Gentrifizierung im Glockenbachviertel Am Ende des Regenbogens

Sie hießen Morizz, Selig und Café Cook - und sie boten Heimat für prominente und weniger prominente Homosexuelle. Doch inzwischen schließt im einst so schwulen Glockenbachviertel eine Gay-Kneipe nach der anderen - und Schwule werden mitunter offen angefeindet.

Von Simone Strobel

Wo vor zehn Jahren Besucher nur über Klingeln in die Schwulenbars gelangten, geht heute ein buntes Partyvolk ein und aus. "Jedes Wochenende zieht eine Partykarawane durch das Glockenbachviertel", sagt Thomas Niederbühl, Rosa-Liste-Stadtrat und Geschäftsführer der Aids-Hilfe. Dabei werden Homosexuelle immer wieder unangenehm belästigt, manchmal wird ihnen sogar Gewalt angetan. Niederbühl hat es selbst erlebt, dass Feiernde eines Junggesellenabschieds ihn und seinen Partner nachäfften und beleidigten. Da müsse man sich überlegen, ob man in der Öffentlichkeit die Hand halte oder sich küsse, sagt Niederbühl. "Vorsichtshalber lässt man da seinen Mann lieber los." Das sei nun mal die Kehrseite der neuen Sichtbarkeit.

Deutsche Eiche, Teddy-Bar, Pimpernel: In den Neunzigern reihte sich in dem Viertel nahe der Isar eine Schwulenbar an die andere. Neun Kneipen gab es allein in der Hans-Sachs-Straße. Die Schwulen- und Lesbenszene wohnte weitgehend unter sich; die Anwohner interessierten sich kaum für ihre Nachbarn. Menschen von außerhalb besuchten selten das Viertel. Mittlerweile muss man die Schwulenkneipen unter den vielen neu entstandenen Szenebars aufmerksam suchen, um sie zu entdecken.

Die Liste der schwul-lesbischen Bars und Läden, die in den vergangenen zehn Jahren schließen mussten, ist lang. Alexander Miklosy, Vorsitzender des Bezirksausschusses, wies schon im vergangenen Jahr darauf hin, dass sich Hetero-Kneipen oder Restaurants mehr rentierten als schwule Lokale. Die Geschichte des Pimpernels in der Müllerstraße zum Beispiel zeigt, dass die Öffnung für das Publikum außerhalb der Szene manchmal unausweichlich sein kann. Wo früher Freddie Mercury ein und aus ging, war bereits 2007 der anfängliche Glamour verflogen. Eine Lösung, den Club zu retten, war, die Tür für Menschen jeder sexuellen Orientierung zu öffnen. Ähnliche Geschichten spielen sich auch aktuell ab: Im früheren Café Selig in der Hans-Sachs-Straße serviert seit Anfang des Jahres ein afghanisches Restaurant Palau und Tschalau. Auch das Fetisch-Lokal Cook musste im Juni zumachen.

"Viele Betreiber von Schwulen- und Lesbenbars können sich Miete und Pacht nicht mehr leisten", sagt Christian Schultze, Geschäftsführer des Sub (Schwules Kommunikations- und Kulturzentrum). Da helfen auch prominente Besucher nicht. Im Club Morizz in der Klenzestraße kamen Alfred Biolek, Hape Kerkeling und Guido Westerwelle regelmäßig vorbei. Trotzdem konnte sich der Club nicht gegen die Konkurrenz behaupten und öffnete im Februar zum letzten Mal seine Türen.

Das Pflaster der Schwulen und Esoteriker

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