Gewalt gegen Obdachlose "Sie sind Freiwild"

Wer auf der Straße lebt, ist überdurchschnittlich oft von gewalttätigen Attacken betroffen: Ein Obdachloser in München.

(Foto: dpa)
  • Von Gewalt und Kriminalität sind Obdachlose überdurchschnittlich häufig betroffen. Ohne Wohnung und ohne Geld fallen sie aus dem gesellschaftlichen Raster.
  • Der Grund für die Delikte ist nicht immer erkennbar. Oft spielt Gruppendynamik oder übermäßiger Alkoholkonsum eine Rolle.
Von Sabine Cygan

Ein buschiger Schnurrbart verdeckt, dass Schorsch schon lange Zähne fehlen. Und wenn er sein graues Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat, merkt man nicht sofort, wie dünn es ist. Schorsch ist mit seiner schwarzen Reisetasche gekommen, in der sein ganzes Leben steckt: ein Schlafsack, ein paar Klamotten. Nun steht er in der Teestube des evangelischen Hilfswerks an der Münchner Zenettistraße und schlüpft erst einmal in bequeme Jogginghosen. Dann erzählt er.

Es muss irgendwann um Weihnachten 2013 herum gewesen sein, so genau weiß er das nicht mehr. Schorsch hatte sich in seinen Schlafsack eingemummelt, er lag auf einer Parkbank irgendwo in München, dort, wo er meistens Platte macht: "Gegen Mitternacht hat mich ein Mädel angestupst und zu ihren Freunden gesagt: 'Ui, da ist eine Leiche'. Ich hab gesagt: 'Schleicht's euch!'" Aber die Jugendlichen blieben. Sie schikanierten Schorsch mit Sprüchen und bewarfen ihn mit Holzstöckchen. Sie filmten ihn mit ihren Handys, machten Fotos. "Irgendwann bin ich dann aufgesprungen und habe geschrien, sie sollen mich in Ruhe lassen. Mehr kann ich ja nicht tun."

Schorsch lebt seit zehn Jahren auf der Straße. Geschichten wie diese hat er schon etliche Male erlebt. Er erzählt sie unaufgeregt, mit einem Schulterzucken, so als wolle er sagen: "Es ist halt so." Zum Glück, sagt er, sei es meist glimpflich ausgegangen.

Warum Menschen Obdachlose verletzen

Doch was veranlasst Menschen überhaupt dazu, jemanden verbal oder körperlich zu verletzten, der sowieso schon ganz unten angelangt ist? "Oft können die Täter nicht begründen, warum sie geschlagen haben", sagt Daniela Pollich vom Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen. Das gelte insbesondere für Jugendliche. Teilweise spiele Gruppendynamik eine Rolle oder übermäßiger Alkoholkonsum. Zudem könnten Vorurteile und die Angst vor dem Fremden in Gewalt umschlagen.

Pollich ist eine der Wenigen in Deutschland, die sich mit dem Thema wissenschaftlich beschäftigen. Sie weiß, dass Obdachlose überdurchschnittlich oft Opfer von Gewalt und Kriminalität werden oder dass sie am häufigsten Beleidigungen über sich ergehen lassen müssen. Körperliche Gewalt, sagt Pollich, gehe dabei von wohnungslosen und von nicht-wohnungslosen Tätern in etwa gleichermaßen aus. Diebstahl komme aber vor allem innerhalb des Milieus vor.

Das hat auch Wolfgang erlebt, der seit 14 Jahren obdachlos ist. Er nennt sich selbst einen "Stadtindianer", obwohl er einen schwarzen Cowboyhut trägt. In der Teestube erinnert er sich an einen nebeligen Abend, als er in einem Ladeneingang saß und Gitarre spielte. Er musste kurz austreten, und als er zurückkam, war alles weg: zwei Rucksäcke, Reisetaschen, die Gitarre. "Die persönlichen Dinge, Briefe und Bilder, die tun am meisten weh", sagt er. "Taschenmesser oder Gaskocher, so was kann ich mir irgendwie wieder besorgen. Aber die privaten Dinge sind unersetzlich." Nun hat er nur noch seine Erinnerungen.

Obdachlose sind leichte Opfer

Wolfgang und auch Schorsch sind beide Einzelgänger. Andere Obdachlose leben lieber in Gruppen. Das sei zunächst sicherer, sagt Streetworker Felix Rakette vom evangelischen Hilfswerk. In der Gruppe komme es aber auch immer wieder zu Streitereien. Es gehe dabei oft nur um Kleinigkeiten: ein fehlendes Bier oder ein Eck zum Übernachten. Wenn Alkohol im Spiel ist, könne das schnell eskalieren: "Ein guter Schlafplatz ist ein hohes Gut auf der Straße."

Das war wohl auch der Grund, warum Ende August 2014 bei einem Streit um einen Schlafplatz an der Isar zwei Obdachlose einen anderen ermordeten. "Körperliche Gewalt wird cliquenintern geregelt", sagt Rakette. "Die verpfeifen sich untereinander nicht."

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Rakette erzählt aber auch von einem Obdachlosen, der in einem Hauseingang in der Sonnenstraße schlief. Ein betrunkener Club-Besucher trat ohne Grund auf ihn ein, Rippenbrüche waren die Folge. "Obdachlose sind leichte Opfer, weil sie keine Lobby haben", sagt Rakette."Sie sind Freiwild, das man eher verkloppen kann als einen Anwalt. Der weiß, wohin er sich wenden muss. Der hat das Wissen und das Geld, sich zu wehren. Ein Obdachloser hat das nicht."

Deswegen blieben viele Gewaltdelikte auch im Verborgenen. Nach zwölf Jahren als Streetworker kann sich Rakette an keine einzige Anzeige eines Obdachlosen erinnern. Und warum ein schlafender Obdachlose verprügelt wird? Oft hat der Streetworker nur eine Antowrt: "Manchmal ist ein Obdachloser einfach im falschen Moment am falschen Ort."