Von Christian Mayer

"Die Edelfäule greift zum Weißbierglas": Harald Schmidt derbleckt die Münchner Loden-Gesellschaft beim "Symposium Bavaricum".

Der Mann ist groß, schlank und hat graues Haupthaar, und schon von weitem sieht er anders aus als der Rest der Gesellschaft, die sich im Biergarten des Augustinerkellers eingefunden hat. Der Fremde trägt einen hellblauen Sommeranzug, während die anderen ihre Festtags-Janker und Designer-Dirndl präsentieren.

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Einige Gäste, die gerade bei der dritten Weißwurst angelangt sind, machen ihr nicht mehr ganz so jugendfrisches Alter durch besonders burschikose Lederhosen wett, was wadenmäßig schweren Eindruck bei den Society-Trachtlerinnen hinterlässt.

Harald Schmidt, der Mann im hellblauen Anzug, steht erst noch am Rande, neben ihm sein langmähniger Freund Fred Kogel, Vorstandschef der Constantin Film AG.

Sofort wird er von blonden Grünwalderinnen belagert, die so gerne mit ihm aufs Foto möchten, auch eine adlige Kolumnistin macht sich anheischig, an Haralds haariger Brust zu verweilen. "Besser als Franz" fühle er sich, sagt der Umschwärmte.

Äußerst gespannt auf seinen Gastredner ist auch Wolfgang Pförringer, Veranstalter der Reihe "Symposium Bavaricum". Der lodenlose Schwabe Harald Schmidt unter Bayern, das ist etwas Besonderes. Auch der Redner selbst empfindet die Situation als ungewöhnlich, als er dann am Rednerpult im Festsaal steht.

"Normalerweise spreche ich eher vor alkoholisiertem Mittelstand", geht Schmidt sein Publikum direkt an. Eine "hinreißende Mischung aus Dekadenz und Patriotismus" sei hier versammelt, oder, wie er unter vereinzelten Buhs ergänzt: "Münchens Edelfäule greift zum Weißbierglas!"

Schon rollen einige ältere Dirndl empört mit den Augen, während andere in ihrer Anbetung für den ARD-Plauderer ganz rosig aussehen, was allerdings auch am Edelstoff liegen könnte. Im Stil eines Starkbierpredigers macht Schmidt weiter, die WM-bedingte Deutschland-Euphorie ist für ihn ein dankbares Thema.

"Mit Klinsmann sind wir dort angekommen, wo wir arbeitsmarktpolitisch schon lange sind: auf Augenhöhe mit Portugal", ruft er in den Saal. Als konservativer Beobachter kann er über die schwarz-rot-geile Welle nur lästern. "Ist das noch die Fanmeile in Berlin oder schon der Wahlkampf im Kongo?"

Harald Schmidt wundert sich über nichts, weder über Otti Fischers Hilferufe in Bild, noch darüber, dass im Zuge der Gesundheitsreform die Privatkassen auf das Niveau von Rotary-Clubs herabzusinken drohen, was die anwesenden Rotarier natürlich sehr lustig finden. Nur ein Plakat an der Münchner Residenz hat ihn irritiert: "200 Jahre Königreich Bayern". "Ich hab's ja immer gewusst - der Freistaat war ein Irrtum", schließt Schmidt, der hernach im schwarzen Maybach zum Flughafen kutschiert wird.

Es gibt wohl nur einen Redner, der sich nach diesem Auftritt unbefangen auf die Bühne traut. Richard Süßmeier, 75-jährige Wirtelegende und körperlich das genaue Gegenteil von Schmidt, hat damit kein Problem. Er muss sich nur auf ein Biertragerl stellen, um seine Späße abzufeuern. "Also, am Abend im Fernsehen finde ich ihn nie so gut wie hier, aber das könnte an meiner abendlichen Verfassung liegen", lobt Süßmeier seinen Vorredner hinterfotzig.

Der Orthopädieprofessor Wolfgang Pförringer wird im kommenden Jahr ein kleines Problem bekommen: Wie soll er sein brachial-bayerisches Symposium noch toppen? Freund Harald hat sich ja jetzt verausgabt, da muss eine kreative Lösung her: "Dann lassen wir den Ministerpräsidenten eine ernst gemeinte Rede halten."

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(SZ vom 10.7.2006)