Großmetzgerei Sieber erhebt nach Insolvenz schwere Vorwürfe gegen die Staatsregierung

Sieber-Pressesprecher Erich Jeske heute bei der Verkündung der Insolvenz.

(Foto: Hartmut Pöstges)
  • Das Wurstunternehmen Sieber meldet Insolvenz an.
  • Der Produktionsstopp und die verordnete Rückrufaktion hatten dem Unternehmer Schach 100.000 Euro täglich gekostet.
Von David Costanzo und Christian Sebald, München/Geretsried

Der kleine, gemeine Erreger hat wieder zugeschlagen - und hat ein ganzes Unternehmen erwischt: Die Großmetzgerei Sieber ist am Ende. Nach dem Skandal um Listerien in der Wurst hat die Firma mit Sitz in Geretsried Insolvenz angemeldet. "Es ist aus", sagt Inhaber und Geschäftsführer Dietmar Schach. Er habe um die 120 Arbeitsplätze gekämpft. "Doch ich habe den Kampf verloren."

Der Kampf dauerte nur wenige Tage, denn es war eine kurze, schwere Krankheit. Noch vor Kurzem verließen wöchentlich etwa 100 Tonnen Wurst und Schinken die schmucklose Fabrikhalle in Richtung Supermärkte, Discounter und Großkantinen. Bis plötzlich drei Abteilungsleiter des zuständigen Landratsamts Bad Tölz-Wolfratshausen dem Firmenchef den Bescheid auftischten: Produktionsstopp, Rückruf mehrerer Hundert Tonnen Waren aus dem Handel, Warnung der Kunden durch das Verbraucherschutzministerium.

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Die Gesundheitsbehörden hatten Ende März auf der Probe eines Wacholderwammerls einen speziellen Bakterienstamm gefunden, den sie der bislang größten Erkrankungswelle durch Listerien in Deutschland zuordnen. Seit 2012 hatten sich rund 80 Menschen in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz mit dem Bakterienstamm angesteckt - acht von ihnen starben. Zwei Schwangere erlitten Fehlgeburten. Sieber musste mehr als 200 Produkte zurückrufen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Schach beharrt darauf, dass die drastischen Maßnahmen nur auf einer "Studie" des Robert-Koch-Instituts beruhen. Die Behörden wollten an ihm ein "Exempel" statuieren, um vom Versagen in früheren Fällen abzulenken. Alle neuen Listerien-Befunde seien unterhalb der Grenzwerte belastet gewesen.

"Ein Metzger, der sauber arbeitet, muss sich vor nichts fürchten."

"Dass man ein Unternehmen bewusst plattmacht, das ist - auch in Bayern - einmalig." Seine Klage gegen den Freistaat hält er aufrecht. Die Metzger beobachten den Fall genau, denn die Anforderungen wachsen. Je länger die Produktionsketten, je größer der Betrieb, je weiter das Handelsnetz, desto eher kann etwas schiefgehen, sagt Rainer Hechinger, Hauptgeschäftsführer des bayerischen Fleischerverbands.

Er betont aber auch: "Ein Metzger, der sauber arbeitet, muss sich vor nichts fürchten. Und sein Kunde damit auch nicht." Am Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) weist man die Kritik der Firma Sieber zurück. Zwar sei es richtig, dass alle zwölf neuen positiven Proben unter dem Grenzwert lagen. "Aber diese Grenzwerte richten sich nur an das Unternehmen selbst", sagt LGL-Chef Andreas Zapf.

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"Es ist eine ganz andere Sache, wenn sich eine Kontrollbehörde ein Urteil bilden muss, ob gefundene Listerien gesundheitsschädlich sein können oder nicht." Die positiven Befunde betrafen ganz verschiedene Sieber-Lebensmittel aus unterschiedlichen Produktionsanlagen. "Das ist ein Hinweis darauf, dass der Hersteller ein größeres Problem mit den Bakterien hat, als es nach der ersten positiven Probe der Fall zu sein schien", sagt Zapf.

Und dass er dieses Problem mit seinen bisherigen Maßnahmen offenkundig nicht in den Griff bekommen hat. Der Fall Sieber ist der erste Fall in Deutschland, in dem Lebensmittelkontrolleure eine Verbindung zwischen einem großen Lebensmittelunternehmen und einem riesigen Listeriose-Ausbruch herstellen konnten, sodass aus ihrer Sicht die Schließung die einzige Möglichkeit war, die Verbraucher zu schützen.

Die neuen mikrobiologischen Testverfahren werden immer feiner

"Das hat mit den neuen mikrobiologischen Verfahren zu tun, mit denen wir so einen Ausbruch jetzt einem einzelnen Betrieb zuordnen können", sagt Zapf. "Bis vor wenigen Jahren hatten wir solche Verfahren noch nicht, da hätten wir diesen Listeriose-Ausbruch niemals bis zu dem Unternehmen zurückverfolgen können." Und das bedeutet: Dank der neuen Methoden können sich auch andere Lebensmittelfirmen damit konfrontiert sehen, dass mit ihrer betriebsinternen Hygiene nicht alles so ist, wie es sein sollte.

Oder wie es Zapf sagt: "Die Branche muss sich darauf einstellen, dass unsere Methoden immer feiner und unsere Ergebnisse deshalb immer präziser werden." Den Beweis muss die Wissenschaft noch antreten: Wenn Sieber wirklich der Auslöser dieser Erkrankungswelle war, dürften nun keine neuen Infektionen mit dem Bakterienstamm mehr auftauchen.