Gymnasium in München Wo sich der Stundenplan am Schülerwunsch orientiert

Im Lion-Feuchtwanger-Gymnasium entscheiden die Kinder, was sie lernen wollen. Dazu gibt es in den fünften und sechsten Klassen grüne Schränke mit Aufgaben und dazugehörigen Lösungen.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Das Lion-Feuchtwanger-Gymnasium in Milbertshofen geht neue Wege bei seinem Unterrichtskonzept.
  • Dazu gehört, dass die Schüler teilweise selbst wählen können, was sie lernen. Die Lehrer begreifen sich als Lernpartner - und nicht als reine Wissensvermittler oder Korrektoren.
  • Das Konzept zeigt Erfolg: In der Schule schaffen besonders viele Kinder mit Migrationshintergrund ihr Abitur.
Von Melanie Staudinger

Die Frage trifft Manfred Lang vollkommen unvorbereitet. "Wie sieht Atommüll aus?", will der Fünftklässler Lenni wissen. Da muss der Lehrer für Deutsch, Französisch und Ethik passen. "Ich bin kein Physiker", erklärt er und lacht. Lang unterrichtet gerade Deutsch als Zweitsprache. Mit den Kindern, die aus verschiedenen fünften Klassen kommen, hat er einen Text über das Verhältnis zwischen den USA und Nordkorea gelesen, er hat sich mit ihnen darüber unterhalten, warum die nordkoreanischen Raketen oftmals ins Meer geweht werden, dass die Kernfusion nicht nur militärisch eine Rolle spielt, sondern auch in Atomkraftwerken. Die Mädchen und Jungen sollen viel sprechen und so ihr Deutsch verbessern.

Dass Lang Deutsch als Zweitsprache unterrichtet, ist durchaus ungewöhnlich. Denn der Lehrer arbeitet nicht an einer Mittelschule, sondern an einem Gymnasium. Und dort gibt es normalerweise gar nicht so viele nicht-deutsche Schüler, viele schaffen den Übertritt erst gar nicht. In München hat nicht einmal jeder fünfte Gymnasiast einen Migrationshintergrund.

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An Langs Schule, dem städtischen Lion-Feuchtwanger-Gymnasium in Milbertshofen, ist das anders: Dort sprechen zwei von drei Schülern daheim nicht deutsch. Sie oder ihre Familien kommen ursprünglich aus Bosnien, der Türkei, aus dem Kosovo, aus Italien, Griechenland, Brasilien oder Indien - aus 35 Nationen insgesamt. Im vergangenen Sommer legten erstmals mehr Schüler mit Migrationshintergrund als deutsche Jugendliche das Abitur ab. Das passiert im bayerischen Schulsystem nicht allzu oft.

Der Grund, warum das Lion-Feuchtwanger-Gymnasium die Durchlässigkeit des Bildungssystems nach unten durchbrechen kann: Es hat Schule neu gedacht und ein einzigartiges Konzept entwickelt, das bereits von der Bildungsstiftung der Stadtwerke München ausgezeichnet wurde. "Das Gymnasium wird viel zu sehr von der Fachlichkeit dominiert, vom Zwang zur Zertifizierung und zu Noten", sagt Schulleiter Wolfgang Fladerer.

Pädagogik spiele hingegen oft nur eine untergeordnete Rolle. "Wir haben festgestellt, dass viele Kinder mit unserem Schulsystem nicht zurecht kommen", sagt Deutschlehrer Karl-Heinz Meyer. Die Kinder, das sind die Söhne und Töchter von Industriearbeitern im Norden der Stadt. Knapp 20 Prozent der unter 15-Jährigen im Einzugsgebiet der Schule leben von Sozialhilfe.

Damit ist ihr Weg eigentlich vorgezeichnet. Denn in kaum einem anderen europäischen Land hängt der Schulerfolg so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Am Lion-Feuchtwanger-Gymnasium übernehmen die Schüler jetzt selbst Verantwortung für ihren individuellen Lernerfolg. Die Lehrer verstehen sich nicht mehr nur als Korrektoren oder reine Wissenvermittler, sondern als Lernpartner. So können auch Kinder mit schlechteren Startchancen bessere Leistungen erzielen.