Mit einem irrwitzigen Auftritt bewirbt sich Skandalautorin Helene Hegemann in München um einen Buchpreis - und klagt über eine "barbarische Maschinerie".
Das Original kommt vor der Kopie, so auch in diesem Fall. Vor gut zwei Wochen wurde in München das Buch des Berliner Bloggers Airen gelesen, und zwar in der Niederlassung, einer Szene-Kneipe im Glockenbachviertel. Der mit Airen befreundete Blogger Deef Pirmasens gab Szenen aus Strobo zum Besten.
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Die Vorhangfrisur liegt strähnig auf schwarzen BH-Trägern: Helene Hegemann im Münchner Literaturhaus. (© Foto: Robert Haas)
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Nun ist Helene Hegemann in München zu Gast, im weniger szenigen Literaturhaus. Hier werden an diesem Abend die Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse vorgestellt werden. Hegemanns Roman Axolotl Roadkill liegt im Foyer zum Verkauf aus, ein dicker Stapel, viel dicker als jene der anderen Autoren Jan Faktor, Georg Klein, Lutz Seiler und Anne Weber. Die sind allesamt renommierte Schriftsteller, durchschnittlich 34 Jahre älter als Hegemann und auch in der Kategorie Belletristik preisverdächtig.
Strobo gibt es an diesem Abend nicht zu kaufen, es ist dennoch allgegenwärtig: Strobo ist das Original, Axolotl Roadkill die Kopie. Das ist übertrieben, aber frappierend waren sie schon, die Ähnlichkeiten, die der Münchner Blogger Pirmasens zwischen Airens Roman und dem später publizierten Hegemann-Debüt festgestellt hatte. Seitdem tobt die Plagiatsdebatte - und ist das Fräuleinwunder Hegemann so beliebt wie Guido Westerwelle bei Hartz-IV-Empfängern. Aber auch so bekannt.
Das gefällt nicht jedem in den großzügigen Räumen des Münchner Literaturhauses, einige der Gäste möchten lieber nicht über Hegemanns Nominierung sprechen. "Ich habe zwei Kinder in dem Alter", sagt einer ihrer Mitbewerber und blickt vielsagend drein. Über den prall gefüllten Saal wird er dennoch froh gewesen sein.
Es ist ein bisschen so, als hätten Placido Domingo und José Carreras die Jungs von Tokio Hotel zur Seite gestellt bekommen - und alle teilen sich die Einnahmen.
Ein wenig respektlos
Die Dramaturgie der Veranstalter ist beinahe perfekt. Der Reihe nach werden die Autoren Weber (Luft und Liebe), Faktor (Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag) und Seiler (Die Zeitwaage) auf die Bühne gebeten. Autor Klein (Roman unserer Kindheit) muss sich gedulden, was ihm gegenüber ein wenig respektlos ist, denn später, nach Hegemanns Auftritt, wird der Saal ein gutes Stück leerer sein.
Die derzeit meist diskutierte deutsche Autorin trägt ein schwarzes Schlabbershirt zu schwarzen Leggins und schwarzen Schuhen, ihre vom Feuilleton ausreichend gewürdigte Vorhang-Frisur liegt strähnig auf schwarzen BH-Trägern, als sie die Bühne betritt.
Helene Hegemann ist wahnsinnig aufgekratzt, im Gespräch sagt sie Dinge wie: "Wenn man strafmündig ist, ist das auch nicht so wahnsinnig großartig" und: "Was als Normalität performt wird, bringt auch keine Glücksgefühle". Diese Sätzchen klängen auch dann wahnsinnig, würde man sie im vollständigen Kontext zitieren.
"Mal die Luft rauslassen"
Über die Plagiatsdebatte möchte Hegemann zunächst gar nicht sprechen, "weil alles, was ich sage, von der barbarischen Pressemaschinerie gegen mich verwendet wird". Geschätzte zwei Dutzend Journalisten im Saal schreiben mit. Das ist schwierig, denn Hegemann spricht sehr schnell.
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Na schön doch , dass HH sogar die älteren Damen in den tantigen Kostümen und braunen Lederstiefeln begeistern kann! Hoffentlich haben sie dann am Bücherstand auch noch ordentlich zugegriffen, bevor sie sich fluchtartig in ihr eigenes Leben zurück stürzten. Na ja, ob das mit den älteren tantigen oder tuntigen Damen den Artikel jetzt "satirisch" aufwertet? Aber noch mal zum Axolotl, über den ja wohl schon alles gesagt zu sein scheint (oder jedenfalls über dessen Autorin): Mich traf er auch eher wie ein "Kugelblitz", denn nach der Diskussion über geistigen Klau und Massenfäkalismus hatte ich schon mal einen Berg Vorurteile angehäuft. Als ich das Ding durchgelesen hatte - so ziemlich in einem Rutsch - war der Berg dann abgearbeitet. Wenn man sich mal auf das Eigentliche beschränkt: was ist das "Literarische" an diesem Gesamtopus über Sex, Drogen, Gewalt? , dann ist es die verblüffende Sprachfähigkeit dieser jungen Autorin und die völlig unorthodoxe Komposition des Romans, die alle Konventionen über den Haufen wirft. Es ist etwas ganz Neues, ob es gefällt, ist eine andere Sache. Im übrigen gebe ich HH recht: man muss nicht 1:1 auch erlebt haben, was man schreibt. Ja, man darf es nicht, wenn man nicht gleichzeitig die Fähigkeiten mitbringt, die HH. m.E. hat: Sprachkompetenz und Originalität, um daraus "Literatur" zu machen..
...Abschreiberei gehandelt. Mir scheint, der Autor hat sich von all den anderen Texten zu dem Thema "inspirieren" lassen. Anstatt sich ein eigenes, unvoreingenommenes Bild zu machen. Wie unprofessionell!
Offenbar war der Autor des Textes in einer anderen Veranstaltungen als ich gestern abend!
Zunächst finde ich es mehr als frech, hier anzudeuten, Strobo sei das Original und Axolotl die Kopie. So weit würde nicht einmal Airen gehen, von dem Frau Hegemann sich bei einigen Szenen hat inspirieren lassen und eine Handvoll Halbsätze übernommen hat (was sie natürlich hätte kennzeichnen müssen, keine Frage). Sie hat das beim Verlag gemeldet, bevor der große Skandal erst ausgerufen war. Und auch die in meinen Augen lächerliche Größendimension der angeblichen Kopie hat sie gestern abend mehr als deutlich gemacht.
Frau Hegemann hat auf die keineswegs "bohrenden", sondern völlig erwartbaren und in meinen Augen eher peinlichen Fragen des Moderators klug, eloquent und überhaupt nicht hilflos geantwortet, wie das hier behauptet wird. Sie zitieren ihren Satz "Man kann am besten schreiben, über das, was man nicht eins zu eins erlebt hat". Abgesehen davon, dass dieser Satz überhaupt nicht "wahnsinnig" ist, sondern eine ganz normale Aussage einer Schriftstellerin über ihre Arbeitsweise ist und ich den Satz so auch nicht gehört habe (ich kann mich nicht erinnern, dass sie gesagt hat "am besten"), sagte sie in diesem Zusammenhang vor allem eines: "Ich wehre mich dagegen, dass ein Künstler alles erlebt haben muss, worüber er schreibt." Hat sie damit nicht Recht?
Es stimmt auch nicht, dass sich der Saal komplett geleert hat nach ihrer Lesung. Eine Handvoll Leute ist gegangen. Und angesichts der Langatmigkeit und Angestrengtheit der übrigen Autoren konnte ich jeden verstehen, der sich dazu entschloss. Aber Übertreibung und Skandalisierung sind natürlich super Mittel, um in die Süddeutsche.de-Topthemen zu kommen.
Dann wird noch die Stelle, die sie ausgewählt hat, als Fäkal-Gewalt-kaputte-Mutter-Stelle dargestellt. Die vorgelesene Szene ist eine der berührendsten und besten im gesamten Buch, hier wird ein zentraler Initiationsmoment der Biografie der Hauptfigur geschildert. Fäkalien kommen an der mehrere Seiten umfassenden Stelle genau einmal vor, spielen keine weitere Rolle, es geht um das Verlorensein einer Zehnjährigen. Die Szene war in meinen Augen perfekt ausgewählt, weil sie in gewisser Weise das Thema das Buches zusammenfasst.
Wahrscheinlich hätte Frau Hegemann gestern auch im Business-Suit erscheinen können und artig langsam ihren Text vorlesen können - der Artikel über die Veranstaltung hätte von BH-Trägern, Sex-und-Drogen-Verwahrlosung und ihrer dreisten
...cwule. Plagiat ist Plagiat. Wäre das Mädchen neun oder zehn Jahre alt, zöge dein Argument. Bei einer 17-jährigen setze ich genug Verstand voraus, um zwischen Dein und Mein zu unterscheiden.
Jugend ist keine Schande -- aber auch kein Privileg.
Warum finden wir Deutschen es so geil auf (fast) Minderjaehrigen wie Helene Hegemann oder Tokyo Hotel rumzuhacken?
Neid auf ihren fruehen Erfolg?
Natuerlich sind diese Personen nicht perfekt aber ist es noetig sich wie die Geier auf jede, fuer Leute in diesem Alter voellig normale, Imperfektion zu stuerzen?
Paging