Gentrifizierung im Glockenbach "Schuld sind immer die anderen"

Konservative Gentrifizierungsgegner und die richtige Form des Protests: Kulturwissenschaftlerin Anna Mießl wohnt im Glockenbach, das sich vom Rotlichtviertel zur Luxusmeile gemausert hat. Nun hat sie eine Arbeit über die Gentrifizierung geschrieben - denn die hat nicht nur negative Seiten.

Interview: Anna Fischhaber

Vom Rotlichtviertel zur Luxusmeile: Kulturwissenschaftlerin Anna Mießl, 30, wohnt seit sechs Jahren im Glockenbach. Nun hat sie sich mit der Gentrifizierung ihres Viertels auseinandergesetzt. Am Mittwochabend stellt sie ihre Arbeit im Import/Export vor. Dann wird dort über drei ganz unterschiedliche Viertel diskutiert - und darüber, was für eine Stadt wir eigentlich wollen.

Süddeutsche.de: Frau Mießl, ist es nicht ganz normal, dass sich eine Stadt verändert?

Mießl: Natürlich, sonst wäre sie ja tot. Auch Viertel müssen sich weiterentwickeln. Man könnte sogar sagen, es ist ein bisschen konservativ, wenn Leute das nicht wollen. Die Frage ist nur, in welche Richtung entwickelt sich eine Stadt. Und warum erfährt gerade so ein Viertel wie das Glockenbach so einen Hype.

Süddeutsche.de: Was haben Sie herausgefunden?

Mießl: Der Hype im Glockenbach hatte nicht nur mit der zentralen Lage und den billigen Wohnungen zu tun, sondern auch mit dem verruchten Klima - das Viertel war früher ein Sammelbecken für Außenseiter und Kreative. Das macht es natürlich spannend und zieht die Menschen an. Makler machen sich das zu Nutze. "The Seven" (Münchens teuerste Wohnanlage in der Müllerstraße) wirbt heute sogar explizit damit, ins Montmartre Münchens zu ziehen. Also mit etwas, was sie selbst verdrängt.

Süddeutsche.de: Ist es wirklich so schlimm im Glockenbach?

Mießl: Klar, es gibt sie noch, die Künstler, die Alteingesessenen. Aber sie werden weniger. Gentrifizierung bedeutet immer die Verdrängung sozialer Gruppen, vor allem der mit wenig Kapital. Wie sehr die Bewohner davon betroffen sind, hängt natürlich aber auch immer von der Perspektive ab.

Süddeutsche.de: Heißt das, die Gentrifizierung hat auch positive Aspekte?

Mießl: Wenn neue Kinderläden oder noch mehr Kitas entstehen, ist das für Familien, die heute lieber in der Innenstadt als im Grünen wohnen, natürlich super. Und auch dass die schwul-lesbische Community nur durch die Gentrifizierung verdrängt wird, stimmt nur bedingt. Das hat auch etwas damit zu tun, dass sich die Szene verändert und München insgesamt toleranter geworden ist. Auch wenn es noch immer viele Defizite gibt. Trotzdem sind immer alle gegen die Gentrifizierung. Dabei tragen viele, die neu in ein Viertel ziehen, ja selbst zur Gentrifizierung bei. Schuld sind aber immer die anderen.

Süddeutsche.de: Also nicht mehr umziehen? Oder was ist ihr Vorschlag?

Mießl: Das geht natürlich nicht. Genauso albern ist es, wenn im Internet vorgeschlagen wird, nur noch mit Plastiktüte durchs Glockenbach zu laufen. Aber ich finde es wichtig, dass die Bewohner sich bewusst machen, was in ihrem Viertel passiert, dass sie diskutieren.

Süddeutsche.de: Aber alle schimpfen doch über die Gentrifizierung des Glockenbachviertels ...

Mießl: Markant ist aber auch, dass es hier fast keine Proteste gab, sondern nur einzelne Beschwerden. Ich vermute, dass die Gentrifizierung hier lange für die Leute ganz ok war. Da herrschte die Mentalität: So lange es mich nicht betrifft, stehe ich auch nicht auf. Aber jetzt, durch die Luxuswohnungen, sind plötzlich auch viele aus der Mittelklasse betroffen. Nur: Jetzt ist es eben schon sehr spät.

Süddeutsche.de: Was können andere Viertel davon lernen?

Mießl: Ganz aufhalten kann man die Gentrifizierung nicht, weil, wer das Kapital hat, hat eben auch die Macht. Aber in Untergiesing beispielsweise hat man relativ früh gemerkt, dass viele aus dem Glockenbach rüberwandern. Der Aktionsgruppe ist es gelungen, verschiedene Initiativen an einen Tisch zu bringen. Sie informiert heute Mieter, was im Viertel passiert.

Süddeutsche.de: Und das Glockenbach ist schon verloren?

Mießl: Nicht unbedingt. Inzwischen machen ja sogar wieder Kneipen nur für die Nachbarschaft auf. Und der Bezirksausschuss versucht weiter, die Bewohner zu motivieren, sich zu wehren. Die zunehmende Segregation wird sich allerdings nur schwer aufhalten lassen.

"Stadtfragen -Vorträge und Diskurs: Drei Viertel Stadt...doch welche Stadt wollen wir haben? Anna Mießl, Annalina Häußermann und Stefanie Hammann berichten über Raumwahrnehmung und Raumaneignung im südlichen Bahnhofsviertel, im Glockenbachviertel und in Berg am Laim. Import Export, Goethestraße 30, Mittwoch, 1. Februar 2012, 19 Uhr, Eintritt frei

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