Gerichtsmedizinische Studie "Die Alten warten niedergebunden auf den Tod''

Häufig sterben hilflose Senioren in Heimen, weil sie sich in Gurten oder an Bettgittern strangulieren, sagt die Studie einer Gerichtsmedizinerin.

Von Sven Loerzer

Auf diesem Tatort-Foto ist kein Blut zu sehen, aber es ist deshalb nicht weniger schrecklich. Die Frau, Ende 70, scheint vor dem Bett zu knien, der Kopf ist auf die Matratze gesunken. Ihr Oberkörper ist eingeklemmt in dem Spalt zwischen dem Bettgitter und der Matratze.

Das hat tödliche Folgen: ,,Brustkorbkompression'', sagt die Rechtsmedizinerin Andrea Berzlanovich zu dem Bild auf dem Computer. Weil der Brustkorb eingeklemmt ist, kommt es zu Atemnot: ,,Die Panik dabei muss ich nicht schildern.''

Das Opfer hatte keine Chance, sich aus dieser Lage zu befreien. Die alte Frau erstickte qualvoll in einem Pflegeheim. Als eine Pflegekraft nach ihr schaute, war sie bereits mehrere Stunden tot.

Allein 28 alte Menschen starben in den letzten zehn Jahren in Zusammenhang mit ,,freiheitsentziehenden Maßnahmen'', 22 in Pflegeheimen, zwei in der eigenen Wohnung und vier in Kliniken. Unter diesem Begriff verstehen Juristen alle Mittel, mit denen die Bewegungsfreiheit von Menschen eingeschränkt oder ganz unterbunden wird: Das kann ein Bettgitter sein, ein Stecktisch, der das Aufstehen aus einem Stuhl verhindert, aber auch ein Gurtsystem, das Menschen ans Bett fesselt.

,,Von den bisher 23 überprüften Fällen lagen insgesamt 16 Mal Fehlanwendungen des Gurtsystems und sechs Mal Fehlanwendungen des Bettgitters vor, nur einmal war das Gurtsystem sachgemäß angebracht worden'', fasst Berzlanovich das deprimierende Ergebnis ihrer bisherigen Auswertung zusammen. Bei den meisten war die Fixierung vom Vormundschaftsgericht genehmigt worden.

Zwei Menschen starben durch ,,Kopftieflage'', dabei rutscht meist der Oberkörper aus dem Bett, der Kopf hängt nach unten. Während Andrea Berzlanovich das berichtet, scheinen sich ihre großen Augen vor Entsetzen noch etwas zu weiten. Auch wenn sie schon Tausende von Leichen, viele übel zugerichtete Opfer gesehen hat, ist ihr immer noch anzumerken, wie furchtbar sie diese Todesart findet: ,,Das dauert am längsten.''

Die meisten fixierten Menschen, 17, starben durch Strangulation, blieben in zu locker angelegten Gurten mit dem Hals hängen. Wenn beide Halsgefäße abgedrückt werden, führe das ,,relativ rasch zur Bewusstlosigkeit''. In der Regel aber ist nur eine Arterie betroffen, ,,dann kann das acht oder zehn Minuten dauern'', geprägt von allergrößter Panik.

,,Es dauert schrecklich lang.'' Wie auch bei der Brustkorbkompression, durch die neun Menschen zu Tode kamen. ,,Alle Fälle haben Polizei und Justiz gesehen'', sagt Andrea Berzlanovich, die für ihre Aufsehen erregende Studie über ,,Todesfälle bei mechanischer Fixierung in Pflegesituationen'' die einschlägigen Obduktionsberichte und die Akten der vergangenen zehn Jahre ausgewertet hat.

In sechs Verfahren kam es zu Verurteilungen wegen fahrlässiger Tötung - Geldstrafen zwischen 90 und 120 Tagessätzen. Sechs Verfahren sind noch nicht abgeschlossen, der Rest wurde eingestellt.

Es ist das Verdienst der 46-jährigen Rechtsmedizinerin, dass die Diskussion über den Einsatz von freiheitsentziehenden Maßnahmen in der Pflege nun angesichts der tödlichen Folgen wieder neu aufgeflammt ist. Als die Professorin vor zwei Jahren aus Wien an die Universität München wechselte, fiel ihr auf, dass es im Zuständigkeitsbereich des Münchner Instituts für Rechtsmedizin weit mehr Todesfälle nach Fixierungen gab, als in Wien.

,,Ich habe nichts Großartiges getan'', spielt sie ihre Leistung herunter, ,,ich habe nur die Fälle zusammengezählt. Ohne Zahlen kann man kein Problem erkennen.'' Vorher waren es nur bedauerliche Einzelfälle - erst ihre Zusammenführung zu einer Statistik und die Analyse der Ursachen hat den Druck geschaffen, sich mit der Situation fixierter Menschen erneut auseinanderzusetzen.