Der Friseur und Schriftsteller über koksende Künstler, schwule Politiker, seinen neuen Roman und die Liebe zur Schere.
"Erzähl mir alles!" heißt das neue Buch des Friseurs Gerhard Meir. Gemeinsam mit seiner Ko-Autorin Christine Eichel lässt er den Haarkünstler Julian wieder in die Niederungen der Berliner und Münchner Society steigen: ein Kolportageroman, bei dem der Leser oft nicht lange rätseln muss, wer sich hinter den verkrachten Politikern, koksende Medienmenschen und alternden Hollywood-Diven verbirgt. Dabei sei in Wirklichkeit alles noch viel schlimmer, verrät Gerhard Meir im SZ-Gespräch.
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SZ: Der Maler Jörg Immendorf wird mit einer Ladung Kokain und neun käuflichen Damen in einem Hotelzimmer verhaftet, und in Hamburg findet eine Senatskrise mit allen Zutaten für einen Krimi statt: Erpressung, Vorteilsnahme, Schurkenspiele. Im Vergleich dazu wirkt Ihr Roman fast harmlos. Meir: Ja, ich bin schon sehr überrascht, wie weit die Wirklichkeit den Roman überflügelt hat. Dabei hatte ich noch richtig Hummeln in den Hosen, als wir Ende März das Manuskript abgaben und gerade die Friedman-Affäre hochkochte. Ich dachte: Um Gottes willen, jetzt wird unsere Romanhandlung eins zu eins umgesetzt! Aber inzwischen muss man wohl härtere Geschütze auffahren, um die Realität noch zu toppen.
SZ: Was sagt der Romancier zum Fall Immendorf? Ist eine solche Großbestellung im Milieu noch literaturtauglich? Meir: Lesen Sie das Buch - dann können Sie nachlesen, ob Sie den Immendorf oder andere Society-Größen erkennen.
SZ: Sie haben neben dem Friseursalon "Le Coup" in München eine Dependance in Hamburg, wo politisch die Fetzen fliegen. Haben Sie sich im Intrigantenstadl der Hansestadt Anregungen geholt? Meir: Nein. Ich habe Szenarien beschrieben, die ich in Berlin, München und anderswo erlebt habe - auch in Hamburg. Dort wurde bisher immer nur getuschelt. Jetzt hat sich Bürgermeister Ole von Beust immerhin als schwul geoutet. Er hatte auch gar keine andere Wahl als Farbe zu bekennen, nachdem er vom Innensenator Schill erpresst wurde.
SZ: Auch Ihre Hauptfigur Julian wird im Buch Opfer einer Erpressung. Meir: Ich bin ja kein Hellseher, aber es ist doch der reine Wahnsinn, dass sich die politische Affäre in Hamburg beinahe wie im Buch zuspitzt. Und wer hätte gedacht, dass Immendorf schnupft und mit neun Nutten herumliegt?
SZ: Wie viel reale Geschichten stecken denn tatsächlich in Ihrem Roman? Meir: Das Meiste beruht auf dem Zufallsprinzip. Als wir das Buch planten, haben wir alle möglichen Figuren in einen Topf geschmissen, umgerührt und neue Typen entstehen lassen: Fertig waren die Spaghetti für unsere Society-Soße. Natürlich haben wir da auf einen breiten Fundus zurückgegriffen, denken Sie nur an die Clinton-Lewinsky-Affäre.
SZ: In "Erzähl mir alles!" taucht auch ein ehrgeiziger Politiker namens Hollmeier auf, der wegen brauner Sprüche aus der Partei fliegt. Taugt Jürgen W. Möllemann noch zur tragischen Figur? Meir: Die Figur hat mit dem Politiker nicht mehr viel zu tun. Nach Möllemanns Tod haben wir die Story entschärft und die Druckfahnen korrigiert; das war auch Wunsch des Verlags Hoffman und Campe. Es gibt so etwas wie Pietät gegenüber den Toten und ihren Angehörigen.
SZ: Der Romanheld Julian ist zwar ein paar Jahre jünger, hat aber einen Salon am Münchner Promenadeplatz und viele prominente Kundinnen - wie Sie. Wie viel Gerhard Meir haben Sie enthüllt? Meir: Okay, dass der Romanheld Julian in einen Musiker verliebt ist, beruht auf der glücklichen Beziehung zu meinem Freund Steffen Burkhardt. Das ist eine kleine Liebeserklärung. Ansonsten ist viel erfunden, mindestens 90 Prozent.
SZ: "Haarschneiden ist die Kunst, das Schwere in etwas Leichtes zu verwandeln", schreiben Sie. Ihr Lebensmotto? Meir: Könnte sein. Aber der Satz stammt von meiner Ko-Autorin Christine Eichel, die über Adorno promoviert hat und gerne einprägsame Sätze formuliert. Sehr zur Verblüffung all der hochtrabenden Feuilletonisten, die sich darüber pikieren, dass eine Philosophin mit einem Friseur zusammenarbeitet.
SZ: Man könnte den Satz umdrehen: Sie verwandeln das Leichte und Seichte in Schweres, indem Sie Ihre Party-Erfahrungen zwischen Buchdeckel pressen. Meir: Stimmt nicht ganz. Seit drei, vier Jahren befinde ich mich auf dem Rückzug aus dem Gesellschaftsleben. Nicht jede Telefonzelleneröffnung ist es wert, mit einer Party gefeiert zu werden. Die Zeiten sind für mich vorbei.
SZ: Anders als für Ihr Alter Ego. Meir: Der Julian im Roman ist noch nicht ganz so reif. Aber warten Sie den nächsten Band ab: Da wandert mein Romanheld in die Kulturszene ab.
SZ: Also müssen sich Ihre Kundinnen weiter Sorgen machen, als Romanfiguren herhalten zu müssen? Meir: Mein oberstes Credo ist: keine negativen Äußerungen über Kunden! Wenn jetzt Boulevardzeitungen behaupten, die Damen würden schon "Zickenalarm" schlagen, weil sie sich brüskiert fühlen, ist das völliger Quatsch. Jeder Leser hat seinen eigenen Schlüssel zum Buch: Er kann die Türe finden und sich selbst darin erkennen - oder auch nicht.
SZ: "Scheren zu Schreibmaschinen!", hat die taz über Sie geschrieben. Wandern Sie jetzt ganz ins Buchgeschäft ab? Meir: Um Gottes willen, nein. Ich werde weiter als Friseur zwischen München, Hamburg und Berlin pendeln. Ich bin jetzt 48 und freue mich jeden Tag darüber, wenn ich einen der Läden aufmachen kann, einen Kaffee koche und um neun die ersten Kunden kommen.
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