Geschäft mit der Wohnungsnot Flüchtlinge verdrängen Migranten

Abd El Halim Khalil würde gern bleiben - doch das Appartementhaus an der Pilgersheimer Straße 42 ist nun an einen sozialen Verein vermietet.

(Foto: Florian Peljak)

Zuwanderer aus dem EU-Ausland zahlen hohe Mieten für winzige Zimmer in Untergiesing. Jetzt sollen sie ausziehen: Das ganze Haus hat ein Verein für Flüchtlingshilfe gemietet.

Von Stefan Mühleisen

Erst gestern habe ihre Tochter wieder geweint, sagt Petya Asenova. "Sie will nicht zurück nach Bulgarien, doch uns bleibt wohl nichts anderes übrig." Die 29-Jährige sitzt auf dem Sofa, neben ihr ein Berg Papier. In der Hand hält sie die Kündigung für ihr Zimmer, 20 Quadratmeter groß. Seit zwei Jahren ist dies der Lebensraum für sie, ihren Mann Emil und die beiden Kinder. "Wir haben Angst, dass bald die Polizei kommt und wir hier raus müssen. Doch wir wissen nicht, wohin", sagt sie.

Anfang des Jahres hat der Vermieter allen Bewohnern in den 48 Appartements in der Pilgersheimer Straße 42 gekündigt oder ihre befristeten Verträge nicht verlängert. Es sind zumeist Migranten aus EU-Ländern. Die Firma will nun das "Bewirtschaftungskonzept" ändern, sagt sie. Ein "sozialer Verein" werde einziehen, heißt es in den Briefen. Ein sozialer Verein - der sich noch dazu um minderjährige Flüchtlinge kümmert. Sie ziehen ein, und die Migranten müssen raus.

Angela Bauer sieht betroffen aus, auf diese Absurdität angesprochen. Sie ist Geschäftsführerin des Vereins Heilpädagogisch-psychotherapeutische Kinder- und Jugendhilfe (HPKJ). Seit langem sucht sie händeringend Räume. Jetzt hat sie eine Traumimmobile gefunden - das Appartementhaus in Untergiesing. "Wir sind heilfroh" , sagt Bauer. Doch was sie und ihre Kollegen nicht ahnten: Der Vermieter in dem Haus drängt die Bewohner zum Auszug. "Wir wollen keinesfalls, dass jemand Schaden erleidet. Uns wurde versichert, dass alle Mieter befristete Verträge haben und in Ersatzwohnungen ziehen", sagt Bauer.

"Üble Abzocke" - aber nicht illegal

Das Haus und der Vermieter, die Global Businessapartment Immobilienverwaltung, waren im Dezember 2013 in die Schlagzeilen geraten. Der Münchner Mieterverein warf der Firma "üble Abzocke" von Mietern in dem Gebäude an der Pilgersheimer Straße vor. Dort ist die Global Businessapartment Generalmieter, das Gebäude gehört der Brodt & Zaidman Immobilienbesitzgemeinschaft. SZ-Recherchen zeigten, dass die bisherigen Bewohner teils horrende Mieten zahlen. Von einer Kleinfamilie verlangte die Firma 790 Euro für ein zwölf Quadratmeter großes Zimmer.

Illegal ist das nicht: Solche Preise sind bei Wohnungen "zum vorübergehenden Gebrauch" erlaubt. SPD-Stadträtin und Mietervereinsvorsitzende Beatrix Zurek nannte das Vorgehen trotzdem eine "Riesenschweinerei", faktisch würden die Migranten ja dauerhaft dort leben. Der Vermieter verwies auf hohe Nebenkosten. Überdies bekämen die Menschen nirgendwo anders in der Stadt eine Wohnung.

530 Euro zahlt Abd El Halim Khalil für sein Zimmer in Untergiesing.

(Foto: Florian Peljak)

Diese Erfahrung musste auch schon Angela Bauer machen, die mit ihrem Verein nun einziehen wird. Kaum ein Vermieter wolle solche Bewohner beherbergen, sagt sie, Angst und Rassismus schlugen ihr entgegen. Mit dem Vermieter in der Pilgersheimer Straße wurde sie sich indes bald handelseinig, für eine Mietdauer zehn Jahren. Hier sollen nun eine Clearingstelle für junge Flüchtlinge sowie zwei Wohngruppen entstehen. In Eigenarbeit hat der Verein bereits einige Appartements saniert, 16 von künftig 34 Plätzen sind bereits belegt.

Abd El Halim Khalil bringt dies in Existenznöte "Ich will hier nicht weg. Ich weiß nicht, wo ich sonst wohnen soll", sagt der 50-Jährige. Er zahlt 530 Euro für ein kleines Zimmer - Gemeinschaftsduschen, Toiletten und Küchenzeilen sind auf dem Gang. Sein Mietvertrag ist unbefristet. Der Vermieter bot ihm zum gleichen Preis ein 18-Quadratmeter-Zimmer an mit Küchenzeile, Doppelbett und Bad in einem ihrer Objekte in Obergiesing.

Doch das Angebot findet Khalil inakzeptabel: mit 30 Euro Miete pro Quadratmeter. Die Wohnung sei nicht renoviert, das Bad in schlechtem Zustand. Der Vermieter sieht das völlig anders. Der Wohnraum sei nicht nur zumutbar, sondern qualitativ höherwertig, weil möbliert. Nach Khalils Angaben belässt es die Firma nicht bei schriftlichen Auszugs-Aufforderungen. Er berichtet, dass ein Mitarbeiter öfter an der Türe geklopft habe. "Sie müssen raus, notfalls mit der Polizei", habe der einmal gedroht.

Das bestätigt auch seine Nachbarin Petya Asenova. Sie habe nun Angst, bald "abgeholt" zu werden. Asenova sei eine Ersatzwohnung für 1000 Euro angeboten worden. Das Familieneinkommen bestreitet Petya Asenova mit einem Job als Putzfrau in einem Hotel. "Wir können doch nicht mit zwei Kindern auf der Straße schlafen", sagt sie.

Mieter wollen ausharren

Der Vermieter dementiert die Vorwürfe: Die Mieter würden keinesfalls rücksichtslos vor die Türe gesetzt, wenn nötig sogar mit Polizeigewalt. "Eine solche Vorgehensweise ist bei unserer Mandantschaft weder üblich, noch ist dies von unserer Mandantschaft veranlasst worden", schreibt deren Anwalt. Viele der verbliebenen Mieter sind entschlossen, in ihren Wohnungen auszuharren.

Das haben ihnen auch Mitarbeiter des städtischen Wohnungsamts empfohlen. "Wir haben Zweifel an der Wirksamkeit der Kündigung und den Leuten geraten, zunächst in ihren Wohnungen zu bleiben", heißt es im Sozialreferat. Die Behörde ermunterte sie sogar dazu, die Türschlösser austauschen und sich juristischen Beistand holen. "Wenn die Bewohner wirklich raus müssen, werden wir alle Möglichkeiten ausschöpfen, ihnen bei der Vermittlung von Wohnraum zu helfen."