Haidhausen Raus aus der Isolation

Oft helfen schon die kleinen Dinge: ein paar Spielsachen, Kreide und das Engagement einer ehrenamtlichen Betreuerin. Denn während ihr Sohn spielt, findet seine Mutter endlich wieder Zeit für sich.

(Foto: Eva-Marlene Etzel/oh)

Der Verein Allfabeta betreut gezielt alleinerziehende Mütter, deren Kinder mit einer Behinderung aufwachsen. Seit zehn Jahren bietet er Seminare, Treffen und Kunstprojekte an, die den Frauen Raum für sich selbst geben

Von Johannes Korsche, Haidhausen

An der Wand des Cafés Glanz an der Sedanstraße 37 stehen Worte wie: "Isolation, Einsamkeit, Scham, Erschöpfung". Es sind die "Lebensthemen" der alleinerziehenden Mütter, die Igball Selimi als Projektleiterin des "allfabeta-Kontaktnetzes" betreut. Gefühle, die dadurch entstehen, dass das Kind mit einer Behinderung aufwächst. Mit regelmäßigen Samstagstreffen und ganztägigen Seminaren, persönlicher Beratung und Kunstprojekten will Selimi zunächst "das Gefühl der Einsamkeit relativieren". Der Verein leiste auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur Inklusion. Er biete das Fundament, das die Kleinfamilie stärkt, bevor sie sich traut, in der Gesellschaft sichtbar zu sein. Allfabeta feiert im Oktober sein zehnjähriges Bestehen.

Der Personenkreis, an den sich Allfabeta wendet, ist dabei bewusst "exklusiv", wie Selimi sagt. Etwa 600 Frauen in dieser Situation werde es in München wohl geben, schätzt sie. Gut 140 davon erreicht sie mit ihrem E-Mail-Verteiler. Zwar könne sich auch ein alleinerziehender Vater von ihnen telefonisch beraten lassen, aber die Seminare und Samstagstreffen richten sich nur an Frauen. Aus mehreren Gründen. Die übergroße Mehrheit der Alleinerziehenden ist weiblich und die direkte Ansprache erlaubt es, auf die "Spezialbedürfnisse" der Frauen einzugehen. Nebenbei schafft es ein Gruppengefühl, ein erster Ausweg aus der Isolation.

Oft vermissen die Mütter einen Ort, an dem sie "nichts erklären müssen", sagt Selimi. Nicht rechtfertigen müssen, wo denn der Vater ist. Nicht entschuldigen müssen, dass das Kind sabbert. Da vergisst man im Alltag schnell seine eigenen Probleme. Weil "zuerst ganz existenzielle Sachen in den Vordergrund rücken", sagt Selimi: Beruf, Wohnung, Betreuung des Kindes, Diagnostik und Therapie. Die Samstagstreffen im Café Glanz sind da ein erster Schritt. Dort haben die Mütter die "Möglichkeit, nur sich selbst im Fokus zu haben", sagt Kira Wüsten, Geschäftsführerin des Trägervereins "siaf". Ihre Kinder werden währenddessen von freiwilligen Helfern betreut. Schon "das ist für die Mütter ein starkes Empowerment".

Ein Beispiel dafür, wie Allfabeta den Müttern den Raum für sich selbst geben will, ist das Kunstprojekt "Madonna", aus dem eine Wanderausstellung entstanden ist. Fotografien, Gemälde und Texte erzählen von der Mutterrolle, wenn sie durch ein Kind mit Behinderung besonders herausgefordert ist. Vor der Folie der altmeisterlichen Darstellungen der Muttergottes mit Kind setzen sich die Alleinerziehenden mit dem Mutterideal auseinander und dem Gefühl, diesem Ideal im Alltag nicht immer zu genügen. Die 15 Beispiele, die in der Ausstellung zu sehen sind, üben auf Kira Wüsten auch nach mehrmaligen Betrachen eine Faszination aus - "so offen und bewegend".

In den vergangenen Jahren erhielt das Team um Selimi und Wüsten für ihre Arbeit mehrere Auszeichnungen, wurde drei Jahre von der "Aktion Mensch" finanziell gefördert; seit 2013 finanziert sich der Verein größtenteils durch eine jährliche Regelförderung der Stadt. Trotzdem sind sie auf freiwilliges Engagement angewiesen, zum Beispiel auf Ehrenamtliche, die während der Samstagstreffen "das Kind einen Nachmittag begleiten". Der Mitgliedsbeitrag ist mit 30 Euro im Jahr bewusst niedrig angesetzt; eine Mitgliedschaft ohnehin keine Bedingung dafür, an Veranstaltungen teilzunehmen. Denn so spezialisiert das Angebot, so "niedrigschwellig" soll der erste Kontakt sein, sagt Selimi. "Wir wollen ein Ort sein, wo man mit seinen Fragen und Problemen einfach zur Tür hereinkommen oder anrufen kann."

Nicht unweit der Wand, auf der die "Lebensthemen" der Frauen zu lesen sind, hängen andere Zitate. Es sind Aussagen von Müttern, die nach ihren Gedanken gefragt wurden, wenn sie an Allfabeta denken: "Lachen, Zuhören, Austausch, Freundschaften" ist da zu lesen.