Hartz IV "Ich bin ein Sammeltaxi für prekäre Lebenslagen"

Schauspielerin Bettina Kenter ist sauer: Hartz IV sei "eine Schreckenskammer der Gesellschaft", sagt sie.

(Foto: Johannes Simon)

Bettina Kenter verdiente als Schauspielerin und Synchronbuchautorin gut. Später musste sie von Hartz IV und der Tafel leben. Jetzt hat sie ein Buch über Armut und Ausgrenzung veröffentlicht.

Von Gerhard Fischer

Steve Martin dreht in der Komödie "Tote tragen keine Karos" immer dann durch, wenn er "Cleaning Woman" hört. Bettina Kenter dreht natürlich nicht durch, wenn sie "Jens Spahn" hört - aber viel fehlt nicht. Der CDU-Politiker hatte gesagt, in Deutschland gebe es keine Armut. "Das ist eine Unverschämtheit!", sagt sie. Das Wort Unverschämtheit zieht Kenter in die Länge: Uuuuunverschääääämt-heiiiit. "Ich empfehle Herrn Spahn ein mindestens achtmonatiges Hartz-IV- und Tafel-Praktikum."

Die Schauspielerin Bettina Kenter, 67, ist arm gewesen. Sie hat Hartz IV bekommen. Ist nicht essen gegangen. Nicht ins Kino. Hat Probleme gehabt, ihre Medikamente zu bezahlen. Im Jobcenter sei sie schlecht behandelt worden, sagt Kenter. Sie habe "horrende Erfahrungen" gemacht; diese hätten sie bewogen, an die Öffentlichkeit zu gehen.

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Es geht in dieser Geschichte nicht nur um Bettina Kenter. Sie steht stellvertretend für andere, auch für andere Frauen in ihrem Beruf. "Ganz viele Schauspielerinnen über 40 sind betroffen - viele leben an der Armutsgrenze", sagt Kenter. "Aber sie sagen das nicht, weil es nicht auftragsfördernd ist - und dann habe ich mir gedacht: Dann sage ich es halt." Es müsse auch ein "MeToo der Armutsgeschändeten" geben.

Bettina Kenter war neulich auf der Leipziger Buchmesse; sie hat dort aus ihrem neuen Buch gelesen, es heißt "Heart's Fear. Hartz IV. Geschichten von Armut und Ausgrenzung". Es ist im linken Verlag "Neuer Weg" erschienen. Vorworte schrieben die Linke-Vorsitzende Katja Kipping und Fred Schirrmacher, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und Sprecher der Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV.

Kenter sitzt in ihrer Wohnung in Germering. Sie ist eine sehr schlanke Frau. Ihr Alter sieht man ihr nicht an. Sie habe in Leipzig aus ihrem Buch gelesen und erzählt, wie es dazu kam, sagt Kenter. "Ich bin ja ein Sammeltaxi für prekäre Lebenslagen - ich war alleinerziehende Mutter, Schauspielerin, Freiberuflerin, habe mein Tätigkeitsfeld ständig erweitert, wurde Synchronsprecherin, freie Autorin, Synchronbuchautorin ... ."

Langsam. Was ist eine Synchronbuchautorin? "Man verfasst deutsche Dialogbücher - das heißt, dass man zum Beispiel englische Texte lippensynchron übersetzt, jeder Labial im Original muss auch im Deutschen ein Mundschluss sein und jeder Atmer und Laut muss penibel notiert werden." Das sei ein "hochkomplexes Handwerk". Labial ist übrigens ein Lippenlaut.

Bettina Kenter hat in den Neunzigerjahren vor allem als Synchronbuchautorin gearbeitet. "Aber dann kamen mehrere Sachen zusammen", sagt sie. Sachen, die sie schließlich dazu zwangen, Hartz IV zu beantragen. Zunächst war da die Kirch-Media-Pleite von 2002. Danach war es ganz schlecht mit Aufträgen. Und dann war sie fast fünf Jahre krank. Sie habe während dieser Zeit weder Krankengeld noch Arbeitslosengeld bekommen - sie erklärt auch, warum; es hatte mit ihrem Status als Freiberuflerin zu tun, aber es würde zu weit führen, alle Details zu nennen. Jedenfalls: "Nach zwei Jahren waren meine Rücklagen weg."

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Also Hartz IV. Für Bettina Kenter heißt das: Armut. In ihrem Buch schreibt sie: "Ich hab' kein Geld! Keinen Shopping-Schotter, keine Reise-Rücklagen, keine Piepen für Wellness, keine Kohle für Kino, keine Knete für Krapfen; kein Moos für den Cappuccino im Café, keinen Zaster für eine Halbe im Biergarten, keine Mäuse für Sprachkurs-Restaurantbesuche; keinen Cent für Druckerpatronen, keinen Euro für Mitbringsel, keine Kröten für Blumen. Den Elendsetat von 3,98 Euro für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke pro Tag kann ich nicht ausschöpfen, weil ich Medikamente kaufen muss. Und so gehe ich zur Tafel, weil das bisschen Scheißgeld selbst für Lebensmittel nicht reicht."