Gesundheit Für mehr Würde der Alten

Angekommen: Jens Benninghoff hatte, wie er sagt, eine tolle Ausbildung, jetzt könne er das alles im Isar-Amper-Klinikum anwenden. "Das ist toll", sagt er.

(Foto: Claus Schunk)

Jens Benninghoff hat als neuer Chefarzt im Isar-Amper-Klinikum München-Ost ein großes Ziel: Er will geschlossene Abteilungen öffnen

Von Bernhard Lohr, Haar

Der Umgang mit Senioren scheint Jens Benninghoff gut zu tun. Beschwingt kommt der 46-Jährige zum Gesprächstermin. Er hängt seinen Arztkittel an die Garderobe, aus der Tasche ragt ein Stethoskop. Und schon sitzt der Doktor mit übers Knie geschlagenem Bein auf dem Sofa in seinem Büro, das im Souterrain eines der Neubauten liegt, die nach außen hin auch für das neue, der Zukunft zugewandte Bild vom Isar-Amper-Klinikum München-Ost in Haar stehen. Vieles ändert sich an der Psychiatrischen Klinik, die einst Heil- und Pflegeanstalt hieß und bis heute gegen Stigmata kämpft. Außer neuen Gebäuden gibt es neue Gesichter wie das von Chefarzt Benninghoff, der mit jugendlichem Elan das Zentrum für Altersmedizin und Entwicklungsstörungen (ZfAE) prägen will. "Ich führe gerne", sagt er.

Er geht mit Optimismus an die Arbeit und ist zugleich an zentraler Stelle für eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen in der Region München zuständig. Die Zahl der Hochbetagten jenseits der 75 wird alleine in der Stadt München bis 2035 um rund 25 000 auf dann 156 000 steigen. Das ZfAE ist mit derzeit 160 Betten die zentrale Klinik, die die gerontopsychiatrische und geriatrische Versorgung in München und den umliegenden Landkreisen garantiert. Gerade wird noch eine Delirstation aufgebaut. Wer etwa mit akuten Verwirrtheitszuständen behandelt werden muss, kommt in Benninghoffs Obhut.

Wie man mit Alter und Krankheit umgeht, erlebte er früh in seiner Familie in Oberhausen im Ruhrgebiet. Großeltern, Onkel und Tanten lebten in der Nähe. Der Familienverbund funktionierte. Und Benninghoff erzählt, wie sich damals alle die Pflege der schwerkranken Urgroßmutter teilten. Er selbst saß als Sechsjähriger beim "Oma-Dienst" an deren Bett und unterhielt sich mit ihr. "Das hatte nichts Artifizielles", sagt er und kommt mit spürbarer Freude darauf zu sprechen, wie ihn seine Großeltern bei seinem Studienaufenthalt in New York besuchten und in hohem Alter mit ihm in Long Island am Montauk-Point durch unwegsames Gelände liefen.

Dass es eine Erzählung von Max Frisch namens Montauk gibt, ist Benninghoff eine Randbemerkung wert. Er liest leidenschaftlich gerne. Er ist ein unterhaltsamer Gesprächspartner. Man könnte mit ihm über Max Frischs Reflexionen übers Altwerden reden, die dieser in Montauk anstellt, oder über den Wert von Lebensweisheiten, die die Alten gerne Jüngeren mitgeben fürs Leben. Auch die aktuelle Inszenierung am Residenztheater in München wäre ein mögliches Thema. Benninghoff ist vielseitig interessiert. Er bezeichnet sich als gläubig und trat doch ausgerechnet im Lutherjahr aus der evangelisch-lutherischen Kirche aus, weil ihm in diesem Jubiläumsjahr der Antisemitismus eines Martin Luther unerträglich erschien. Er ist politisch interessiert und zitiert seinen Lieblings-Philosophen Karl Popper mit einem Satz, der wohl einiges über ihn sagt: "Optimismus ist Pflicht."

Als der Ärztliche Direktor am Isar-Amper-Klinikum, Peter Brieger, den neuen Chefarzt Benninghoff vorstellte, würdigte er dessen Qualitäten als Arzt, aber er strich auch heraus, dass er eine Persönlichkeit ist und für etwas steht. Benninghoff selbst beschreibt den Reiz der Arbeit in der Psychiatrie mit dem Blick auf den "ganzen Menschen". Diese Aufgabe fordert ihn als Arzt wie als Persönlichkeit. Wenn bei der Chefarztvisite ein Arzt oder Pfleger von "Schreipatienten" spricht, dann greift der neue Chef ein. Ein alter, vielleicht verwirrter Patient schreie, weil er Schmerzen habe und Hilfe brauche, erklärt Benninghoff. Und wenn jemand sagt, ein Patient sei "gut führbar", dann interveniert Benninghoff ebenso. Das wäre ja "wie an der Leine", sagt er. "Man muss sich auch über Begrifflichkeiten unterhalten." Die Würde der Alten und Kranken will Benninghoff schützen und fordert von Ärzten und Pflegepersonal Haltung ein.

Der Altersmediziner will in den neuen Gebäuden am Isar-Amper-Klinikum, in denen vom Arzt im weißen Kittel abgesehen nur noch wenig auf ein Krankenhaus hinweist, mit Hilfe des sogenannten Potsdamer Tischs geschlossene Abteilungen öffnen. Dabei wird tatsächlich an der Tür der Station ein Tisch platziert, wo jemand sitzt und Patienten in Gespräche verwickelt, die die Räume verlassen wollen. Im Untergeschoss existiert ein Sportraum mit Fitnessgeräten. Benninghoff verordnet Senioren Sport, um deren innere Unruhe zu bekämpfen. Wo es möglich ist, streicht er Medikamente. Ganz wichtig sei bei Demenz eine gründliche Diagnose, sagt Benninghoff. Auch wenn Demenz-Patienten keine Heilung zu erwarten hätten, so könne doch gezielte Therapie die Lebensqualität verbessern.

Ein Altersmediziner ist zwangsläufig oft mit der Vergangenheit konfrontiert. Wenn er mit Patienten spricht, dann geht es um Kriegszeit, Wiederaufbau und ähnliches. Was er von den Alten in Gesprächen mitnimmt, sieht er als Bereicherung. "Ruhe und Gelassenheit" vermittelten ihm diese, sagt er. "Sie haben ganz andere Dinge erlebt." Er erinnert sich gerne an Redewendungen seiner Großeltern. Große Krisen hätten diese Menschen bewältigt. Davon könne man als Junger lernen. Alter, was ist Alter? "Wenn das Denken an Krankheiten den Alltag dominiert, dann beginnt das Altwerden", sagt der Arzt.

Benninghoff schrieb seine medizinische Doktorarbeit im Institut für Biochemie. Bei einem Aufenthalt am Albert-Einstein-College for Medicine in New York lernte er jüdisches Leben kennen, was seinen Blick auf Luther veränderte. Mit einem Stipendium ging er nach Mailand, wo er sich der Stammzellenforschung widmete und im angegliederten Klinikum nah am Patienten arbeitete. Die italienische Beschreibung vom "Medico Sacerdote" sprach Benninghoff an, der Mediziner als Seelsorger. Schließlich wurde ihm bei einer Hospitation in der Geriatrieabteilung an der Klinik für Psychiatrie in Günzburg klar, dass dies sein Metier ist. "Ich spürte, dass ich da meine Medizin machen kann", sagt er. Es folgten viele Stationen, auch in leitender Funktion. Im Demenzkompetenzzentrum Rheinland spezialisierte er sich im Bereich Gerontopsychiatrie weiter. München kennt der selbsternannte "Globetrotter" noch aus Zeiten als Assistenzarzt an der Klinik in der Nussbaumstraße. Dort lernte er seine Frau kennen, mit deren beiden Kindern er in einer Patchworkfamilie lebt.

Jetzt am Isar-Amper-Klinikum ist Benninghoff angekommen. "Ich habe alles erlebt", sagt er, "und voll genossen." Er habe eine tolle Ausbildung, jetzt könne er das alles anwenden. "Das ist toll", sagt er, wie ein Bub, der selbst staunt, was ihm da widerfahren ist. Das Ankommen in Haar vergleicht er mit einem Erlebnis, das jeder kennen dürfte. "Ich komme in einen Laden, und der Schuh passt."