Gespräche in der Taxi-Zentrale "Hallo, es ist mir so peinlich"

Hubertus Schmige - und die Frau auf dem Bild ist nicht die österreichische Kaiserin Sisi. Es ist eine Frau, die mit Nachnamen Engelhorn heißt.

(Foto: Catherina Hess)
  • Hubertus Schmige hat über die skurrilsten Gespräche seiner Nachtschichten in einer Münchner Taxi-Zentrale ein Buch geschrieben.
  • Der Rentner hatte sich einen Job für die Nacht gesucht, weil er Schlafprobleme hatte.
Von Gerhard Fischer

Da war die Sache mit dem Korsett. "Hallo, es ist mir so peinlich", sagte die Dame, die nachts in der Taxi-Zentrale anrief. "Ich habe leider meine Korsage verloren." Im Taxi? "Ja, die hat mir mein Freund gestern geschenkt, und jetzt ist sie weg!" Man überlegt gemeinsam. Grundsätzlich geben die Taxifahrer alles, was verloren wird, bei der Polizei ab. Also dort anrufen. "Die Polizei kann sicher nichts mit Ihrer verlorenen Korsage anfangen und der Taxifahrer auch nicht", sagt der Mann von der Taxi-Vermittlung. "Rufen Sie einfach an, Telefon 110."

Der Mann bei der Taxi-Vermittlung heißt Hubertus Schmige. Er hat viele Anrufe erhalten, die lustig waren. Er hat sie dann aufgeschrieben und jetzt als Buch herausgegeben, es heißt "Können Sie mich abholen? Nachtschicht in der Taxizentrale." Die Geschichte mit der Korsage - sie ist Schmiges Lieblingsgeschichte.

Rüstiger Rentner mit Schlafproblem

Hubertus Schmige wohnt in einem Hochhaus in der Schleißheimer Straße. Als er im 14. Stock die Tür öffnet, ist man überrascht. Sehen 70-Jährige heute so aus? Schmige ist schlank, er hat volles Haar, trägt ein Polohemd und eine Jeans. Er tänzelt in die Wohnung zurück, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hat. Man muss an einen Slalomfahrer denken, der um Stangen tanzt, an Felix Neureuther. Oder an dessen Vater, den Christian, das ist eher Schmiges Generation.

"Ich jogge jeden zweiten Tag mit meinem Hund", sagt er und deutet vom Balkon hinab auf den Luitpoldpark. "Ist praktisch, dass der Park in der Nähe ist." Der Hund ist auch in der Wohnung, er ist süß. Ein Jack Russell Terrier. Elf Jahre alt. Weiblich. Sissy heißt sie. "Wie die Kaiserin", sagt Schmige. Seit er mit Sissy joggt und davon müde wird, ist es auch besser geworden mit seiner Schlaflosigkeit. Damit fing nämlich alles an, vor knapp eineinhalb Jahren.

Hubertus Schmige schlief damals um ein Uhr ein und wachte um drei Uhr auf, er schlief um vier ein und war bald wieder wach. Schlaflos in Schwabing sozusagen. Seine Frau meinte, er solle zum Arzt gehen oder sich nachts eine Arbeit suchen. Der Doktor sagte dann, eine Therapie würde 200 Euro kosten. "Da habe ich mir lieber eine Arbeit gesucht", erzählt Schmige.

Ein geduldiger Zuhörer

Er schrieb einen lockeren Brief an ein Taxi-Unternehmen, das einen Mitarbeiter für die Nachtschicht brauchte: Trotz seines Alters hätte er noch Lust auf Arbeit, wäre nie krank, seine Frau sei auch gesund und bräuchte keine Pflege. Kinder hätten sie keine, und die kränkelnde Schwiegermutter wäre weit weg; das mit der Schwiegermutter war ein Witz. Er bekam den Job.

Schmige erhielt dann im Schnitt 200 Anrufe pro Nacht, viele von Männern, die ein Taxi brauchten, um ins Bordell zu kommen. Er ertrug Beleidigungen, hatte hie und da einen netten Schwatz, war ein geduldiger Zuhörer, weil einsame Menschen nachts in der Taxizentrale anrufen, um überhaupt mit jemandem reden zu können. Und er bekam immer wieder skurrile Anrufe. Ein Mann wollte ein Taxi nach Grünwald. "Welche Straße, welche Hausnummer?", wollte Schmige wissen. "Weiß ich nicht", sagte der Anrufer, "aber ich kann Ihnen Längen- und Breitengrad sagen". Das GPS würde das dann umrechnen. Es klappte nicht.