Mittwoch, 13. Juni: Mitarbeiter des Wohnungsamtes stellen Sachbeschädigungen in der Westendstraße fest. Wieder informieren sie Polizei und Kommunalreferat.

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An diesem Tag geht im Jugendgericht ein alarmierender Brief ein: Martinas Angst- und Panikzustände, schreibt ihre Betreuerin, hätten sich weiter verstärkt, sie trinke sehr viel Alkohol: "Im Augenblick befindet sie sich in einer verwahrlosten Situation."

Montag, 25. Juni: Ein Mitarbeiter des Wohnungsamtes trifft in der Westendstraße zwei weitere Jugendliche an, beide 17, wieder in einer Wohnung des Sozialreferats. Diesmal wird das Jugendamt gar nicht mehr informiert, "da es sich um eine gleichgelagerte Fallkonstellation" wie am 12. Juni handle.

Erneut gibt es einen Strafantrag. Polizisten führen auch diese Jugendlichen ab und nehmen ihre Habe mit - darunter Waffen: zwei Schreckschusspistolen und ein Hirschfänger. So steht es in einem internen Vermerk des Kommunalreferats, das einen privaten Sicherheitsdienst beauftragt.

Warum wurden keine Streetworker konsultiert?

Dienstag, 26. Juni: Beim Kommunalreferat ruft in dieser Woche ein gut 80-jähriger Mieter aus Nummer 194 "fast täglich" an und berichtet "von besorgniserregenden und unhaltbaren Zuständen": "Zwielichtige, offenkundig gewaltbereite Personen" hielten sich im Haus auf, der Mann berichtet von Fackeln und Molotowcocktails.

Das Kommunalreferat setzt das Anwesen auf die Liste der besetzungsgefährdeten Häuser, informiert die Polizei. "Damit war eine Bestreifung durch die Polizei gewährleistet."

Mittwoch, 27. Juni: Am Abend kommen Polizisten wegen eines Streits in das Anwesen. Bei ihrem Eintreffen flüchten zwei Personen, vermutlich Punks. Im Hinterhof finden die Beamten Barrikaden, der Eingang zu Nummer 196 ist von den Nachbaraufgängen abgetrennt.

Dennoch beurteilen sie die Lage allenfalls als Hausfriedensbruch. Da kein Vertreter der Stadt greifbar ist, sehen sie von weiteren Maßnahmen ab, man beauftragt lediglich Kollegen mit der Überwachung.

In Nummer 196 gehen seit Tagen, wahrscheinlich seit Wochen, Punks ein und aus. Ein, zwei Dutzend sind es. Auch an diesem Abend halten sich wohl mehrere dort auf, darunter Martina, Simon und Mirko. Nach Mitternacht verlassen sie das Haus, gehen ins Hasenbergl. Dort wohnen Mirkos Eltern, dort hat der 19-Jährige ein Zimmer, dort übernachten die drei. Ihre letzte Nacht in Freiheit.

Mirko, der Älteste des Trios, raucht Hasch und trinkt an die zehn Halbe Bier in dieser Nacht. In einem Internetforum hat er sein Leben so charakterisiert: "Drogen, Alkohol, Schlafen." Mit 13 begann er zu kiffen und zu trinken.

Nach der Mittleren Reife hat er eine Kochlehre begonnen, bricht sie aber ab. Sein Leben spielt sich in Grünanlagen und Parks ab, er lebt vom Schnorren. Nun will er in das leerstehende Haus im Westend ziehen.

Martina ist noch ein Kind, als sie zum ersten Mal von zu Hause abhaut. Später gerät sie ins Obdachlosenmilieu, landet im Heim, Mitschüler beschimpfen sie als Schlampe. Die Schule verlässt sie ohne Abschluss.

Ihre Eltern sind geschieden, ihr Vater konnte die Familie nie ernähren. Die Mutter lebt mit ihrem neuen Mann im Münchner Umland. Martina zieht zur Oma nach Neuperlach, da ist sie noch keine 15.

Simon, 17 Jahre alt wie Martina, wohnt schon seit einem Monat in dem Haus. Er stammt als einziger nicht aus München, vor einem Jahr ist er von zu Hause weg. Seine Mutter, sagt er, habe den perfekten Sohn haben wollen, ihr sei schon mal die Hand ausgerutscht.

Er verbringt viel Zeit am PC mit Kriegsspielen, wird zunehmend aggressiv. Von der neunten Klasse an kommt er oft über Tage und Wochen nicht nach Hause, irgendwann landet er ganz auf der Straße, lebt vom Betteln und isst aus Mülleimern.

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