"Ich kann nicht mehr": Die scheue Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller liest in der Münchner Universität - nebenan streiken die Studenten.
In der Münchner Universität wird gestreikt. Studenten haben seit Mittwochabend das Audimax der LMU besetzt. Doch in der Großen Aula schräg gegenüber ist davon nichts zu spüren. Dort liest Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller aus ihrem jüngsten Roman "Atemschaukel" auf einer Veranstaltung des Literaturhauses München und des Carl-Hanser-Verlags.
Vor der Lesung blickt Herta Müller skeptisch drein. (© Foto: Robert Haas)
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Für die Streikwilligen eine willkommene Bühne im Kampf um Bildung, denkt man. Doch die einen haben von dem Starrummel vor der Aula nichts mitbekommen, ein paar wenige besitzen Karten für die Lesung und wollen keine Proteste: "Ich hab ja Eintritt bezahlt", sagt einer und wechselt schnell mal auf die Seite der Lesebesucher.
Stattdessen ist bereits eine Stunde vor der Lesung das Foyer voll mit Kartensuchenden. Das Sprachwirrwarr spiegelt die Bevölkerung Rumäniens wieder: Rumänisch, Siebenbürger Sächsisch, Banater Schwäbisch, Ungarisch. Herta Müller ist eine aus ihrer Heimat, endlich haben sie eine Stimme, erzählen sie. Das vereint.
2000 Karten hätten sie verkaufen können, schätzt Reinhard Wittmann vom Literaturhaus, 800 passen in den Saal. Und während an der Kasse noch Besucher, die kein Ticket mehr bekommen haben, getröstet werden, taucht beinahe unbemerkt die Nobelpreisträgerin auf - geschützt von ihrem Mann und einem Verlagstross.
Dort ist man nach 13 Nobelpreisen Starrummel gewöhnt. "Nächste Woche gehe ich zum Frackverleih", erklärt Michael Krüger. Der Verlagschef lässt bei jedem Nobelpreis den Bauchumfang neu vermessen.
Müller, zierlicher und kleiner als auf Bildern, verschwindet fast hinter dem Schreibtisch auf der Bühne. Prominenz ist ihr fremd, nicht willkommen. Mit auf dem Podium Stefan Sienerth vom Institut für Geschichte Südosteuropas. Der Dozent erzählt ihre Biographie und prophezeit, die Doktor- und Magisterarbeiten über Herta Müller würden nun sprunghaft ansteigen.
Die Autorin blickt skeptisch drein, missmutig. Mit mageren Fingern zupft sie immer wieder an ihrem Kinn. Die Augen kreisen haltlos. Unruhig rutscht sie auf ihrem Stuhl hin und her. Dann beim Lesen aus ihrem Roman, vergisst sie ihren Nobelpreis, vergisst die Scheu vor dem Publikum und die Erschöpfung. Da liest sie mit rauchiger, fester Stimme, mit dem ganzen Oberkörper über den Tisch gelehnt, um das Mikrofon zu erreichen. Nach drei Kapiteln ist Schluss.
Danach gibt es noch eine Signierstunde nach strengem Regiment: Keine Widmung, kein Datum, nur ein Buch pro Person, keine Fotos, keine Eintrittskarten zum Signieren und "bitte alle schön brav anstehen", erklärt Sienerth. Herta Müller lacht, laut und herzlich, so als wäre sie überrascht von der Ansage. Doch später, beim Signieren, da wird sie streng, wenn jemand mit zwei Büchern kommt.
Herta Müller hat kapituliert
Seit Wochen geht das schon so: allerorten Autogrammjäger, Fotografierwütige - und wo sie hinkommt, ausverkaufte Säle. Die Schriftstellerin wurde mit der Verkündung des Nobelpreises ein Literaturstar. Auf der Buchmesse vor einem Monat wollte sie noch alles richtig machen, jedes Lächeln erwidern, jeden Autogrammwunsch erfüllen. Mittlerweile hat sie kapituliert.
Die nicht enden wollende Schlange an Signierwilligen macht ihr Angst. "Ich kann nicht mehr", stöhnt sie, schüttelt ihre Hand, sucht nach Verständnis bei den Fans: "Schon eine Stunde signiere ich", meint sie und fünf Minuten später, "seit zwei Stunden". Immer wieder kommen Bekannte aus der rumänischen Heimat. Herta Müller lächelt, nickt. "Sie hat mich erkannt", sagt danach stolz eine Nachbarin aus ihrem Heimatort.
Die Hand schmerzt, eine Zigarette muss her. Dann, endlich, das Ende der Schlange. Drei Studenten, die kein Autogramm wollen, aber ein Statement. Ob Herta Müller nicht mal rüberkommen mag ins Audimax und etwas sagen zu den Protesten. Sie mag nicht.
Sie kenne, sagt sie, die Belange der Studenten ja gar nicht genau. Aber die Streikenden interessieren sich ja zum großen Teil auch nicht für Herta Müller - und protestieren weiter für eine bessere Bildung.
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(sueddeutsche.de/sonn)
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völlig unemphatischer, vor Verbiesterung triefender Beitrag, der Ihrige!
"Kapitulation gegenüber vom Audimax" AUTSCH,werte Frau Berr und dann noch in einem Artikel über den Literaturnobelpreis
pardon, aber was haben Sie denn für Probleme? Neid, Missgunst, Verschwörungswahn, null Gefühl für andere, nur Beton im Kopf? Unglaublich borniert und egozentriert, wirklich!
Und das Schreibwirrwarr - was spiegelt das wider? (!!!)
Spieglein, Spieglein an der Wand, was macht bloss die SZ in diesem Land?
Im Grunde verstehe ich die Dame nicht. Sie hat den Ruhm nicht gewollt? Dann hätte sie die Annahme des Preises ablehnen müssen. Sie hat ihn angenommen und damit bekannt, dass sie auch den damit verbundenen Ruhm will.
Dass ihr nach einer Stunde die Hände schmerzen verstehe ich. Keine Frage. Kein Verständnis habe ich dafür, dass sie die Menschen in ihrer Umgebung vollqualmt. Noch weniger, dass dies dem Autor eine Zeile wert war. (Übrigens: Ab 19.11. bis zum 02.12. 2009 läuft das Volksbegehren in Bayern Eintragen im Rathaus!)
Man sollte aber nicht alles überbewerten. Es kann auch eine geschickte Marketingstrategie sein, sie als scheue und zerbrechliche Dame darzustellen, die den ganzen Rummel nicht wollte. Ich behaupte, sie wollte den Rummel. Denn sonst: Siehe oben! Sie hätte ablehnen können.
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