Von Michael Tibudd

Am Anfang war alles noch Spaß. Als seine Mutter sich das Leben nahm, rutschte er ab. Wie ein Junkie mit Hilfe des Staates doch noch zurück ins Leben fand.

Zu lange war die Zeit, in der nichts mehr geklappt hat in Markus Kartens Leben (Name von der Redaktion geändert). Mit 16 hat er zum ersten Mal Heroin genommen und dann immer wieder mal, "aber da war das alles noch Spaß", sagt er.

Bald nicht mehr erlaubt? Ein Abhängiger spritzt sich im Rahmen der staatlichen Heroinabgabe an Schwerstabhängige Heroin in die Halsvene. (© Foto: dpa)

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Er rutschte ab, immer tiefer hinein in die Szene. Als er 22 war, nahm sich seine Mutter das Leben. Die Drogenkarriere ging weiter, und doch konnte er sich noch halbwegs in der Spur halten, ging arbeiten. Das gehe, sagt er, "auf Heroin kann man schon was schaffen".

Erst vor acht Jahren war er dann so weit, dass nichts mehr ging, der Alltag war nur noch von der Sucht bestimmt: Mittags aufstehen, und im Kopf nur das Verlangen nach Drogen. Vier Jahre ohne geregelte Abläufe.

"Satt sein"

Es ist Mittagszeit, kurz nach zwölf Uhr. Im Vergaberaum gibt es Spritzbesteck, gefüllt mit reinem Heroin. Das hat sich Markus Karten, 42, soeben unter Beobachtung gespritzt. Zum zweiten Mal schon an diesem Tag. Karten ist einer der 17 Schwerstabhängigen, die in München an der Heroinstudie teilnehmen.

"Satt sein" nennt er den Zustand, wenn er die Spritze bekommen hat - das will er nicht als lapidare Formulierung verstanden wissen. Es soll vielmehr ausdrücken, dass er mit dem Heroin seinem Körper etwas zuführt, das dieser braucht - so wie eben auch Essen. "Es ist nicht so, dass man hier mit einem Hochgefühl rausgehen würde", sagt Karten.

Seit vier Jahren bekommt Markus Karten reines Heroin vom Staat. Heroin als Medikament. Weil bei ihm eine Entzugstherapie gescheitert war, kam er für die Studie in Frage. Zunächst war er allerdings im "Methadon-Arm".

In der Studie sollte ja herausgefunden werden, wie echtes Heroin im Vergleich zu dem Ersatzstoff wirkt. In die Heroin-Schiene rückte er nach, als einige dort abgesprungen waren - einige versuchten sich am kompletten Entzug.

Und, so ist Kartens Fazit: "Es ist unglaublich, was das für eine Last von mir genommen hat." Ganz "unvorstellbar" sei der Druck, wenn man sich ständig Gedanken machen müsse, wie man an den nächsten Schuss komme.

Seit vier Jahren nun läuft sein Leben wieder in geregelten Bahnen. "Seitdem habe ich ohne Probleme in meinem gelernten Beruf durchgearbeitet." Er hätte "niemals gedacht, dass ich das noch einmal schaffe."

"Totale Angst"

Bis das Heroinprojekt nach München kam. "Ein absoluter Glücksfall", sagt Karten - und gleichzeitig hat er "totale Angst", wenn er daran denkt, dass damit Mitte des Jahres Schluss sein könnte. All die Begleiterscheinungen der Heroinsucht, die Abszesse am Körper, die Einlieferungen in die Klinik bei einer Überdosis, sie könnten dann in sein Leben zurückkehren: "Und ich will mit dieser Beschafferszene auf der Straße nichts mehr zu tun haben."

Er könne "nicht nachvollziehen, dass das zu Ende gehen soll", sagt er. An die Politiker, die von der kontrollierten staatlichen Abgabe von Heroin an Schwerstsüchtige nichts wissen wollen, appelliert er: "Man kann mit Heroin leben, man kann arbeiten, seinen Lebensstandard halten, seine Wohnung."

Markus Karten will das nicht sein Leben lang auf Staatskosten tun. "Ich wäre", so sein Angebot, "bereit, einen monatlichen Beitrag für all das zu bezahlen."

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(SZ vom 30.1.2007)