Hilfe für Obdachlose Ohne Wohnung, nicht ohne Würde

Auch Obdachlose brauchen eine medizinische Versorgung. Viele trauen sich aber nicht, in eine Arztpraxis zu gehen, außerdem sind sie oft nicht krankenversichert. Die Straßenambulanz nimmt sich Zeit für diese Menschen

Von Sven Loerzer

Den Besuch bei einem Arzt schieben viele Menschen vor sich her. Richtig schwer tun sich damit Wohnungslose, denn wirklich gern gesehen sind sie nicht im Wartezimmer. Um ihnen medizinische Versorgung zu bieten, gibt es seit 30 Jahren eine allgemeinmedizinische Arztpraxis im städtischen Unterkunftsheim für Männer, das der Katholische Männerfürsorgeverein (KMFV) seit 65 Jahren an der Pilgersheimer Straße betreibt. Dennoch zeigte sich, dass ein Teil der Wohnungslosen den Weg dorthin scheute. Deshalb hat der KMFV vor 20 Jahren eine rollende Arztpraxis auf den Weg zu den Treffpunkten von Wohnungslosen gebracht.

Die Ärztin Barbara Peters-Steinwachs war bis Ende Oktober des vergangenen Jahres dreimal pro Woche abends zusammen mit einem Krankenpfleger der Barmherzigen Brüder mit der Münchner Straßenambulanz unterwegs, um Menschen medizinische Hilfe zu bringen. "Es ist das Eintrittstor in die Praxis", sagt Thomas Beutner, 51. Zusammen mit Angelika Eisenried teilt er sich den Dienst in der Allgemeinärztlichen Praxis im Unterkunftsheim an der Pilgersheimer Straße 9 und in der Straßenambulanz. Denn Vorgängerin Barbara Peters-Steinwachs ist mit 67 Jahren als niedergelassene Ärztin in den Ruhestand gegangen. Die Nachfolger sind nun fest angestellt beim Männerfürsorgeverein.

An drei Abenden in der Woche fahren die Ärzte mit der mobilen Praxis zu den Treffpunkten der Wohnungslosen, um ihnen medizinische Hilfe anzubieten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In der Straßenambulanz, die vor 20 Jahren mit Unterstützung des "Adventskalenders für gute Werke der Süddeutschen Zeitung" entstanden ist, lasse sich nur eine Basisversorgung bieten. Die Wohnungslosen bekommen Tee und belegte Brote von der "Möwe Jonathan" - so nennt Walter Lorenz seinen Lieferwagen, den er mit seinen Helfern seit Jahrzehnten auf Tour schickt. "Wenn der Magen gefüllt ist, kommen die Menschen zu uns in die Straßenambulanz", sagt Beutner. Das Wichtigste sei, ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie nicht lästig sind. "Die meisten wollen sie weghaben aus ihren schönen Städten." Das Gefühl für den eigenen Körper müssten Wohnungslose, die lange auf der Straße gelebt haben, erst wieder erlernen. Ärzte hätten "meist nicht die Muße, sich mit einem Menschen in dieser Situation zu befassen". In der Praxis für Wohnungslose aber gebe es keine Zugangsvoraussetzung - auch wer nicht krankenversichert ist, wie etwa ein Drittel der 340 Patienten je Quartal, erhält Hilfe. Das Defizit gleicht die Stadt aus.

Obwohl die Praxis im Erdgeschoss des Männer-Unterkunftsheims untergebracht ist, sind auch Frauen unter den Patienten. Viele gesundheitliche Probleme der Wohnungslosen hätten mit "Substanzmissbrauch" zu tun, wie Beutner erklärt. Alkohol und Tabak haben Herz, Kreislauf, Leber und Gefäßen geschadet. Bei Jüngeren spielt die synthetische Droge Crystal Meth zunehmend eine Rolle. Manche Wohnungslose, die seit Jahren auf der Straße leben, haben dick geschwollene, offene Beine. Belehrungen zum Lebenswandel gibt es nicht, sondern ärztliche Hilfe: "Wir sind nicht dazu da, die Menschen zu missionieren", sagt Beutner. "Aber wir haben die Sozialberater des Männerfürsorgevereins im Haus, die können Wohnungslosen Hilfestellung dabei geben, um wieder in menschenwürdigen Verhältnissen zu leben." Dass es einen harten Kern von Wohnungslosen gebe, die selbst bei strengem Frost draußen übernachten, führt Beutner auf ihre Biografie zurück: "Sie haben viel Gewalttätigkeit erlebt, gerade im Zusammenhang mit Sucht und Drogen, deshalb meiden sie andere Menschen. Und die Angst, bestohlen zu werden, ist groß." Auch Angelika Eisenried hat festgestellt, dass "viel Misstrauen da ist". Ihr Rezept dagegen ist, immer wieder Hilfe anzubieten, deutlich zu machen, "dass niemand weglaufen muss, weil etwas bei ihm schief lief". Beutner betont: "Man muss weich sein, mitgehen." Wie beim Tanz.

Das neue Ultraschallgerät erleichtert den Ärzten Angelika Eisenried und Thomas Beutner die Diagnostik in der Praxis für Wohnungslose

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Beutner kommt aus einer internistisch geführten Hausarztpraxis. "Das Wissenschaftliche hat zu sehr überhand genommen", das Hinhorchen sei wichtig, aber das komme zu kurz. Patientengespräche im Fünf-Minuten-Takt ließen individuelle Medizin nicht zu. "Etwas für Menschen bewirken, die nicht so gut versorgt sind", zumal die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergehe, war für Angelika Eisenried entscheidend für den Wechsel an die Pilgersheimer Straße. Ihre Aufgabe sieht sie darin, Menschen "den Zugang zu einem System zu verschaffen, das vieles bietet, aber wo es jemand braucht, der einen durchlotst".

Dabei können die beiden Ärzte zusammen mit drei Arzthelferinnen und einer Krankenschwester nun noch besser helfen. Ohne Aufhebens darum zu machen, ist die Ehefrau des Oberbürgermeisters, Petra Reiter, mit Beutner einen Abend in der Straßenambulanz unterwegs gewesen, bevor sie Schirmherrin des Münchner Netzwerks Wohnungslosenhilfe wurde. Er erzählte davon, dass die Praxis dringend ein Ultraschallgerät brauche, um mehr diagnostische Möglichkeiten zu haben. "Damit lässt sich beispielsweise abklären, ob es sich um unbedenkliche Bauchschmerzen oder um eine lebensbedrohliche Entzündung handelt, die eine sofortige Krankenhauseinweisung erfordert", erklärte Beutner. Bei Petra Reiter stieß er auf offene Ohren - als Vorstandsmitglied der Stiftung "Wir helfen München" konnte sie ihre Kollegen überzeugen, die Anschaffung mit mehr als 14 000 Euro zu unterstützen, zumal der Hersteller SMT Schoblocher Ultraschall einen großen Nachlass gewährte.

Vielen Patienten könne nun dank des neuen Geräts erspart werden, "mit ihren Beschwerden viele Stunden in der Notaufnahme einer Klinik warten zu müssen", zumal die Notaufnahmen der Krankenhäuser ohnehin stark überlaufen seien. Die beiden Ärzte freuen sich über diesen Fortschritt für ihre Patienten - und denken an das nächste Problem, das Wohnungslosen wie auch vielen anderen Menschen mit geringem Einkommen zu schaffen macht: die Finanzierung von Brillen. Denn die bezahlt die gesetzliche Krankenkasse nicht. Viele ältere Wohnungslose sehen schlecht, aber sind kaum in der Lage, das Geld auch nur für die preiswertesten Sehhilfen selbst aufzubringen.