Interview: Lavinia Meier-Ewert

Normalerweise muss der Sohn eines Pakistaners und einer Engländerin in Interviews über Immigration sprechen. Diesmal geht es um Literatur, Psychoanalyse und seinen neuen Roman "Das sag ich dir".

Hanif Kureishis Schauplätze und Figuren sind so unverwechselbar, dass die britisch-indische Band Cornershop ihnen einen eigenen Popsong gewidmet hat: "Hanif Kureishi Scene". Trotzdem muss der 1954 in London als Sohn eines Pakistaners und einer Engländerin geborene Schriftsteller in Interviews meistens über Immigration sprechen. Diesmal nicht, denn es ist Kureishis letzter Termin auf seiner Pressereise durch Deutschland, und deshalb darf er über sein momentanes Lieblingsthema, die Psychoanalyse, sprechen. Der Ich-Erzähler in seinem neuen Roman "Das sag ich dir", den Kureishi heute Abend im Literaturhaus vorstellt (20Uhr, Salvatorplatz1), ist der Psychoanalytiker Jamal Khan, der die Geheimnisse anderer Leute aufdeckt, aber selbst eines zu verbergen hat. "Das sag ich dir" ist eine unterhaltsame Analyse der Leidenschaften und Begehrlichkeiten seiner abgedrehten Protagonisten und liefert ganz nebenbei ein detailgenaues Bild der Gegenwart.

Bild vergrößern

Stellt im Literaturhaus seinen neuen Roman "Das sag ich dir" vor: Autor Hanif Kureishi. (© Foto: Jörg Steinmetz/oh)

Anzeige

SZ: Herr Kureishi, der Psychiater Jamal bezeichnet sich selbst als "Deuter von Seelen und Zeichen", und auch sonst häufen sich die Metaphern, die auf eine Verwandtschaft zwischen der Psychoanalyse und dem Schreiben von Büchern verweisen. Worin besteht diese?

Kureishi: Schriftsteller und Psychoanalytiker interessieren sich im Grunde für dieselben Themen: für die Psyche anderer Menschen, für Väter, Kindheit und Sex. Und bei beiden spielt Sprache die entscheidende Rolle. Sie ist das einzige Mittel der Psychoanalyse. Man heilt jemanden, indem man ihm zuhört. Das ist erstaunlich.

SZ: In Ihrem Buch heißt es, die Analyse sei "ein Bestandteil der literarischen Kultur".

Kureishi: Umgekehrt gilt dies genauso. Freud bezieht sich immer wieder auf Literatur, auf Sophokles, Shakespeare, Ibsen. Psychoanalyse und Kunst sind die Bereiche, in denen Menschen die Sprache gebrauchen. Man könnte sagen, dass Kultur die Therapie unserer Zivilisation ist. Sie, nicht die Psychoanalyse, heilt laut Freud die Menschen, denn sie ist der Ort, an dem wir das Verbotene aussprechen können. Literatur kann uns die Wahrheit über unser Leben verraten.

SZ: Also geht es auch darum, zu erkennen, was sich hinter der Welt verbirgt, die wir wahrnehmen?

Kureishi: Die Oberfläche der Welt ist ein Code. Ich lese gerade ein kompliziertes Buch über Lacan, das ich nicht verstehe. Aber er sagt etwas sehr Interessantes: Das Unbewusste ist nicht dunkel und versteckt, wie wir uns das immer denken. Wenn man wirklich hinhört, was andere reden, dann erkennt man, dass sie sofort die Wahrheit sagen. Sehr aufschlussreich. Man sollte die Menschen immer ernst nehmen.

SZ: In der Sprache ist die Wahrheit bereits enthalten.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt "Das Unbewusste ist nicht dunkel"
  2. "Das Unbewusste ist nicht dunkel"
Leser empfehlen