Gräfelfing Funkstörung am Neunerberg

Ein Mast steht schon: in einem Wäldchen beim TSV Gräfelfing.

(Foto: Stephan Rumpf)

Anwohner kritisieren die Position eines geplanten Sendemastes zwischen Gräfelfing und Planegg

Von Annette Jäger, Gräfelfing

Der Prof.-Max-Dieckmann-Platz ist eine kleine Parkanlage, in der sich die beiden Gemeinden Planegg und Gräfelfing begegnen. Die Anwohner nennen den Ort auch Neunerberg. Oberhalb des Hangs sonnen sich die Besucher im Sommer auf der Wiese, gehen mit dem Hund Gassi oder treffen sich mit dem Kinderwagen auf dem Spielplatz. Im Winter fahren Kinder den Hang auf dem Schlitten hinunter. Unten ist der Sportplatz, dort kickt die Jugend. "Das ist unser Englischer Garten", sagt Thomas Klöckner, er wohnt ganz in der Nähe.

An einem Samstagvormittag im November haben sich die Anwohner aus der Gegend um den Neunerberg auf dem Dieckmann-Platz getroffen. Diesmal nicht, um gemütlich zu verweilen, sondern vielmehr, um ihrem Ärger Luft zu machen. Denn da, wo Planegg und Gräfelfing mit am schönsten sind, wo direkt Wohngebiete angrenzen, soll ein etwa 40 Meter hoher Mobilfunkmast aufgestellt werden. "Das wird hoch wie ein zehnstöckiges Haus", schätzt ein Anwohner. "Es ist nicht begreifbar, wie man das befürworten kann." Zunder erhält der Protest durch einen Mast, den der Mobilfunkbetreiber Telefónica erst kürzlich nahe dem Gräfelfinger TSV-Gelände aufgestellt hat. Auch der ist gut 40 Meter hoch und steht in einem Wäldchen an der Jahnstraße. Die rote Spitze ragt über die Baumwipfel hinaus. So hoch soll auch der Neunerberg-Mast werden, die Anwohner haben das jetzt erst so richtig vor Augen.

Der Mast beim TSV ist der erste des Gräfelfinger Mobilfunkkonzeptes. Die Idee ist, zentrale Standorte für Mobilfunkmasten in Bebauungsplänen auszuweisen und so den "Antennen-Wildwuchs" auf Hausdächern, wie Bürgermeisterin Uta Wüst (Interessengemeinschaft Gartenstadt Gräfelfing) es nennt, einzudämmen. Das Konzept ist unter Bürgermeister Christoph Göbel (CSU) - dem heutigen Landrat - entstanden. Auf diese Weise wird die Strahlenemission erheblich verringert, denn die Strahlen gehen aufgrund der Höhe der Masten über die Hausdächer und die vielen hohen Bäume in der Gartenstadt hinweg, so lautet jedenfalls das Argument. In Gräfelfing müssen die Mobilfunkbetreiber nach und nach bis zum Jahr 2022 alle Dachantennen abbauen. Sie dürfen dann nur noch über die zentralen Masten senden.

Proteste von Anwohnern gegen Mobilfunkmasten sind meist motiviert von der Furcht vor gesundheitsschädlicher Strahlung. Nicht so am Neunerberg. Die Anwohner stören sich in diesem Fall am Standort mitten in ihrer Idylle. Sie wünschen sich eine alternative Standortortuntersuchung. "Es wird nirgends in der Gartenstadt einen Standort geben, den alle bewundern", sagt Hans Ulrich. Er ist Ingenieur und Mobilfunkexperte und betreut das Gräfelfinger Mobilfunkkonzept seit gut zehn Jahren. Er hat es immer wieder überarbeitet, aktualisiert und sehr viele Standorte untersucht. Doch am Neunerberg hat bislang kein Weg vorbeigeführt. Verzichtet man auf diesen Standort, müssten zwei kleinere jeweils westlich und östlich der Bahn geschaffen werden, um in den jetzt unterversorgten Gemeindegebiete in Planegg und Gräfelfing ausreichend Mobilfunk-Empfang sicherzustellen, sagt Ulrich. "Das bedeutet: doppelt so viele betroffene Nachbarn, doppelt so viel Strahlung." Im Gräfelfinger Gemeinderat herrscht Konsens: Gesundheit geht vor Optik.

Die Gemeinden können nicht aus: Die Mobilfunkbetreiber hätten ein Recht darauf, Antennen aufzustellen, sagt Bürgermeisterin Wüst. Die Gemeinde kann lediglich dirigieren, wohin. Auch beim TSV haben Anwohner protestiert und vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof geklagt. Erfolglos. Die Mobilfunkbetreiber investieren sechsstellige Beträge in den Bau eines Mastes, wie er beim TSV steht, sagt Experte Ulrich. Weist die Gemeinde einen Standort aus, muss dieser deshalb nicht nur ortsbildverträglich sein und eine geringe Strahlenbelastung ermöglichen. Er muss vor allem auch eine für die Mobilfunkbetreiber ideale Reichweite gewährleisten. Am Neunerberg fließt all das zusammen.

Die Anwohner setzen nun auf Unterstützung in Planegg. "Wir hoffen, dass wir den Bürgermeister hinter uns haben", sagt Dirk Brügger beim Anwohnertreffen. Weder der Planegger Gemeinderat noch er selbst seien froh über die Pläne der Nachbarkommune, den Mast am Neunerberg aufzustellen, sagt Bürgermeister Heinrich Hofmann (SPD). Vom verbesserten Handyempfang profitieren jedoch auch die Planegger. Hofmann weicht aus: "Wir wollen uns ganz intensiv schlau machen", sagt er hinsichtlich einer alternativen Standortsuche. Ein neues Gutachten sei jedoch nicht angestrebt. Er weiß auch: "Eine Verlagerung des Standortes verlagert nur das Problem."

Unterdessen wappnen sich die Gräfelfinger für den Moment, in dem einer der Mobilfunkbetreiber einen Bauantrag für den Neunerberg stellt. Gedanken, wie man den Mast tarnen könnte, etwa als Insektenhotel oder Kletterturm, haben Architekten im Gräfelfinger Gemeinderat schon vorgestellt. Mit diesen Ideen hat es die Gemeinde auch unlängst ins Fernsehen geschafft - die Sendung des BR-Fernsehens "Wir in Bayern" berichtete darüber. Die Bürgermeisterin selbst favorisiert die Variante Aussichtsturm. Dann hat die Höhe des Mastes auch etwas Positives.