Von Lara Doktor

"Mama und Papa kommen bald wieder!" Helga Gilfert kümmert sich in der Kinderfundstelle um die Kinder, die auf dem Oktoberfest verlorengegangen sind.

Helga Gilfert arbeitet in einem Fundbüro auf der Wiesn. Doch nicht herrenlose Handys oder Regenschirme werden bei der 82-Jährigen abgegeben, sondern Kinder, die ihre Eltern verloren haben.

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Helga arbeitet seit zwanzig Jahren auf der Kinderfundstelle. (© Foto: Lara Doktor)

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Hell und bunt ist das Zimmer der Kinderfundstelle eingerichtet. An den Fenstern hängen farbige Strohblumen, Mobiles baumeln von der Decke herab. In dem Zimmer steht ein giftgrüner Maltisch mit vielen Buntstiften, ein Kaufmannsladen, ein Wickeltisch und ein roter Schaukelelch.

Gilfert erinnert sich an einen vierjährigen jugoslawischen Jungen, der von einem fremden Ehepaar gebracht wurde. Er sprach kein deutsch und weinte fürchterlich. Er hatte seinen älteren Bruder auf der Wiesn verloren. "Dreimal hatte er die Hosen voll und schlimmen Durst hat er gehabt", erzählt sie.

Der Junge beruhigte sich bald und Gilfert spielte mit ihm. Doch es kam und kam niemand, um den Jungen abzuholen. Erst spät am Abend trudelten die Eltern ein und nahmen ihren Sohn mit. Dem Aufpasser-Bruder war erst beim Heimkommen aufgefallen, dass er etwas auf der Wiesn vergessen hatte: seinen Bruder.

Meistens weinen die kleinen Kinder, wenn sie in die Kinderfundstelle vom Roten Kreuz kommen - die unfreiwillige Trennung von Mama und Papa tut weh. Gilfert versucht dann zunächst, die Kleinen zu beruhigen: "Mama und Papa sind bald wieder da!" Schnell entdecken die Kinder dann allerdings das Spielzeug und dampfen in Nullkommanix zur Spielecke ab. Manchmal gefällt es den Kindern so gut, dass sie gar nicht von Kinderfundstelle wegwollen, wenn die Eltern zum Abholen kommen.

Gilfert hütet seit zwanzig Jahren verlorengegangene Kinder. Sie und ihre Kolleginnen arbeiten ehrenamtlich für das Rote Kreuz. "Ich brauchte etwas zu tun in meiner Rente", sagt Gilfert. "Und die kleinen Mädchen und Jungen in ihren Dirndln und Lederhosen sind immer sehr putzig anzuschauen!" Manchmal liest sie ihnen vor oder spielt mit ihnen Gesellschaftspiele. In der Zwischenzeit sucht die Polizei nach den Eltern des Kindes.

Die Kinderfundstelle unterhalb der Bavaria wird seit fünfzig Jahren vom Frauensozialdienst geleitet und ist täglich von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Betreut werden Kinder bis im Alter von acht Jahren.

In einem Buch muss Gilfert dokumentieren, was jeden Tag in der Kinderfundstelle passiert: wann Kinder gekommen sind, wie sie heißen, wie lang sie geblieben sind und wer sie abgeholt hat.

Wenn sie in diesem Buch zu den Einträgen der vergangenen Jahre zurückblättert, sieht sie Schwarz auf Weiß: Früher kamen mehr verlorene Kinder. Vor zehn oder 20 Jahren waren es im Schnitt 30 am Tag, heute sind es nur noch zwei. Passen die Eltern heute etwa besser auf ihre Kinder auf?

Gilfert hat eine andere Erklärung dafür: Handys. Sie vermutet, dass die Kinder heute mit Handys ausgestattet sind und ihre Eltern anrufen, wenn sie verloren gegangen sind. "Die Kinder sind heute cleverer als früher", meint Gilfert. Sie wissen ihre Telefonnummer, Adresse und können so schneller zu ihren Eltern gebracht werden.

Heute kommen viele Eltern in die Kinderfundstelle, um ihre Babys zu wickeln oder zu stillen, seltener, um ihre verlorenen Söhne oder Töchter abzuholen. "Wenn aber doch", erzählt Gilfert, "dann reißen sich die Kinder für kurze Zeit von den Spielsachen los und es gibt meistens Tränen der Erleichterung - von Eltern und Kind."

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(sueddeutsche.de/sonn)