Serkan A. und Spyridon L. haben viele Hilfsangebote erhalten - auch die richtigen? Die Behörden wagten nicht, die Kinder aus den Familien zu nehmen.
Am Tag danach, als dieses Video vom Arabellapark über die Bildschirme flimmerte, auf dem zwei Schatten einen anderen Schatten zusammentreten, da hat es mancher im Sozialreferat wohl schon geahnt. Dass zwei ihrer Klienten eine Grenze überschritten haben. Und dass sie selbst, die Helfer, an eine Grenze gestoßen waren. Zwei Tage später wurden aus den unbekannten Schemen Serkan A. und Spyridon L., sie sind seither Inbegriff für unbändige Brutalität. Den Mitarbeitern in mehreren Sozialbürgerhäusern waren sie seit Jahren bekannt, und so war manchen zu Weihnachten klar, dass einige unangenehme Fragen aufkommen würden, es war Wahlkampf.
Bild vergrößern
Serkan A. (links) und Spyridon L. (rechts) zu Beginn ihres Strafprozesses. (© Foto: AP)
Anzeige
Was habt ihr Sozialarbeiter unternommen, um das zu verhindern? - Viel. Das können sie mit Fug und Recht sagen. Kein Vergleich zu Bremen und Schwerin, wo Kevin und Lea-Sophie starben. Viel haben sie getan, trotz ihrer permanenten Überlastung. Trotz der Alten und Kranken und Armen, um die sie sich auch kümmern müssten, für die aber oft kaum Zeit bleibt. Hilfe für Kinder und Jugendliche wird als noch dringender angesehen, weil alle Helfer Angst haben: Stirbt ein Kind in der Obhut der Eltern oder gerät ein Jugendlicher außer Rand und Band, dann zeigt die Öffentlichkeit mit Fingern auf sie, die Leute in der Bezirkssozialarbeit und im Jugendamt. Also hat Jugendhilfe Priorität.
"Er nahm die Angebote nicht an"
Serkan kommt in den Kinderhort, erhält ambulante Erziehungshilfe, später Beratung zur Berufsfindung; dann soll er in eine therapeutische Wohngruppe ziehen, doch er weigert sich. Er kommt in ein Heim, doch die Mutter holt ihn raus. Auch die türkischsprachige Beratung bringt nichts. "Hilfeverfahren wegen Nichtmitwirkung eingestellt", heißt es in einem amtlichen Vermerk. Auch Spyridon L.s vergangene Jahre sind ein einziges Hin und Her: Er zieht in eine Jugendpension, fliegt raus, weil er kifft und säuft. Er kommt in ein Heim, dort streitet er mit den Betreuern, randaliert, die Mutter holt ihn raus. Er wird in der Uni-Psychiatrie behandelt und in der Heckscher Klinik.
Es nutzte nichts, bei beiden. "Serkan nahm die Angebote nicht an", sagte ein Bewährungshelfer als Zeuge im Gerichtsprozess. "Er lebte in den Tag hinein." Schlimmer noch, zeitgleich zu all den Hilfeplänen wurde die Liste ihrer mutmaßlichen Straftaten länger und länger: Spyridon L. bedroht seinen Vater, droht, ihn umzubringen; fordert Geld, mehr Geld; schwänzt die Schule; klaut, bricht ein, klaut wieder, bricht wieder ein; nimmt Drogen. Serkan A.s Delikte unterscheiden sich allenfalls quantitativ: noch mehr Einbrüche, noch mehr Diebstähle et cetera. "Extrem gewalttätig", notiert eine Helferin schon 2005, "geringe Frustrationstoleranz". Sie meint A., er drohe "abzurutschen ins kriminelle Milieu". An Weihnachten 2007, da haben die beiden gerade ihre Zellen in Stadelheim bezogen, stehen in der Polizeiakte von Serkan A. 40 Vorfälle, in der seines Kumpels Spyridon L. 24.
Die beiden sind Täter, aber auch selbst Opfer: geschlagen vom Vater, aus dem Leben geworfen vom Umzug in ein fremdes Land mit einer fremden Sprache, falsche Freunde, die Macht der Drogen. Migranten in Deutschland.
Die Helfer versuchten ihr Bestes, doch sie hatten keine Chance. So erschien es bei der Gerichtsverhandlung im Juni, an deren Ende L. zu achteinhalb und A. zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurden. Jetzt ist klar, dass womöglich wichtige Schritte auf Serkans und Spyridons Weg nach unten noch nicht öffentlich hinterfragt wurden. Die Verteidiger wollten keine zweite Front eröffnen gegen die "hilflosen Helfer". Das hätte womöglich so gewirkt, als wollten sie die Schuld der Täter damit relativieren. Die Verteidigung hat die Akten von A. und L. im Jugendamt nicht eingesehen.
Die einzige Chance, so gab ein Bewährungshelfer im Gericht zu Protokoll, wäre ein geschlossenes Heim gewesen. Hier liegt, im Nachhinein gesehen, der wohl entscheidende Fehler. Das Familiengericht wurde nicht angerufen von den Helfern, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Die Hilfe für A. und L. funktionierte nicht so, wie sie sollte. Es wurde viel Quantität geboten, aber an der Qualität mangelte es offenbar. Man wird nie sagen können, dass die Helfer schuld sind an den Tritten in der U-Bahn. Aber man muss sie dennoch stellen, diese Frage: Was wäre wenn?
Clinch von "oben" und "unten" im Sozialreferat
Wenn die Bezirkssozialarbeiter mehr Zeit für ihre Klienten hätten. Wenn sie mehr Ruhe hätten, um die Akten so zu führen, dass auch der Kollege daraus schlau wird und dass die Hilfsangebote aufeinander abgestimmt sind. Wenn die Übergaben zwischen den einzelnen Sozialbürgerhäusern besser geklappt hätten, als A.s Familie umzog. Wenn es nicht diesen Clinch zwischen "oben" und "unten" gäbe im Sozialreferat. Wenn sich die Sozialarbeiter, die sich als Generalisten um alle Probleme im Viertel kümmern müssen, nicht von den "Experten" im Jugendamt gegängelt fühlten durch unzählige Dienstanweisungen und Rummäkelei.
Und wenn die "Experten" nicht das Gefühl hätten, dass die Kollegen vor Ort nicht das Richtige machen. Man streitet über die Fachaufsicht. Wenn man die beiden, A. und L., also rechtzeitig geschlossen untergebracht hätte, auch und gerade gegen den Willen der Eltern. Wenn man die Eltern konsequenter auf die desolate Situation ihrer Kinder hingewiesen hätte. "Fallsteuerung" ist ein Wort aus der Jugendhilfe, es beschreibt die in sich schlüssige Gestaltung von Hilfsangeboten und Zwangsmaßnahmen. Diese Fallsteuerung hat offenbar nicht funktioniert. Serkan A. und Spyridon L. sind aus dem Ruder gelaufen. Sich selbst, ihren Eltern und den Helfern.
- Thema
- Stadtleben RSS
- Jugendliche Gewalttäter "Das Wissen ist nicht vorhanden" 16.09.2008
- Serkan A. U-Bahnschläger will heiraten 12.09.2008
- Hochzeit kein Schutz Beckstein will U-Bahn-Schläger abschieben 16.09.2008
- Münchner Frühlingsgefühle Sonne auf der Haut 27.04.2010
- 851. Stadtgeburtstag Liebes München! 20.04.2010
- Gewinner der Konzertkarten Karten für Phillip Boa 20.04.2010
- Joggen in München München läuft ... aber wo? 06.04.2010
(SZ vom 17.09.2008/jh)
Frauen in Saudi-Arabien
Die neueste Antwort
Da haben Sie was mißverstanden. Das Beispiel mit der Diskothek war nur ein Bild dafür, wie durch Ausgrenzung Wut entsteht. Es ging nicht darum wer konkret reinkommt. Aber Sie zeigen selbst wie der Kreislaufmechanismus funktioniert: Wie sieht der aus? - Ehr- oder Schamgesellschaft - vermutlich Problem - Ausgrenzung - Tendenz steigt wirklich zum Problem zu werden. Wo glauben Sie kann man diesen Kreislauf unterbrechen?
Ich weiss nicht wie viele Ausländer Sie kennen, aber ich bin sicher, daß die Anzahl Ihrer Bekannten, die Sie als konkret problematisch einstufen würden verschwindend gering ist.
"Meiner Auffassung nach liegt es immer auch an den Einwanderern selbst, diese zu widerlegen ..."
Die Farbigen in den USA z.B. müssen dann ganz schön unfähig sein, wenn sie in 2 Jahrhunderten nicht geschafft haben die Vorurteile zu widerlegen. Mit was denken Sie denn vermasseln die sich denn in der ganzen Zeit selbst die Vorurteile zu widerlegen?
@ Dagobert
Sie verquicken Schuld, Ursache und Verantwortung. Auch ich bin für eine ihrer Tat entsprechende Bestrafung der beiden Schläger. Die Schuld und damit auch die Verantwortung für die Tat liegt bei den Beiden. Die Ursache, daß solche Taten geschehen, sehe ich dort wo die Wut angeheizt wird.
PS:Wurde nur zur Hälfte übertragen
Tendenz steigt wirklich zum Problem zu werden. Wo glauben Sie kann man diesen Kreislauf unterbrechen?
Ich weiss nicht wie viele Ausländer Sie kennen, aber ich bin sicher, daß die Anzahl Ihrer Bekannten, die Sie als konkret problematisch einstufen würden verschwindend gering ist.
"Meiner Auffassung nach liegt es immer auch an den Einwanderern selbst, diese zu widerlegen ..."
Die Farbigen in den USA z.B. müssen dann ganz schön unfähig sein, wenn sie in 2 Jahrhunderten nicht geschafft haben die Vorurteile zu widerlegen. Mit was denken Sie denn vermasseln die sich denn in der ganzen Zeit selbst die Vorurteile zu widerlegen?
@ Dagobert
Sie verquicken Schuld, Ursache und Verantwortung. Auch ich bin für eine ihrer Tat entsprechende Bestrafung der beiden Schläger. Die Schuld und damit auch die Verantwortung für die Tat liegt bei den Beiden. Die Ursache, daß solche Taten geschehen, sehe ich dort wo die Wut angeheizt wird.
Schliesse mich Ihrer Meinung an.
Wegsperren kann Leben retten..................
Ganz im Gegenteil.
Ich sehe in jedem Elternhaus eine enorm grosse Verantwortung für die Sozialisierung der eigenen Kinder. Erst dann kommen Freundeskreis und die (natürlich böse deutsche) Gesellschaft. Diese Aussage gilt natürlich nicht nur für türkische Familien, sondern für alle anderen ebenfalls, egal welcher Abstammung. Selbstverständlich bemühen sich türkische Familien genauso um eine anständige Erziehung ihrer Familie. Ich habe das niemals in Frage gestellt.
Haben Sie schon einmal überlegt warum gewisse Personen in Diskotheken reinkommen, andere aber nicht? Die meisten Türsteher sind nicht mal mehr deutscher Herkunft, einen deutsch-rassistischen Hintergrund schliesse ich hiermit aus. Ein Türsteher entscheidet rein auf Basis seiner Erfahrung und seines Bauchgefühls. Seine Aufgabe ist die Auswahl adäquater Gäste, die vor allem FRIEDLICH feiern sollen. Leider gibt es unter unseren Einwanderern gewisse Gruppierungen, deren Kulturkreis ein völlig überzogenes Ehrgefühl für angemessen hält. Ein einziger falscher Blick, ein versehentlicher Tritt auf einen Fuß oder ein leichter unbeabsichtigter Rempler können heutzutage schon der Auslöser für Gewaltorgien sein. Türsteher wissen das und filter diese Gruppierungen natürlich aus. Ich persönlich kenne einige Türsteher aus dem Münchner Nachtleben, komischerweise gibt es in denClubs in den allerseltensten Fällen Probleme mit Eskimos, Tibetern, Franzosen, Chinesen. Deren Kulturkreis predigt nämlich nicht die Macht des Stärkeren und ein völlig überzogenes Ehrgefühl.
Das es Vorurteile gibt und immer geben wird will ich hier nicht bestreiten. Meiner Auffassung nach liegt es immer auch an den Einwanderern selbst, diese zu widerlegen und nicht noch einen zusätzlichen Nährboden zu schaffen. Den meistens Einwanderern gelingt dies ja auch bei uns, nur diejenigen die aus der sogenannten "Ehr- und Schamgesellschaft" stammen, haben leider sehr oft Probleme bei der Integration.
Paging