Globetrotter Gandhi nachspüren

Mit Intuition und Kompass: Der Fotograf Patrick Ranz ist in 22 Tagen den Salzweg des indischen Widerstandskämpfers nachgegangen. Fast jeden Abend wurde der 36-Jährige von Menschen eingeladen, bei ihnen zu übernachten - nun erscheint der Bildband zur Reise

Von Gerhard Fischer

Der alte Mann hatte Gandhi gesehen. Mahatma Gandhi hatte eine Andacht gehalten, er hatte über Frieden gesprochen und sich dann unter einen Baum gesetzt. "Es war so schön, in den Augen des alten Mannes die kindliche Begeisterung zu sehen, als er davon erzählt hat", sagt der Fotograf Patrick Ranz.

Mahatma Gandhi war 1930 auf seinem berühmten Salzmarsch durch das Dorf des alten Mannes gekommen, der damals noch ein kleiner Junge war. Der Salzmarsch war ein Protestmarsch - der Pazifist Gandhi ging zusammen mit 78 Anhängern mehr als 380 Kilometer von Ahmedabad bis Dandi. Sie demonstrierten damit gegen das Salzmonopol der Kolonialmacht Großbritannien. Als Gandhi nach 24 Tagen in Dandi angekommen war, hob er einige Salzkörner in die Höhe - und er forderte seine Landsleute auf, selbst Salz zu gewinnen und damit zu handeln. 50 000 Inder wurden daraufhin verhaftet.

Der Fotograf und Filmemacher Patrick Ranz hat sich selbst auf den Salzmarsch gemacht, gemeinsam mit seinem Freund Alexander Hirl, der auf dem Weg Gedichte verfasst hat. Sie starteten - wie Gandhi - im Frühjahr, und sie hielten sich an den Weg, den auch der Widerstandskämpfer gegangen war. Die beiden haben einen Film gedreht, für den sie noch einen Abnehmer suchen. Aber jetzt, am 15. Oktober, wird schon mal ein Bildband herauskommen.

Hirl und Ranz reisten vor vier Jahren in den Nordwesten Indiens und gingen einfach los, ohne vorher Interviews ausgemacht zu haben; sie wollten die Leute zufällig treffen - wie den alten Mann, der Gandhi vor 85 Jahren in seinem Dorf gesehen hatte. 22 Tage waren sie unterwegs. "Wir sind mal an einer alten, verlassenen Bahnstrecke entlang, mal durch eine ausgetrocknete Meerenge", erzählt Patrick Ranz, "das war wie in der Wüste - man sah nur Sand."

Sie hatten keinen Kompass dabei, richteten sich nach der Sonne und verließen sich auf ihre Intuition. "Wir sind immer um fünf Uhr aufgestanden, um der großen Hitze zu entkommen, haben mittags Pause gemacht und sind dann bis abends um acht Uhr marschiert", erzählt Patrick Ranz. "Es war anstrengend, wir hatten ja auch das Film-Equipment dabei." Aber vor allem sei es schön gewesen, denn sie trafen überall auf freundliche Menschen. "Die waren begeistert, dass Weiße diesen Weg laufen und Gandhi nachspüren wollten."

Auf Gandhis Spuren

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Leute wie Patrick Ranz, der durch Indien marschiert und sich die Welt anschaut, nannte man früher wohl Globetrotter; heute ist dieser Begriff genauso altmodisch wie Lausebengel oder Adamskostüm. Aber Ranz sieht so aus, wie man sich einen lässigen Globetrotter vorgestellt hat, er trägt ein Halsband, ein T-Shirt, eine Jeans, die halblangen blonden Haare sind ungekämmt. Er hat eine Siebzigerjahre-Frisur. Er sieht ein bisschen aus wie Wolfgang Kleff, der damals Torwart von Borussia Mönchengladbach gewesen ist. Kleff war auch lässig. Als er mal bei der Nationalmannschaft auf der Ersatzbank saß, aß er eine Tafel Schokolade.

Nur vier oder fünf Mal mussten Ranz und Hirl in einem Hotel übernachten, ansonsten wurden sie von den Menschen eingeladen, bei ihnen zu essen und zu schlafen. Manchmal schliefen sie auch in einem Tempel, in einem Ashram oder beim Bürgermeister. Einmal haben sie auf einem Platz einen Mann nach einem Schlafplatz gefragt, er sagte bloß: "Wartet hier, es wird etwas passieren." Nach fünf Minuten kam ein anderer Mann, der die beiden Deutschen mitnahm, zum Abendessen einlud und ihnen eine Schlafstelle gab. "Stell dir mal vor, du würdest das in München auf dem Gärtnerplatz tun: dich hinstellen und nach einem Schlafplatz fragen", sagt Patrick Ranz, der in der Nähe des Gärtnerplatzes wohnt.

Hirl kommt zufällig an dem Café in der Klenzestraße vorbei, in dem das Gespräch stattfindet. Er hört, wie Ranz gerade sehr begeistert über die Gastfreundschaft der Inder redet. "Ihre Religion gibt ihnen das vor", sagt Hirl dazu trocken. So kann man es auch sehen. Ranz ist trotzdem begeistert. Es ist eine Stärke von ihm, begeistert zu sein von Dingen, die er tut, die er erlebt.

Patrick Ranz wurde 1979 in München geboren. Der Vater war Bauingenieur, die Mutter ein kulturell und politisch sehr interessierter Mensch. Die beiden hatten vor Patricks Geburt in Kanada und in Papua-Neuguinea gelebt. Wer nach der Quelle für Patrick Ranz' Reisefieber sucht, hier ist sie: bei den Eltern. Er war schon als 13-Jähriger mit seiner Mutter in Indien - und war damals begeistert von der "Fülle an Tempeln". Und er sah historische Aufnahmen von Gandhis Salzmarsch. Seine Mutter war noch öfter in Indien, einmal hat sie vier Wochen bei Mutter Teresa verbracht; sie hat in deren Sterbeheim gearbeitet.

Wenn Globetrotter nicht so altmodisch klingen würde, könnte man Patrick Ranz durchaus als so einen beschreiben.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sohn Patrick ging zur Waldorf-Schule und bekam mit zehn den ersten Fotoapparat. Mit 15 kaufte er sich die erste Videokamera. "Ich fing damals an, mein Leben zu dokumentieren", sagt er. Ranz filmte Freunde und Familie und tanzte vor der Kamera wie Michael Jackson, den er damals sehr verehrte.

Ranz machte die Mittlere Reife - und danach so ziemlich alles, was mit Film und Foto zu tun hat, vor allem Praktika auf Sets oder in Studios. Fünf Jahre lang ging das so, er sagt, er wollte sich alle Möglichkeiten ansehen, die diese Berufe einem bieten. 2005 machte er sich dann als Kameramann und Fotograf selbständig. Er dreht jedes Jahr einen Fahrradfilm, mal fährt er von München nach Venedig, mal von München nach Zagreb, mal an der ehemaligen Grenze zwischen der BRD und der DDR entlang.

Was immer blieb, war das Interesse an Indien. Mit 30 fuhr Patrick Ranz wieder für fünf Wochen hin, lebte bei einer Familie in Varanasi, einer Hochburg für Musik. Ranz brachte sich nicht nur die wichtigsten Sprachen Indiens und Pakistans, also Hindi und Urdu, bei, sondern auch die indischen Instrumente Sitar und Tablar.

Patrick Ranz ist jetzt 36, er lebt mit seiner Frau und den zwei kleinen Kindern in einer kleinen Wohnung. Existenzängste, so als Freiberufler? "Kenne ich nicht", sagt er. "Ich habe ein Gottvertrauen, dass ich mich oder uns über Wasser halten kann." Er sei vielfältig und er könne das auch an den Mann bringen. Es klingt selbstbewusst und lässig, was er sagt. Ob er tatsächlich so lässig ist, weiß nur er selbst.

Statt Angst zu zeigen, formuliert Patrick Ranz lieber Träume. Einer ist: in Bollywood Schauspieler zu werden. Immerhin kann er ja schon Hindi sprechen, und es wäre doch cool, meint er, dort als weißer, blauäugiger, Hindi sprechender Schauspieler vor der Kamera zu stehen. Er wird es jedenfalls versuchen, irgendwie. "Ich mache es immer so im Leben", sagt Ranz, "ich habe eine Idee und die wird dann durchgezogen: zack, boom, bang." Ja, so sagt er es: zack, boom, bang.

Mahatma Gandhi hatte damals übrigens Erfolg mit seinem friedlichen Salzmarsch. Im Februar 1931 gaben die Briten nach: Inder durften Salz für den persönlichen Bedarf produzieren, und die politischen Gefangenen wurden freigelassen. Und 1947 wurde Indien unabhängig.