Gerichtsdolmetscher Recht in allen Sprachen

Für ein faires Verfahren bei ausländischen Angeklagten sind sie unverzichtbar: Gerichtsdolmetscher. Doch der Job ist hart - sie müssen nicht nur das gesprochene Wort exakt übertragen, sie brauchen auch Einfühlungsvermögen und Schauspielkunst. Und oft müssen sich Gerichtsdolmetscher Schreckliches anhören.

Von Christian Rost

Obwohl sich die beiden erst seit wenigen Minuten kennen, redet der Herr im Anzug unaufhörlich auf seinen Nebenmann ein. Leise, damit es die anderen im Raum nicht stört. Es sind fürchterliche Dinge, um die es geht: eine Vergewaltigung, einen Alkoholexzess, um eine Geschichte aus einem üblen Milieu. Der adrette Herr mit dem vollen grauen Haar heißt Martin Waniek, an seiner Seite sitzt in sich zusammengesunken ein Häftling, dem der Prozess gemacht wird. Waniek erklärt dem Mann, was man ihm vorwirft. Auf Polnisch. Martin Waniek ist Dolmetscher bei Gericht.

Der Angeklagte soll Fragen des Gerichts beantworten, doch er hat gar nicht verstanden, worum es überhaupt geht. Waniek erklärt es ihm noch einmal, ohne Erfolg. Dann bittet der Dolmetscher den Richter, die Fragen anders formulieren zu dürfen. Wieder also beugt er sich zum Ohr seines Landsmannes und flüstert.

Diesmal benutzt Waniek aber nicht die Worte des Staatsanwaltes, der von "sexuellem Missbrauch" gesprochen hat. Waniek bedient sich der Gossensprache, "weil manche Leute nur das verstehen". Da geht dem Angeklagten ein Licht auf, sein Gesicht wird finster: "Nein", lässt er Waniek auf Deutsch sagen, so etwas habe er niemals getan, er sei viel zu betrunken gewesen damals bei dem Treffen mit seinem Kumpel und der Frau, die von den Männern vergewaltigt wurde.

Martin Waniek erzählt von dieser Begebenheit aus dem Gerichtssaal bei einem Treffen im Garten eines Lokals am Englischen Garten. Die Terrasse ist mit Girlanden bunter Landesfähnchen geschmückt. Sätze in den unterschiedlichsten Sprachen dringen an diesem Augustabend von den anderen Tischen herüber.

Zwar ist München durchaus eine internationale Stadt, in der ein Drittel aller Einwohner familiäre Wurzeln im Ausland hat. Doch eine derartige Sprachenvielfalt - von A wie Albanisch bis U wie Ungarisch - gibt es sonst nirgendwo: Es ist Jahresversammlung des "Vereins öffentlich bestellter und beeidigter Dolmetscher und Übersetzer in Bayern (VbDÜ)", wie er im schönsten Amtsdeutsch heißt.

Höchstmaß an Konzentration

Es ist ein spezieller Verein, der sich vor elf Jahren in München gegründet hat. Alle 140 Mitglieder arbeiten für die Justiz und die Polizei. Die Dolmetscher übertragen mündlich, was ein Angeklagter in einem Prozess oder ein Festgenommener im Verhör zu sagen hat. Die Übersetzer übertragen Texte aus einer anderen Sprache schriftlich - Urkunden oder Verträge beispielsweise.

Ein Höchstmaß an Konzentration erfordern beide Disziplinen: Ein guter Dolmetscher findet nicht nur die richtigen Worte, er kennt sich in Dialekten, Bräuchen und Gepflogenheiten aus. Er braucht starke Nerven bei stundenlangen Gerichtsverhandlungen und schnellen Wortwechseln - und er muss problematische Menschen an seiner Seite ertragen können. Das ist nicht immer leicht: "Ich habe noch keinen Angeklagten wirklich sympathisch empfunden", sagt Roberts Putnis, der Vorsitzende des Vereins.

Gleichwohl hat der 36-jährige gebürtige Lette seinen Landsleuten, die in die Mühlen der bayerischen Justiz geraten waren, hinterher auch manchmal privat geholfen, bei Kontakten mit Behörden etwa. Die gemeinsame Sprache verbinde eben, erzählt Putnis bei einem Glas Weißwein, Sympathie hin oder her. Die Angeklagten vertrauen sich ihm an, weil sie ein Stück Heimat in ihm sehen. Dadurch entsteht zwangsläufig Nähe - auch physisch so dicht an dicht auf der Anklagebank. Das ist dem Dolmetscher manchmal zu viel: "Es gibt ja auch Leute, die riechen nicht besonders angenehm."