst vor juristischen Konsequenzen" gehabt.

Kondome wollte er nicht benutzen

Trotz des Wissens um die Folgen einer Aids-Erkrankung schlief G. weiter ungeschützt mit Michaela T. Ein Kondom wollte er nicht benutzen, wie sich die Frau im Zeugenstand erinnerte. Überdies drängte er seine Partnerin zum Analverkehr, was laut einem medizinischen Gutachter die Ansteckungsgefahr noch um ein Vielfaches erhöhte. Der Zeitpunkt, wann sich Michaela T. ansteckte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Das Gericht nahm zugunsten des Angeklagten an, dass es bereits 2000 dazu gekommen war. Damit galt die Tat als verjährt, aber die weiteren sexuellen Kontakte waren geschätzte 80 versuchte gefährliche Körperverletzungen.

Im Jahr 2006 brach die Krankheit bei Michaela T. aus. Sie befand sich wegen Atemproblemen zunächst im Klinikum Bogenhausen. Immerhin ließ G. den Ärzten dort über die Krankenhaus-Seelsorge einen anonymen Hinweis auf eine HIV-Infektion zukommen. Ein Test bei der Patientin ergab aber ein falsches, ein negatives Ergebnis. Solche Fehler sind extrem selten, aber nicht ausgeschlossen. Ein zweiter Test erfolgte trotz eindeutiger Symptome bei T. nicht. Erst drei Monate später in der Gautinger Klinik wurde die Aids-Erkrankung entdeckt - als es fast zu spät war.

Die Frau ist laut ihrem Anwalt heute ein "psychisches Wrack". Sie könne nicht mehr arbeiten, finde keinen Partner mehr und könne auch keine Kinder bekommen. Staatsanwalt Andreas Franck forderte wegen der gravierenden Folgen eine Haftstrafe von drei Jahren für den Gartenbauer. Die Verteidigung beantragte Bewährung.

2010 hatte sich Thomas G. von Michaela T. getrennt. Auf dem Küchentisch hinterließ er einen Zettel: Man habe sich auseinandergelebt. Bis zum Prozess am Freitag stritt er ab, der Überträger des Virus gewesen zu sein. Dann kam sein spätes Geständnis. "Zu spät" für Richter Matthias Braumandl: "Sie haben ein Leben zerstört."