Geheimer Nebenverdienst Tagsüber Studentin, nachts Go-go-Girl

"Man hat ein paar Minuten Ruhm ganz für sich alleine": Studentin Marie arbeitet abends in der Disco - halbnackt an der Stange.

Von Katja Görg, SZ-Jugendseite

Der Text ist erschienen auf der Jugendseite der Süddeutschen Zeitung. Die Autorin Katja Görg ist 23 Jahre alt. Weitere Texte der Jugendseite finden Sie unter www.sz-jugendseite.de.

Stadtleben Geheimer Nebenverdienst

"Im Grunde genommen ist das ein Scheißjob, aber ich liebe ihn", sagt Marie. Nachts arbeitet sie als Go-go-Girl in Discos. Mit dem dort verdienten Geld finanziert sie sich ihr Sozialarbeitsstudium - und ihr Luxusleben.

(Foto: Foto: Buschmann)

Hinter ihrer großen Gucci-Sonnenbrille versteckt Marie (Name von der Redaktion geändert) ein geheimes Leben. Niemand soll die tiefen Augenringe sehen. Niemand soll erkennen können, dass Marie gestern Nacht unterwegs war - nicht zum Feiern, sondern zum Arbeiten: Seit sieben Jahren ist die junge Frau aus Germering professionelles Go-go-Girl.

Das sieht man ihr nicht an, zu unscheinbar ist Marie. Gerade einmal 1,60 Meter ist sie groß, aus einer Gruppe von 14-Jährigen würde sie nicht herausstechen. Tagsüber studiert sie soziale Arbeit, trägt weiße, ausgebeulte Turnschuhe und fransige Jeans. Nachts holt sie die schwarzen, hochhackigen Lackstiefel aus dem Schrank, geht in die Disko und besteigt halbnackt ein kleines Podest, das von Gitterstäben umgeben ist.

"Auf der Bühne schaltet sich in mir ein Schalter um: Da bin ich nur noch Go-go-Girl. Die Marie, die meine Freunde und meine Eltern kennen, gibt es dann nicht mehr", sagt sie bestimmt.

Immer wieder fasst sie sich in ihre langen schwarzen Haare, formt sie mal zu einem Zopf, mal zwirbelt sie einzelne Strähnen auf ihren Finger. Auf der Bühne lebt Marie ihren Bewegungsdrang aus: Lasziv tanzt sie zur sanften R'n'B-Musik und windet sich immer wieder um die silberne Metallstange in der Mitte des Podests.

Um sie herum stehen junge Männer mit Bierflaschen und Schnaps in der Hand. Eigentlich sollen sie durch das Go-go-Girl zum Mittanzen animiert werden, doch stattdessen gaffen sie Marie in ihrem kurzen schwarzen Rock, der eher einem Gürtel gleicht, und dem dazu passenden Bikinioberteil unverhohlen an. "Geil!", "Zeig' mir deinen sexy Arsch" und "Heiße Kurven, Süße!" sind die sanftesten Sprüche, die Marie zu hören bekommt.

Viele wollen grapschen

Oft bleibt es nicht bei Sprüchen. Viele Betrunkene versuchen immer wieder zu grapschen. Starke Nerven sind da von Vorteil - oder ein gewisser Abstand zum Publikum: "Darum tanze ich lieber in großen Discos, in denen ich eine wogende Menge weit unter mir habe als in kleinen Clubs, wo man den Männern direkt in die Augen sehen kann."

Maries Einstellung zu Männern hat sich seit ihrem Job als Go-go-Tänzerin grundlegend zum Negativen geändert. Immer wieder begegnet Marie im Nachtleben Männern, die Frauen einzig als Objekt sehen.

Kaum verwunderlich, dass Marie ihren Freund tagsüber kennengelernt hat. Er ist ein echter Gegenpol zu ihr: ruhig und kein Discogänger. Wenn Marie mit ihm zusammen ist, geht sie abends nicht mehr aus, sondern liegt mit ihm gemütlich auf der Couch vor dem Fernseher. Er akzeptiert ihren Job, wenn auch schweren Herzens. "Wenn ich Coyote mache, ist er immer ziemlich eifersüchtig", gibt Marie zu.

Kein Wunder: Bei der sogenannten Coyote Show tanzt Marie auf dem Tresen und übergießt sich mit Alkohol, den die Discobesucher ihr anschließend von der Haut schlecken dürfen. "Das ist schon ziemlich eklig, deshalb gehe ich danach sofort duschen. Aber es bringt gutes Geld", gibt Marie zu.

Berührungsängste, Schamgefühl? Keine Spur. Neben Coyote tritt die Germeringerin auch als "lebendes Buffet" auf, schlüpft bei Motto-Shows in die Rollen von Boxenludern, Playboy-Bunnys oder Lack-und-Leder-Dominas und tanzt hin und wieder oben ohne. "Nur unten rum ausziehen is' nich'", sagt Marie bestimmt.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Eltern von Maries Job erfuhren.