Haidhausen Begnadete Hände

Beim Piano-Marathon im Gasteig begeistern meisterhafte Amateure aus aller Welt das fachkundige Publikum mit anspruchsvollen Klavierkonzerten

Von Jutta Czeguhn, Haidhausen

"Diese Pianisten sind keine Amateure!" Es ist ein Ritterschlag von höchster Stelle, den Thomas Yu da in seinem Blog zitiert. Beim Musikfest Stuttgart 2014 hatte der Zahnarzt aus Kanada Gelegenheit, sein Idol Alfred Brendel zu treffen. Als der große Pianist erfuhr, was sich Yu und die anderen Meister-Amateure am Klavier vorgenommen hatten, war er beeindruckt. Wer sich an Beethovens letzte Klaviersonate Opus 111 heranwagt, muss furchtlos und sich seines Könnens sicher sein. Bei Thomas Yu trifft wohl beides zu, davon konnte sich am Samstag auch das Münchner Publikum überzeugen - beim Piano-Marathon im Gasteig.

Motor und Seele des kleinen Festivals "Mein Pianoforte" im Gasteig ist Eberhard Zagrosek. Sein Konzept ist simpel: elf Konzerte an drei Tagen, freier Eintritt. Der Gasteig stellt den Saal, den Flügel, das Marketing. Die Pianisten reisen auf eigene Kosten an, werden von Eberhard Zagrosek betreut. Ein Treffen mit ihm am Vormittag vor Festivalstart beim kleinen Konzertsaal, drinnen übt Chaifun Poon, eine Sekretärin aus Ford Worth, Texas. Der 73 Jahre alte Zagrosek ist selbst gerade erst aus Boston zurückgekehrt, wo er 2013 einen internationalen Wettbewerb für Amateur-Pianisten gewonnen hatte. Sein Preis war nun ein Konzert mit dem Boston New Philharmonia Orchestra.

Diese Hände schrauben sonst Implantate in Kiefer: Sie gehören Thomas Yu.

(Foto: Catherina Hess)

Es sind die Wettbewerbe, bei denen Zagrosek andere Tasten-Amateure wie Thomas Yu kennenlernt und dann nach München, Stuttgart oder Berlin zu seinen eigenen Veranstaltungen einlädt. Dazu reist er um die ganze Welt, denn er will die Besten. Unter den Amateuren wohlgemerkt. "In einem Profiwettbewerb wären die chancenlos", das sieht Zagrosek ganz nüchtern. Nicht alle seiner Musiker-Freunde wollten dies wahrhaben, etliche trauerten den Traum von der Karriere als Profi insgeheim nach. Zagrosek selbst weiß, wovon er spricht, kennt beide Welten. Sein Zwillingsbruder ist der Dirigent Lothar Zagrosek, der schon am Pult fast aller führenden Orchester gestanden hat. Eberhard Zagrosek hat ihn nie beneidet, das sei kein leichtes Leben. Er selbst hat zwei Jahre Klavier studiert, aber seine Grenzen früh erkannt. Aus ihm würde nie ein Barenboim oder Gulda werden. Mit einem Physik-Diplom ging er als Manager zu Siemens und ließ sich mit 55 Jahren mit einem "Goldenen Handschlag" verabschieden. Seither lebt er seinen Traum als Amateur-Pianist und Impresario.

Chaifun Poon hat ihre Probe beendet, ist erleichtert, gut durch Bachs Italienisches Konzert und den Schubert gekommen zu sein. Trotzdem ist sie nervös. "Mein erstes Solokonzert ohne Noten seit 30 Jahren", sagt die zierliche Frau. Poon hatte wie die meisten der elf Amateure bereits als Kind Klavierunterricht, nach der High School studierte sie am Royal College of Music in London Klavier. Dann hatte das Leben anderes mit ihr vor, sie bekam Kinder, siedelte von Hongkong nach Texas um, fand einen Job als Sekretärin. Und nimmt an Piano-Amateurwettbewerben teil. Heute, mit 61 Jahren, weiß sie, was möglich ist, was nicht. Rachmaninow? - "Vorbei, ich will mich ja schließlich nicht umbringen."

Yu ist Zahnarzt aus Kanada und vielfach ausgezeichneter Amateur-Pianist.

(Foto: Catherina Hess)

Der Samstagnachmittag: Vor dem kleinen Konzertsaal, der knapp 200 Leute fasst, hat sich eine Schlange gebildet. Viele junge Leute sind unter den Wartenden, es gibt keinen Dresscode. Das Publikum ist kundig, man diskutiert die sehr anspruchsvollen Programme. Erster Akteur ist der Franzose Thomas Prat, ein Ingenieur, der im Versicherungswesen arbeitet. Er verbeugt sich knapp - Brahms Sonate C-Dur op. 1 und Chopins 24 Préludes op. 28 hat er ausgewählt. Auch Prat schafft es, sich neben seinem Beruf auf große Amateur-Wettbewerbe vorzubereiten, von denen es mittlerweile etliche gibt. Im vergangenen Jahr war er Finalist des Internationalen Chopin-Wettbewerbs in Warschau. Eine Stunde spielt Prat, das Publikum folgt ihm konzentriert, es wird kaum gehustet. Scheu nimmt er den Applaus entgegen. Später sagt Prat, er sei "nie zufrieden". Mit seinem Status als Amateur allerdings scheint er nicht zu hadern. Das Wort "Amateur" das leite sich ja schließlich ab vom französischen "aimer", also "lieben".

Auch bei den nächsten beiden Konzerten ist der Saal voll. An der Reihe ist Michael Cheung, ein Kanadier, der in Paris in der Gesundheitsbranche arbeitet. Im weißen, kragenlosen Hemd begrüßt er sein Publikum in deutscher Sprache. Schubert und Rachmaninow hat er ausgewählt, Eberhard Zagrosek wird ihm mit großer Ruhe beim Umblättern der Noten assistieren. Cheung, auch er vielfach ausgezeichnet, ist mit einer Deformation der linken Hand geboren. Mit dem Klavierspiel begann er auf Anraten eines Therapeuten. Das Publikum erlebt ein emotionales Spiel - es scheint, als wolle Cheung nicht mehr von den Tasten lassen. Am Ende hat er seine Spielzeit deutlich überzogen.

Eberhard Zagrosek, 73, ist mit Leib und Seele Pianist. Seit Jahren veranstaltet der Physiker Klavier-Wettbewerbe und Festivals für Meister-Amateure.

(Foto: Catherina Hess)

Thomas Yu hat das nicht aus der Ruhe bringen können. Vielleicht, weil er weiß, dass seine Interpretation von Beethovens Opus 111 zum Höhepunkt des Festivaltages wird. Der Zahnarzt aus Calgary, der in seiner Praxis ein Piano stehen hat, spielt das Werk mit großer Eleganz und Tiefe. Der Piano-Marathon der Meister-Amateure ist an diesem Abend noch nicht zu Ende. Doch will man nach Yus bewegenden Konzert nur noch eines hören - Stille.