Gustl Mollath in München "In welcher Richtung liegt das Hofbräuhaus?"

Gustl Mollath spricht auf dem Münchner Marienplatz

(Foto: dpa)

Nur noch eine Woche bis zur Landtagswahl. Drei Parteien laden zum gemeinsamen Termin auf dem Münchner Marienplatz - wer kommt da schon freiwillig? Wenn es um Gustl Mollath geht: ziemlich viele.

Von Ingrid Fuchs

Ein sonniger Nachmittag auf dem Münchner Marienplatz. Vor dem Alten Rathaus steht ein Bierlaster, umfunktioniert zu einer kleinen Bühne. Darüber hängt ein riesiges Banner mit dem Konterfei eines Mannes. Akkurater Haarschnitt, markante Augenbrauen, säuberlich gestutzter Schnauzer: Gustl Mollath, der wohl berühmteste Ex-Psychiatrieinsasse der Bundesrepublik. Auf dem Wagen sitzt der echte Mollath, im weißen Hemd, den Sonnenhut in der Hand. Thema der Veranstaltung: "Recht und Freiheit für Gustl Mollath".

Einen Teil davon hat er ja eigentlich schon erreicht. Vor genau einem Monat und einem Tag ist Mollath in die Freiheit entlassen worden - nach sieben Jahren Psychiatrie. Auch wenn er selbst nur von einer "Freiheit dritter Klasse" spricht, die Menschen auf dem Marienplatz wollen seine Geschichte hören. Egal wie oft sie schon darüber gelesen, im Radio gehört oder Mollath selbst im Fernsehen gesehen haben.

Nun umringt also eine Menschentraube die kleine Bühne vorm Rathaus. Ein Großteil ist extra deshalb hier, manche sind einfach nur zum Einkaufen in der Innenstadt, bleiben aber hängen, weil auch sie das Gesicht auf dem Banner erkennen. Etwa 1000 Menschen, schätzt ein Polizist. Einige tragen Plakate mit teils nachvollziehbaren Forderungen, teils aber auch fragwürdigen Aussagen. Mollath hat in den vergangenen Monaten nicht nur viele Unterstützer hinzugewonnen, sondern auch einige Jünger.

"Den Richtern geht's ums Rechthaben"

Bevor Mollath ans Mikrofon tritt, spielt der Ex-Biermösl Hans Well mit seinen Kindern auf. Zur Begrüßung ein Lied, das alle ansprechen soll, "Gesunde und Sieche, Starnberger und Grieche" genauso wie "Steuerfahnder und Fußballpräsidenten" genauso wie alle "Gerechten und bayerischen Justizbeamten. Gegenüberstellungen, denen es nicht an der gewohnten Bissigkeit fehlt. Auch eine musikalische Chronologie des Falles Mollath lässt keinerlei Zweifel daran, auf welcher Seite die Familie Well steht: "Den Richtern geht's ums Rechthaben, nicht um die Gerechtigkeit." Unpolitisch klingt anders.

Dabei sagt Veranstalter Franz Josef Amann, Vorsitzender des Vereins "Hilfe für Gustl Mollath" gleich vorneweg, dass die Veranstaltung gewiss nichts mit Wahlkampf zu tun habe, schon Mitte Juli habe er den Termin geplant. Neben dem SPD-Politiker aus Schliersee sitzen der frühere Regierungsbeamte und CSU-Kritiker Wilhelm Schlötterer, Florian Streibl, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler im Landtag, und Grünen-Fraktionsvorsitzender Martin Runge. Die Abgeordneten Streibl und Runge waren Mitglied im Landtags-Untersuchungsausschuss zum Fall Mollath. Dass sie sich ausgiebig mit dem Fall befasst haben und ihnen womöglich auch persönlich etwas an Mollaths Zukunft liegen mag, das steht außer Frage. Aber bis zur Landtagswahl bleiben nur noch wenige Tage - und somit keine Zeit zu verlieren.

Chronologie zum Fall Mollath Drama ohne Ende

Vom Rosenkrieg zum Justizdrama: Der Fall Mollath beschäftigt die Behörden seit mehr als zehn Jahren, sieben davon musste Gustl Mollath in der Psychiatrie verbringen. Eine Chronologie der Ereignisse.

Die Entscheidung des Oberlandesgerichts Nürnberg vom 6. August hat über Mollaths Freilassung hat das Ziel dieser Veranstaltung zusätzlich verschoben. Die Forderung nach Freiheit - obwohl sie in seinen Augen noch nicht vollständig erreicht ist: zumindest nicht mehr so akut. Und das Recht? Das soll ihm im Wiederaufnahmeverfahren, voraussichtlich erst Ende des Jahres oder Anfang 2014, endlich zuteil werden. Und auch über den Fall hinaus scheint zumindest Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) verstanden zu haben, dass der umstrittene Paragraph 63, der die quasi unbegrenzte Einweisung in die forensische Psychiatrie möglich macht, so nicht weiter bestehen darf. Warum also dieser Auftritt?

Sein Schicksal könne jeden treffen

Mollath nutzt ihn zunächst, um sich ausgiebig bei seinen Unterstützern zu bedanken: "Ich wusste immer, dass es viele Menschen gibt, die ein Herz haben - es war nur wichtig, sie überhaupt zu erreichen. Und das ist gelungen." Er erzählt die rührende Geschichte eines achtjährigen Mädchens, das ihm ein Carepaket in die Psychiatrie geschickt habe - seine jüngste Unterstützerin. Dann beschreibt er wieder das erfahrene Leid und Grauen in der Klinik, seine Stimme wird dabei lauter, der Tonfall kälter. Sein Schicksal könne jeden treffen, das gelte es zu verhindern.

Es geht ihm um die Sache. Diese Auftritte sollen auch den Druck auf jene aufbauen, die sein Schicksal viel zu lange erahnten, aber nichts dagegen unternahmen. Er fordert die Menschen auf, ihre demokratischen Rechte auszuüben und damit etwas zu verändern. Wie? "Können Sie mir sagen, in welcher Richtung das Hofbräuhaus liegt?", fragt Mollath ins Publikum. Hunderte heben den Arm und deuten in eine Richtung. Mollath lächelt: "Das gefällt mir, von mir aus ist das links." Da hat auch der Wahlkampf auf der Bühne begonnen.