Von Bernd Kastner

Serkan A. und Spyridon L. haben viele Hilfsangebote erhalten - auch die richtigen? Die Behörden wagten nicht, die Kinder aus den Familien zu nehmen.

Am Tag danach, als dieses Video vom Arabellapark über die Bildschirme flimmerte, auf dem zwei Schatten einen anderen Schatten zusammentreten, da hat es mancher im Sozialreferat wohl schon geahnt. Dass zwei ihrer Klienten eine Grenze überschritten haben. Und dass sie selbst, die Helfer, an eine Grenze gestoßen waren. Zwei Tage später wurden aus den unbekannten Schemen Serkan A. und Spyridon L., sie sind seither Inbegriff für unbändige Brutalität. Den Mitarbeitern in mehreren Sozialbürgerhäusern waren sie seit Jahren bekannt, und so war manchen zu Weihnachten klar, dass einige unangenehme Fragen aufkommen würden, es war Wahlkampf.

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Serkan A. (links) und Spyridon L. (rechts) zu Beginn ihres Strafprozesses. (© Foto: AP)

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Was habt ihr Sozialarbeiter unternommen, um das zu verhindern? - Viel. Das können sie mit Fug und Recht sagen. Kein Vergleich zu Bremen und Schwerin, wo Kevin und Lea-Sophie starben. Viel haben sie getan, trotz ihrer permanenten Überlastung. Trotz der Alten und Kranken und Armen, um die sie sich auch kümmern müssten, für die aber oft kaum Zeit bleibt. Hilfe für Kinder und Jugendliche wird als noch dringender angesehen, weil alle Helfer Angst haben: Stirbt ein Kind in der Obhut der Eltern oder gerät ein Jugendlicher außer Rand und Band, dann zeigt die Öffentlichkeit mit Fingern auf sie, die Leute in der Bezirkssozialarbeit und im Jugendamt. Also hat Jugendhilfe Priorität.

"Er nahm die Angebote nicht an"

Serkan kommt in den Kinderhort, erhält ambulante Erziehungshilfe, später Beratung zur Berufsfindung; dann soll er in eine therapeutische Wohngruppe ziehen, doch er weigert sich. Er kommt in ein Heim, doch die Mutter holt ihn raus. Auch die türkischsprachige Beratung bringt nichts. "Hilfeverfahren wegen Nichtmitwirkung eingestellt", heißt es in einem amtlichen Vermerk. Auch Spyridon L.s vergangene Jahre sind ein einziges Hin und Her: Er zieht in eine Jugendpension, fliegt raus, weil er kifft und säuft. Er kommt in ein Heim, dort streitet er mit den Betreuern, randaliert, die Mutter holt ihn raus. Er wird in der Uni-Psychiatrie behandelt und in der Heckscher Klinik.

Es nutzte nichts, bei beiden. "Serkan nahm die Angebote nicht an", sagte ein Bewährungshelfer als Zeuge im Gerichtsprozess. "Er lebte in den Tag hinein." Schlimmer noch, zeitgleich zu all den Hilfeplänen wurde die Liste ihrer mutmaßlichen Straftaten länger und länger: Spyridon L. bedroht seinen Vater, droht, ihn umzubringen; fordert Geld, mehr Geld; schwänzt die Schule; klaut, bricht ein, klaut wieder, bricht wieder ein; nimmt Drogen. Serkan A.s Delikte unterscheiden sich allenfalls quantitativ: noch mehr Einbrüche, noch mehr Diebstähle et cetera. "Extrem gewalttätig", notiert eine Helferin schon 2005, "geringe Frustrationstoleranz". Sie meint A., er drohe "abzurutschen ins kriminelle Milieu". An Weihnachten 2007, da haben die beiden gerade ihre Zellen in Stadelheim bezogen, stehen in der Polizeiakte von Serkan A. 40 Vorfälle, in der seines Kumpels Spyridon L. 24.

Die beiden sind Täter, aber auch selbst Opfer: geschlagen vom Vater, aus dem Leben geworfen vom Umzug in ein fremdes Land mit einer fremden Sprache, falsche Freunde, die Macht der Drogen. Migranten in Deutschland.

Die Helfer versuchten ihr Bestes, doch sie hatten keine Chance. So erschien es bei der Gerichtsverhandlung im Juni, an deren Ende L. zu achteinhalb und A. zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurden. Jetzt ist klar, dass womöglich wichtige Schritte auf Serkans und Spyridons Weg nach unten noch nicht öffentlich hinterfragt wurden. Die Verteidiger wollten keine zweite Front eröffnen gegen die "hilflosen Helfer". Das hätte womöglich so gewirkt, als wollten sie die Schuld der Täter damit relativieren. Die Verteidigung hat die Akten von A. und L. im Jugendamt nicht eingesehen.

Die einzige Chance, so gab ein Bewährungshelfer im Gericht zu Protokoll, wäre ein geschlossenes Heim gewesen. Hier liegt, im Nachhinein gesehen, der wohl entscheidende Fehler. Das Familiengericht wurde nicht angerufen von den Helfern, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Die Hilfe für A. und L. funktionierte nicht so, wie sie sollte. Es wurde viel Quantität geboten, aber an der Qualität mangelte es offenbar. Man wird nie sagen können, dass die Helfer schuld sind an den Tritten in der U-Bahn. Aber man muss sie dennoch stellen, diese Frage: Was wäre wenn?

Clinch von "oben" und "unten" im Sozialreferat

Wenn die Bezirkssozialarbeiter mehr Zeit für ihre Klienten hätten. Wenn sie mehr Ruhe hätten, um die Akten so zu führen, dass auch der Kollege daraus schlau wird und dass die Hilfsangebote aufeinander abgestimmt sind. Wenn die Übergaben zwischen den einzelnen Sozialbürgerhäusern besser geklappt hätten, als A.s Familie umzog. Wenn es nicht diesen Clinch zwischen "oben" und "unten" gäbe im Sozialreferat. Wenn sich die Sozialarbeiter, die sich als Generalisten um alle Probleme im Viertel kümmern müssen, nicht von den "Experten" im Jugendamt gegängelt fühlten durch unzählige Dienstanweisungen und Rummäkelei.

Und wenn die "Experten" nicht das Gefühl hätten, dass die Kollegen vor Ort nicht das Richtige machen. Man streitet über die Fachaufsicht. Wenn man die beiden, A. und L., also rechtzeitig geschlossen untergebracht hätte, auch und gerade gegen den Willen der Eltern. Wenn man die Eltern konsequenter auf die desolate Situation ihrer Kinder hingewiesen hätte. "Fallsteuerung" ist ein Wort aus der Jugendhilfe, es beschreibt die in sich schlüssige Gestaltung von Hilfsangeboten und Zwangsmaßnahmen. Diese Fallsteuerung hat offenbar nicht funktioniert. Serkan A. und Spyridon L. sind aus dem Ruder gelaufen. Sich selbst, ihren Eltern und den Helfern.

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(SZ vom 17.09.2008/jh)