Gourmet Award 2018 Indisches Essen ohne Ethno-Klimbim

Die Inhaberin des Restaurants "The Indian Affaiir", Saheba Kohli.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Restaurant "The Indian Affaiirr" will die Vorstellung von einem indischen Lokal revolutionieren. Vier Köche eines preisgekrönten Restaurants in Delhi wurden dafür extra nach München geholt.

Von Franziska Gerlach

Allein das Butter Chicken. Auf zwölf verschiedene Arten hat der Küchenchef den Klassiker aus dem indischen Bundesstaat Punjab zubereitet, bis es endlich allen in der Familie schmeckte, und damit für die Karte freigegeben war: dem Vater, der Schwester und natürlich auch Saheba Kohli selbst. Ihre Familie, sagt die Inhaberin von The Indian Affaiirr am Maximiliansplatz, sei in Sachen Butter Chicken nämlich ziemlich leidenschaftlich.

Na ja, und außerdem wollte sie sich von der Masse der indischen Restaurants in der Stadt abheben. Den Münchnern zeigen, wie wunderbar sich nordindische Gerichte, inspiriert von der Ära der Maharadschas, modern interpretieren lassen. An einem Ort, an dem der Gast sich gerne aufhalten soll. Isst, trinkt, sich unterhält. Über Stunden hinweg.

Ein Jahr nach der Eröffnung im Februar 2017 führt Saheba Kohli durch ihre ganz persönliche Version eines indischen Restaurants, die sie - da sei sie sehr dankbar - mit der finanziellen Unterstützung ihres Vaters, eines indischen Unternehmers, der zwischen Delhi, München und Dubai pendelt, nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten konnte. Es reicht ein Blick durch die weitläufigen Räume mit den cognacfarbenen Lederbänken und den farbgewaltigen Werken einer jungen indischen Künstlerin an den Wänden, dass hier jemand groß gedacht hat.

Und vor allem anders: Wer mit indischen Restaurants bislang Ethno-Klimbim wie Spiegelstickereien oder Serviettenhalter in Gestalt von Elefanten verband, der wird sich ein anerkennendes Pfeifen nicht verkneifen können. Eine Welt aus warmen Rottönen und Gold hat Kohli erschaffen. "It's a non-Indian Restaurant with Indian food", sagt die Geschäftsfrau und bleibt vor den Samtsesseln der Lounge stehen.

Außergewöhnlich essen

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Diesen Satz darf man ihr freilich nicht als Seitenhieb auf ihr Herkunftsland auslegen. Und schlecht über die Mitbewerber in München zu reden, käme ihr erst recht nicht in den Sinn. Aber Saheba Kohli schwebte eben ein innovatives indisches Restaurant vor, mit einer ambitionierten Weinkarte und indisch angehauchten Cocktails, verfeinert etwa mit Kardamom oder Ingwer.

Gleich vier Köche hat Kohli aus dem Bukhara, einem preisgekrönten Restaurant in Delhi, nach München geholt. Sie wollte weg von solch absonderlichen Kreationen wie dem hierzulande ach so beliebten Mango Chicken, von dem in Indien kein Mensch je etwas gehört hat.

Rebhuhn, Hummer und Schnecken zählen zu den Extravaganzen

Genau dieses Anspruchs wegen hat sie auch den ganzen Aufwand mit dem Butter Chicken betrieben, das nach etlichen Abstimmungsrunden nun mit einer sämigen Soße aus Tomaten und Bockshornklee zubereitet wird. Mit 25 Euro ist das Gericht teurer als andernorts. Aber dafür kommt Kohlis Hähnchen aus der Region und nicht aus Massentierhaltung, die Gewürze bezieht sie über Händler in London.

Kulinarisch setzt The Indian Affaiirr mit Rebhuhn, Hummer und Schnecken auf Extravaganzen, denen man hierzulande eher selten begegnet in indischen Restaurants. Der "Lobster Maharaja" (45 Euro) wird mit einer würzigen Joghurtmarinade überzogen und dann im Tandoor gegrillt, auch die mit Chilis und Kräutern verfeinerten Hirschkoteletts ("Hiran ka Burra", 32 Euro) kommen in den Ofen. Küchenchef Saabir Ahmed, dessen Vorfahren für nordindische Maharadschas gekocht haben, bringt ein Tablett mit Eigenkreationen an den Tisch: Brokkoliröschen mit einer Füllung aus Joghurt und Minze. Köstlich sind die.

Und Saheba Kohli lächelt, bei jedem Kompliment aufs Neue. Denn auch die sorgsam austarierten Soßen und Currys transportieren Exotik, ohne den mitteleuropäischen Gaumen mit übermäßiger Schärfe zu piesacken (wer es extra-feurig bevorzugt, der erhält auf Anfrage freilich die gewünschte Dosis). Und wenn man die Küche für ihren einfallsreichen Umgang mit Gewürzen, frischen Kräutern, Gemüse, Fleisch und Fisch auch nur loben kann, so liegt ihre eigentliche Stärke doch gerade in der konsequenten Rückbesinnung auf die Kniffe einer traditionsreichen Küche. Wie zum Beispiel beim "Kali Dal Bukhara" (20 Euro), einem Gericht aus schwarzen Linsen, Ingwer, Tomaten und Knoblauch, das eine ganze Nacht lang gekocht wird.

Nur die in Indien beliebte Kultur des gepflegten Whiskeytrinkens muss sich an der Isar noch etablieren. 62 Positionen umfasst die Sammlung im The Indian Affaiirr, darunter auch indische Marken wie Amrut. "We want to promote Whiskey in the city", sagt Kohli. Den Whiskey in der Stadt voranbringen also. Kohli weiß, dass sie sich da einiges vorgenommen hat im bierseligen München. Auch Gin sei wohl gerade recht angesagt, sagt sie. Aber das bedeutet ja nicht, dass es ewig so bleiben muss.

The Indian Affaiirr, Maximiliansplatz 9, Telefon: 39 29 88 01, Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 12 bis 15 Uhr und 18 bis 23 Uhr, www.theindianaffaiirr.com.

Das nächste nominierte Restaurant stellen wir in der Samstagssausgabe vor. Weitere Infos unter www.sz.de/gourmet

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