Von Von Christine Burtscheidt

Selbstverständlich gibt es wieder eine Demonstration. Die "Mütter gegen Atomkraft", der Bund Naturschutz und die Grünen haben dazu aufgerufen. Ihre Trillerpfeifen werden zu hören sein, wenn sich Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber bei seiner Eröffnungsansprache der üblichen Superlative bedient.

Dass Bayern mit dem neuen Forschungsreaktor "in der Champions-League spielt" und damit "weltweit ein Magnet für High-Tech-Unternehmen" ist. Nüchterner im Duktus, doch nicht weniger überzeugt von der Sache wird auch Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) die Bedeutung der Neutronenquelle für Deutschland hervorheben.

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Zumindest unter den Politikern ist der jahrelange Streit um den Garchinger Reaktor vergessen. Entzündet hat er sich an drei Buchstaben "Heu". Sie stehen für hoch angereichertes und damit waffentaugliches Uran. Mit 40 Kilogramm pro Jahr wird der FRM-II betrieben - was im Kern gegen internationale Abkommen verstößt.

Denn weltweit gibt es Bemühungen, Forschungsreaktoren nur mit niedrig angereichertem Uran (Leu) zu fahren, um so das waffentaugliche Material schrittweise vom Markt zu nehmen. "Jedes Gramm Uran, das aus dem Kernwaffenkreislauf in einen Forschungsreaktor kommt, ist ein Gramm für den Frieden". Damit verteidigt der Münchner TU-Präsident Wolfgang Herrmann sein Projekt. Die Anlage unterliege höchsten internationalen Sicherheitsstandards.

Den Garchinger Forschern ging es mit dem Bau des FRM-II immer um einen Wettbewerbsvorteil. Ein neuartiges Brennelement aus Heu garantiert "weltweit einen kaum vergleichbaren Neutronenfluss". Damit ist das Instrument auf jeden Fall konkurrenzfähig mit den sieben Forschungsreaktoren in den USA, die ebenfalls noch mit hoch angereichertem Uran laufen.

Dafür nahm die Bayerische Staatsregierung den Ärger mit Wissenschaftlern, Bürgern und zwischenzeitlich sogar dem Energieministerium in den USA in Kauf. Den Segen des deutschen Wissenschaftsrates hatte man ja.

Vier Jahre Verspätung

Zum politischen Problem wurde der Reaktor erst, als es 1998 zum Regierungswechsel im Bund kam. Die Grünen forderten einen Baustopp, die SPD eine Umrüstung. Eine Kommission unter dem Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, Wolf-Michael Catenhusen (SPD), wurde eingesetzt.

Nach ihrer Ansicht aber war eine Umrüstung auf niedrig angereichertes Uran angesichts des Baufortschritts nicht mehr möglich. Catenhusen handelte mit der Staatsregierung jedoch einen Kompromiss aus: Bis 2010 muss die Anlage auf ein neu zu entwickelndes mittel angereichertes Brennelement (Meu) umgerüstet werden. Hinter dieser Lösung stand auch Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Für die SPD war der Streit damit beigelegt. Nicht aber für die Grünen. Obgleich Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) im Kabinett dem Kompromiss zugestimmt hatte, versuchte sein Ministerium als zustimmende Behörde für die dritte und letzte Teilgenehmigung den Reaktor weiter zu blockieren.

Erst forderte er neue Gutachten zum Betrieb, dann bemängelte er die Planungen der Bayern, bei denen etwa "eindeutige Regeln" im Betriebshandbuch fehlten oder die Endlagerungsfrage ungeklärt sei. Die Bayerische Staatsregierung blieb hartnäckig. Zuletzt musste Trittin sein Plazet geben. "Es gab keinen Grund mehr, die Genehmigung abzulehnen", heißt es aus seinem Ministerium.

Start mit Auflagen

Mit einer vierjährigen Verspätung wird der Reaktor nun eingeweiht - doch nicht ohne Auflagen. Die Wissenschaftler in Garching müssen das neue Brennelement Meu erforschen. Bund und Land unterstützen sie dabei mit einer Million Euro. Scheitert ihr Versuch, bis 2010 ein geeignetes Material zu entwickeln, geht die ganze Sache nochmals zum Bund zur Prüfung.

In Bayern rechnet man dann mit einer weiteren Fristverlängerung. Sollten die Wissenschaftler erfolgreich sein, wäre das umso besser: "Dann haben wir ein Akzeptanzproblem weniger", sagt einer, der das Projekt seit den ersten Planungen vor 18 Jahren betreut.

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(Süddeutsche Zeitung vom 9.6.2004)